Er sprang wild empor, sie hielt ihn mit sanfter Gewalt fest. „Geh nicht so von mir, mein Sohn,“ bat sie flehend, „geh nicht im Zorn von deiner Mutter, die dich grenzenlos liebt und jedes Leid, das dich trifft, doppelt schwer in ihrem Herzen empfindet.“
„Mutter, Mutter!“ rief er außer sich, indem die hellen Thränen ihm aus den Augen stürzten, „du weißt nicht, welche Aussicht du vor mir aufthust! O warum ließest du mich nicht lieber sterben, ehe du um solchen furchtbaren Preis mein Leben erkauftest! Tausendmal lieber auf dem Friedhof begraben sein, als bei lebendigem Leibe im Kloster vermodern! O, du weißt es nicht, welch ein Leben viele dieser frommen Brüder führen, die äußerlich so demütig und scheinheilig thun und innerlich voll Laster sind. Wievielmal habe ich mit meinen Genossen über die heuchlerischen Mönche gespottet, die es oft schlimmer treiben, als das ärgste Weltkind — und nun soll ich selbst einer ihrer Schar werden, soll umherziehen mit frommer Miene und mit Tücke im Herzen — nein, ich kann es nicht, Mutter, es ist unmöglich!“
Frau Ursula war wie vernichtet, dennoch durfte sie nicht nachlassen; ihr eignes Seelenheil hätte sie im Übermaß mütterlicher Liebe vielleicht aufs Spiel gesetzt, — das ihres Sohnes niemals! Sie weinte und flehte; endlich warf sie sich vor Berthold auf die Kniee und rief jammernd: „Hast du kein Erbarmen mit deiner unglücklichen Mutter? willst du sie meineidig machen und ihre Seele in alle Ewigkeit zur Hölle verdammen lassen?“
Lange stand der Jüngling regungslos von ihr abgewendet, endlich reichte er ihr die Hand. „Ich will es thun,“ sagte er heiser, „um deinetwillen will ich es thun. Aber laßt mir Zeit.“ Damit stürmte er hinaus und ward für viele Stunden nicht im Hause gesehen. —
Eine dunkle Wolke hing über dem Ebnerhause; es war, als läge ein Toter darin. Verstummt war jedes laute Wort, jedes heitere Lachen; niedergeschlagen schlichen alle Bewohner umher und wagten nur miteinander zu flüstern. Berthold vermied jedes Alleinsein mit seiner Mutter, die namenlos darunter litt, mußte sie doch jedes Weh dreifach durchkosten: in ihrer eignen Seele, in der des Gatten und des geliebten Sohnes. Jeder vermied es ängstlich, auf seinen Eintritt ins Kloster hinzudeuten, und er selbst schien den Gedanken weit von sich zu schieben. Bald arbeitete er den ganzen Tag im Kontor mit einem Eifer, als hinge sein Leben daran; bald ließ er sein Pferd satteln und sprengte hinaus, um erst in sinkender Nacht heimzukehren; mitunter verweilte er bis zum Morgen im Kreise lustiger Zecher — er selbst der ausgelassenste unter den übermütigen Genossen; ein andermal blieb er den ganzen Tag auf seinem Lager liegen, als ob jeder Lichtstrahl ihm weh thäte. Es ging ein tiefer Riß durch sein ganzes Wesen, ein klaffender Zwiespalt, der noch lange nicht geheilt war.
Eines Tages saß Margarete in ihrer Mädchenkammer am offnen Fenster, das durch die zartbelaubten Zweige des Nußbaums in eine Laube verwandelt wurde. Des Mädchens Herz war schwer und bedrückt! sie sehnte sich unbeschreiblich nach einer Aussprache mit dem Bruder und wagte es doch nicht, dieselbe herbeizuführen, weil sie fürchtete, zurückgewiesen zu werden. Da kam Berthold müden Schrittes über den Hof gegangen; er blieb neben dem Baum stehen, legte die Arme um den alten Stamm, wie um einen treuen Freund, und blickte sinnend in sein Laubdach hinauf. Leise verließ Margarete das Fenster und eilte auf den Hof hinab; sie legte ihre Hand sanft auf seine Schulter und sagte in innigem Ton: „Mein lieber, guter Bruder! wie oft haben wir als glückliche Kinder unter diesem Baum gespielt!“
Er küßte sie mit zuckenden Lippen, und ein trauriges Lächeln flog über seine bleichen Züge. „Wollen wir noch einmal hinaufsteigen ins alte Kindernest, Gretelein?“ fragte er. Sie nickte, und beide kletterten die schmale Leiter empor, die an den untersten Zweigen befestigt war; da, wo der gewaltige Stamm sich in unzählige Äste teilte, war ein Sitz angebracht, der die Wonne der Kinder gewesen war. Für zwei Erwachsene war er freilich eng, aber sie schmiegten sich so fest aneinander, daß der Platz ausreichte.
„Weißt du noch, Gretel,“ begann er, „wie wir dich einmal hier sitzen ließen, als du noch ein ganz kleines Ding warst, und die Leiter fortnahmen, daß du nicht herunterkonntest? wie du da flattertest und pieptest, wie ein Vögelchen, das noch nicht fliegen gelernt hat?“
„Gewiß weiß ich’s noch: du mußtest hart mit Hans kämpfen, der mir durchaus helfen wollte, und unterdessen kam Ulrich und befreite mich. Ulrich war immer mein getreuer Ritter, der mich gegen dich in Schutz nahm, du lieber, böser Berthold!“
„Und besinnst du dich noch, Gretelein, wie wir einmal den Turm zu Babel aus Fässern und Kisten erbaut und dich und Elsbeth oben drauf gesetzt hatten, und wie dann plötzlich der ganze Bau zusammenbrach, daß ihr jammernd am Boden lagt?“