Fürstenkind, wie allein stehst du auf dem schwindelnden Gipfel,
Bis dich der Ritter erlöst, der sich in Liebe dir naht.
An einem heißen Julitage lag Frau Ursula im halb verdunkelten Gemach auf den Kissen ihrer Ruhebank, müde von traurigen Gedanken, abgespannt von der glühenden Hitze, und hörte nur mit halbem Ohr auf die „wunderbaren Historien von denen berühmten Frauen, so sich seit Erschaffung der Welt im Guten oder Bösen hervorgethan,“ ein kürzlich erschienenes Buch mit vielen schönen Bildern, aus dem die beiden am Fenster sitzenden Töchter ihr abwechselnd vorlasen. Sie schaute mit mattem Lächeln auf, als Herr Wilibald ins Zimmer trat und sich neben sie setzte. „Ich hoffe, du befindest dich wohl, liebes Weib,“ sagte er freundlich, „es würde mir doppelt schwer werden, dich leidend zurückzulassen.“
„Ihr wollt fort, lieber Herr?“ fragte sie ängstlich, „o laßt mich nicht allein, ich kann es nicht ertragen!“
„Ich habe so eben eine Botschaft erhalten,“ fuhr er fort, „die mich zu einer längeren Reise zwingt. Erzherzog Maximilian, der Sohn unsres Kaisers und unser zukünftiger Herr, wird sich mit Maria von Burgund vermählen, und der versammelte Rat hat mir den Auftrag gegeben, unsre Stadt bei dem Hochzeitsfest zu vertreten. Du wirst einsehen, liebe Ursula, daß ich eine solche Ehre unmöglich ablehnen konnte.“
„Ihr wollt bis nach Flandern reisen und mich für Wochen, vielleicht für Monate verlassen? o mein Gatte, das Haus wird mir wie ausgestorben erscheinen, und ich werde meinen, schon alles verloren zu haben, was ich liebte.“
„Du hast noch die Mädchen,“ versetzte er mit leisem Vorwurf; „sie werden sich sicher bemühen, dich zu pflegen und zu erheitern. Lieber noch hätte ich dich freilich mit mir genommen, denn vielleicht würde der Wechsel dir gut thun und dich wohlthätig zerstreuen.“
Sie überlegte eine kleine Weile. „Ich möchte Euch nicht zur Last fallen, lieber Herr,“ sagte sie, liebevoll zu ihm aufblickend, „und doch möchte ich Euch gern begleiten, wenn Ihr es wünscht. Ich will mich zusammenraffen, Wilibald; Ihr sollt Euch unterwegs nicht mit einer schwächlichen Frau plagen, die Euch jeden frohen Augenblick verkümmert.“
Der Entschluß war heilsam für die Ratsherrin, die Vorbereitungen zur Reise rissen sie gewaltsam aus dem Zustande dumpfen Brütens empor, in den sie verfallen war. Galt es doch auch für sie, den gediegenen Reichtum und den künstlerisch gebildeten Geschmack der freien Reichsstadt vor einer glänzenden Versammlung zu vertreten. Täglich gingen Kaufleute aus und ein, welche kostbare Stoffe und edles Geschmeide zur Auswahl vorlegten, oder der Gewandschneider, dem die Ausführung der Festgewänder übertragen war. Als endlich Frau Ursula den ganzen Hochzeitsstaat zur Probe anlegte, klatschten die Mädchen vor Freude in die Hände und erklärten, die fürstliche Braut selbst könne nicht herrlicher anzuschauen sein, als ihr liebes, schönes Mütterchen. Auch Herr Wilibald schien befriedigt, denn er küßte sein Weib auf die Stirn und flüsterte ihr zu, daß er stolz auf sie sein werde. — Als alle Vorkehrungen getroffen waren, wurden die Töchter auf den Annenhof geschickt, und die Eltern traten ihre Reise an. Um Frau Ursulas Kräfte zu schonen, konnten sie täglich nur wenige Meilen zurücklegen, und so vergingen mehrere Wochen, bis sie das ferne Ziel ihrer Reise erreichten. —
Die Augen von ganz Europa waren zu dieser Zeit auf Burgund gerichtet, das mit dem Tode des Herzogs Karl des Kühnen den Herrscher verloren hatte. Das Reich hatte sich im Laufe eines Jahrhunderts aus kleinen Anfängen zu großer Bedeutung entwickelt; durch Heiraten, Eroberungen und kluge Verträge war es an Größe gewachsen, bis es sich wie ein gewaltiger Keil zwischen Deutschland und Frankreich schob, zu beiden Staaten in einem Lehnsverhältnis stehend und doch beide in ihrer Sicherheit bedrohend. Blühende, volkreiche Städte, in denen sich deutsche und französische Elemente einten, wetteiferten an Kunstsinn, Gewerbefleiß und Handelsverkehr, wie an Üppigkeit und frohen Festen mit den Republiken und Fürstenhöfen Italiens; kein Herrscherhaus konnte sich eines gleichen Reichtums an Gold und Edelsteinen, an Prachtpalästen und herrlichen Gerätschaften, an Waffen und Kriegsmaterial rühmen. Die flandrischen und brabantischen Gewebe, die kostbaren Teppiche waren in ganz Europa hoch berühmt; auch die Kunst feierte hier schon ihre Triumphe, und der Name der Brüder van Eyck, welche zu Brügge und Gent ihre Malerschulen begründeten, hatte weithin einen hellen Klang.