„O, ich erinnere mich wohl; der Vater war so böse, Hans sollte mit dir hart gestraft werden, aber du nahmst alle Schuld auf dich und trugst allein die ganze Strafe, mein großmütiger Bruder.“

So ging es eine lange Weile fort mit „weißt du noch?“ und „erinnerst du dich?“ bis die dunkle Wolke auf Bertholds Stirn sich lichtete und mitunter sein altes, helles Lachen erklang. „Und immer,“ sagte er, „war das Ende aller Spiele, daß unsre Herzmutter kam und uns Äpfel, Nüsse und Honigkuchen brachte, daß sie uns lobte und liebkoste, oder für uns bat, wenn wir eine Dummheit begangen und des Vaters Zorn erregt hatten. Und immer erschien sie mir wie ein Abbild der Mutter Gottes, die auch so mild und gütig ist und für die Sünder bittet. Damals liebte sie mich noch — aber jetzt ...“

„Berthold!“ rief die Schwester tief erschrocken, „willst du an der Liebe unsrer Mutter zweifeln?“

„Ist das Liebe,“ fragte er düster, „die dem einzigen Sohne alles raubt, was uns das Leben schön und wert macht? Um ihretwillen habe ich auf alle Träume von Rittertum und kriegerischen Lorbeeren verzichtet, um ihretwillen soll ich mich jetzt lebendig begraben — und das nennst du Liebe?“

„O mein Bruder,“ sagte das Mädchen mit tiefer Trauer, „wie wenig verstehst du die Liebe unsrer Mutter! Siehst du nicht, wie unaussprechlich sie um dich leidet, daß sie in wenig Wochen um Jahrzehnte gealtert, daß ihr schönes, braunes Haar von Silberfäden durchzogen ist! Sie würde Leben und Seligkeit opfern, um dich zu retten, aber es giebt kein Mittel, um deine Seele zu lösen, als das eine, vor dem wir alle zurückbeben, und das doch unabwendbar ist.“

Er sah in tiefem, trübem Sinnen vor sich nieder, ohne etwas zu erwidern. „Sieh, Berthold,“ fuhr sie leise fort, „wenn es ein Mittel gäbe, um dich von diesem traurigen Schicksal zu befreien, die Deinen würden ja nicht zaudern, dir jedes Opfer zu bringen. Ich ging zu Pater Benedikt und flehte ihn an, dich frei zu geben, ich wolle statt deiner ins Kloster gehn, — aber er sagte, hier sei keine Stellvertretung möglich, der Himmel verlange das voll und ganz, was ihm geweiht sei.“

„Du, Gretel, du wolltest dich für mich opfern?“ sagte Berthold mit Thränen in den Augen; „hast du bedacht, was es heißt, dem Leben entsagen und der lichten, sonnigen Welt und den Menschen, die du lieb hast, und dich einsperren in einen dumpfen Kerker, mit verknöcherten Seelen, in denen allmählich alles menschliche Gefühl, jeder eigne Gedanke erstorben ist, die nur noch willenlose Werkzeuge ihrer Oberen sind? Und das sind noch die besten unter ihnen, die es so weit bringen!“

„Ja, es wäre schwer gewesen, Berthold, aber doch leichter für mich, als für dich. Ein Mädchen lebt ohnehin in einer engeren Welt, als ein Mann, und ich bin gewiß, man kann im Kloster Gott mit reinem Herzen und voller Hingabe dienen.“

„Mein Schwesterlein, meine liebe, süße Grete,“ flüsterte er mit überströmender Zärtlichkeit, „hab Dank für deine Treue! Du hast mir sehr wohlgethan und den schlimmsten Druck von meiner Seele genommen; ich kann wieder an die Liebe meiner Mutter glauben — und an die deine, du treues Herz; habe tausend Dank dafür!“ —

Wenige Tage später trat Berthold in seines Vaters Schreibzimmer. „Ich bin bereit,“ sagte er mit düsterer Entschlossenheit, „bringt mich ins Kloster.“