Herr Ebner stand auf; seine kühlen, klugen Augen schimmerten feucht, er schloß ihn in seine Arme. „Mein einziger, geliebter Sohn,“ sagte er tiefbewegt, „ich hatte andre Wünsche für dich, und ganz anders lag dein Lebenslauf vor meinem hoffenden Blick. Aber die Kirche läßt nicht mit sich handeln, sie verlangt den höchsten Preis. Und da sie die Schlüssel des Himmelreichs in ihren Händen trägt, müssen wir uns ihr beugen in schweigendem Gehorsam.“

So war er denn endlich herangekommen, der lang gefürchtete Tag des Scheidens. Aller Wünsche trafen darin zusammen, daß Berthold nicht in ein Nürnberger Kloster eintreten sollte; sein Vater wollte ihn nach Augsburg bringen, wo ein entfernter Verwandter Prior des Augustiner-Konvents war. Im Gemach der Hausfrau saßen Mutter und Sohn und feierten eine Stunde vollster Versöhnung, in heißer Liebe und herzbrechendem Weh. Gewaltsam riß sich Berthold los von ihr und den Seinen, von den Freunden und Dienern des Hauses, die mit Thränen und Jammern ihn umstanden. Nur fort, fort! und wenn es in den Tod ginge! die Qual dieser Stunden war ein stückweises Sterben.

Wir lassen einen Schleier fallen über die Schmerzen des letzten Abschiedes, über Frau Ursulas verzweifelten Kummer, über die traurige Öde ihres Lebens ohne ihren Liebling. Nur die zärtliche Fürsorge für ihren Gatten hielt sie aufrecht, für ihn hatte sie immer einen freundlichen Blick und ein herzliches Wort.

Eines Tages kamen die Damen von Maltheim nach der Stadt geritten und stiegen im Ebnerhause ab. „Wo ist Berthold?“ fragte Irmgard hastig, als die beiden Töchter des Hauses ihr grüßend entgegentraten.

„Er ist fort,“ sagte Margarete traurig, und Elsbeth setzte schnell hinzu: „Er ist ins Kloster gegangen, um ein altes Gelübde zu erfüllen, und wird nie wieder zu uns zurückkehren.“

Irmgards blasse Wangen wurden noch bleicher, Thränen stiegen in ihre Augen, aber sie wischte sie trotzig fort. „Es ist nicht möglich,“ sagte sie heftig und stampfte mit dem kleinen Fuße auf; „Gretel, sage schnell, daß es nicht wahr ist.“

„Es ist doch wahr, Irmgard; hat er denn nicht Abschied von dir genommen?“

„Er führte das letzte Mal allerlei närrische Reden, aber ich sagte ihm, das sei ein schlechter Scherz. So niedrig dächte ich nicht von ihm, um zu glauben, daß er sich freiwillig zu willenlosem Müßiggange und trübseliger Knechtschaft verurteilen ließe, und wenn ihm einer das zumute, solle er sich dessen weigern und um seine Freiheit kämpfen bis aufs Blut: ich würde lieber sterben, als eine Nonne werden. Da rief er mir zu, ich würde meine bösen Worte künftig noch bereuen; wenn ich einmal zu seinen Füßen kniete, würde er mir die Absolution verweigern, denn dann hielte er die Schlüssel des Himmels in seinen Händen. Damit lachte er laut auf und ritt davon — aber es war nicht sein helles, frohes Lachen; ich hörte es immerfort in meinen Ohren klingen, und es hat mir sehr wehe gethan. Und nun soll ich ihn nicht wiedersehen, den lieben, frohherzigen Kameraden, und nicht einmal einen besseren Abschied von ihm nehmen? o Gretel, das ist hart!“ Sie verbarg das Gesicht an der Brust der Freundin und brach in leidenschaftliches Weinen aus.

Elftes Kapitel.
Maria von Burgund.