„Ihr erinnert Euch jenes Sommers, Wilibald, als wir vor der Pest nach dem Annenhof flohen und die Seuche zuletzt doch unsern Berthold ergriff? Damals lag ich in Todesangst vor dem Altar der heiligen Anna und gelobte ihr alles Erdenkliche, wenn sie mir meinen Sohn erhalten wollte; ich flehte um ein Zeichen, daß sie mich höre — umsonst. Da schrie ich in meiner Qual zu ihr, ich wolle meinen Sohn dem Himmel weihen, und mir war’s, als spräche eine Stimme ‚Amen‘ dazu — und dann kamt Ihr und sagtet, Berthold sei gerettet! Nachher überredete ich mich, niemand habe mein Gelübde gehört; ich beriet mich mit Meister Andreas, der so gut und fromm ist und mich warnte, jemand wider seinen Willen zum geistlichen Stande zu bestimmen; auch in seinem Familienkreise und mitten im Leben könne man dem Himmel angehören. Von Stund’ an bemühte ich mich, meine Kinder für den Himmel zu erziehen, und ich glaube, es ist mir gelungen. Heute wollte ich beichten; ich wußte nicht, daß unser lieber Propst krank sei, daß ein andrer im Beichtstuhl säße. Wie eine Posaune des Gerichts klang seine Stimme an mein Ohr: er selbst, Pater Benedikt, hatte damals mein Gelübde belauscht und strafte mich mit strengen Worten, daß ich es immer noch nicht erfüllt habe. Er drohte mir mit allen Strafen der Hölle, nicht allein für mich, auch für meinen Sohn, wenn ich eidbrüchig mein Versprechen zurückzöge. Ich bat und flehte, ich bot ihm jeden Ersatz — alles vergebens! er blieb dabei, nur das Eine vermöchte meine und Bertholds Seele vom Verderben zu retten. O ihr Heiligen, soll ich meinen Liebling, mein Kleinod, vom frohen Lichte des Tages scheiden sehen, soll ich ihn ins Kloster ziehen lassen? — schrecklicher, qualvoller Gedanke! und dennoch — dennoch ....“ Ein heißer Thränenstrom erstickte ihre Worte, verzweifelnd barg sie ihr Gesicht in ihren Händen.

Stumm und starr hatte Ebner diesem Bekenntnis zugehört; jetzt ließ er Ursula los und durchmaß mit großen Schritten das Gemach. „Unglückseliges Weib, was hast du gethan?“ sagte er dumpf. „Meinen einzigen Sohn, die ganze Hoffnung meines Alters, hast du dem lebendigen Tode geweiht! Wofür habe ich denn gearbeitet und mich abgemüht bei Tag und Nacht, wofür habe ich so schwere Opfer gebracht, um meinem Namen Ansehn zu geben, wenn er mit mir zu Grabe geht? — Ich war einst ein froher Geselle, wie Berthold,“ fuhr er mit klangloser Stimme fort, und es war, als spräche er mehr zu sich selbst, als zu einer andern — „was kümmerte es mich, daß wir nicht reich waren, lag doch die ganze Welt vor mir offen! Aber als ich am Sterbebette meines Vaters stand, als er mir sagte, daß ihn die falsche Freundschaft eines adligen Herrn um Gut und Ehre betrogen habe, als ich in seine erkaltende Hand geloben mußte, alle Kräfte einzusetzen, um unserm alten, herabgekommenen Namen wieder einen Klang in der Welt zu verschaffen — da riß ich in einer Stunde alle die zarten Bande entzwei, die mich an mein bisheriges Leben fesselten. Ich hatte eine Braut, ein liebes frommes Kind, das mit ganzer Seele an mir hing, und das ich zärtlich liebte, aber Hedwig war arm und von bescheidner Herkunft — — ich gab ihr ihren Ring zurück, ich brach ihr die Treue, und ihr brach darüber das Herz! — Ich kam hierher und lernte deinen Vater kennen, er schenkte mir sein Vertrauen, und ich machte mich dessen würdig; nach zehn Jahren treuer Arbeit reichtest du mir deine Hand, und ich trat ein in die Reihen der Vornehmsten dieser Stadt. Mir ward ein Sohn geboren, mein Streben erhielt einen neuen Aufschwung; für ihn wollte ich schaffen, auf sein Haupt alles häufen, was meiner Arbeit und Hingabe erreichbar war; ihm wollte ich einen sichern Weg bahnen, und er sollte meinen Namen hinaustragen bis in späte Geschlechter. Und nun hast du ihn dem Kloster gelobt, meinen einzigen Sohn, den alleinigen Träger meines Namens — und das ganze Gebäude meiner Hoffnungen und Anstrengungen stürzt zusammen, wie ein Kartenhaus!“

Schneidend gingen seine Worte durch Ursulas Seele. Also darum hatte er sie geheiratet — nicht, weil er sie lieb gehabt, sondern weil sie eine Stufe auf der Leiter war, die er ersteigen wollte, weil er mit der Hand der Erbtochter eines alten Geschlechts für sich selbst einen höheren Rang erwarb! Aber zugleich fiel ihr ein, wie hoch er sie stets gehalten habe, und wie er ihr immer ein treuer, liebevoller Freund gewesen sei; ihr ward auf einmal klar, wie namenlos seine Täuschung sein mußte, als er sich plötzlich den Sohn entrissen sah, für den er so viel gethan und gehofft — und ein tiefes Mitgefühl mit seinem Kummer kam über sie. Sie ging auf ihn zu, schlang ihre Arme um ihn und sagte mit flehender Stimme: „Wilibald, lieber, teurer Mann, wende dich nicht von mir ab in dieser furchtbaren Stunde! Laß mich nicht zugleich mit dem Sohn auch den Gatten verlieren! laß uns gemeinsam die bittere Heimsuchung tragen, die der Himmel über uns verhängt hat.“

Er sah sie an, fragend und zweifelnd, dann zog er sie an seine Brust und küßte sie mit tiefer Innigkeit. „Mein treues, gutes Weib,“ sagte er bewegt, „mir ist noch nicht alles genommen, solange du mir bleibst und deine Liebe.“

Nie zuvor waren die Ehegatten so fest vereint gewesen, wie in dieser Stunde; ein neuer Bund hatte ihre Herzen umschlungen in wärmerer Neigung und rückhaltloserem Vertrauen, als in all den bisherigen Jahren ihrer Ehe. Lange saßen sie bei einander und berieten, was zu thun wäre; Herr Ebner versuchte es selbst, Pater Benedikt umzustimmen; er bot ihm die reichsten Schenkungen für sein Kloster, seine Kirche an, — aber der Pater beharrte fest auf der Behauptung, daß Berthold dem Himmel feierlich gelobt sei, und daß es keinen Weg gäbe, um das Gelübde ohne Eidbruch zu umgehen. —

Berthold ahnte nichts von dem Gewitter, das sich über seinem Haupte zusammenzog; fröhlichen Herzens war er hinausgeritten in den sprossenden Wald und hatte mit den Vögeln um die Wette gejubelt und gesungen. Er benutzte gern jeden freien Tag, um die Stadt zu verlassen; das Kontor war ihm immer noch eine trübselige Stätte, an die nur das Muß, kein eignes Interesse ihn fesselte. So oft er konnte, ließ er Bücher und Warenballen hinter sich und eilte hinaus in die heitere Gotteswelt, wo ihm das Herz weit aufging. Er machte sich gern etwas auf dem Annenhof zu schaffen; bald wollte er nach der Wirtschaft sehen, bald erbat er sich einen Auftrag seiner Mutter an Crescenz; war’s doch immer nur ein kurzer Ritt von dort bis nach Maltheim, wo er gar zu gern vorsprach. Irmgard empfing ihn immer mit Jubel; mit ihm konnte sie nach Herzenslust umherschwärmen, bald zu Fuß und bald zu Pferde, und er hatte stets ein offenes Ohr für ihre Begeisterung für alte Helden und vertiefte sich mit ihr in ritterliche Träume. Dem alten Ritter war er auch willkommen, denn er hatte ein offenbares Verständnis für die wunderbaren Heldenthaten seines geliebten Herrn, des Markgrafen Albrecht Achilles, und ließ sich geduldig zum hundertsten Mal all die Turniere beschreiben, die jemals auf der Kadolzburg abgehalten worden waren, und deren Pracht und Bedeutung der jetzigen schwächlichen Generation wie ein Märchen erscheinen mußte. Mit Frau Kunigunde sprach Berthold von Ulrich, der nun schon seit Monaten in der Fremde war; erst einmal hatten die Seinen eine Botschaft von ihm erhalten, — um so unbegrenzter war das Feld für Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen.

Berthold hatte diesmal in Maltheim übernachtet und kehrte erst am nächsten Mittag von dort nach Hause zurück. Seine Mutter, die eine schlaflose Nacht in Gebet und Thränen zugebracht, hatte Befehl gegeben, ihn sogleich zu ihr zu führen. Ihr brach fast das Herz, als sie ihn in den Hof einreiten sah; wie jung und lebensfroh sah er aus, mit welcher Schnellkraft schwang er sich vom Pferde, wie heiter und leutselig sprach er mit dem Reitknecht, der, wie alle Diener des Hauses, mit bewundernder Zuneigung an seinem jungen Herrn hing. Er sollte scheiden von dieser sonnigen Welt, für die er doch so ganz geschaffen war; er sollte eine grobe Kutte tragen, dem doch die ritterliche Kleidung so gut stand; er sollte niedrige Dienste verrichten, der doch gemacht schien, zu befehlen und sich bedienen zu lassen — o Gott, es war zu hart und bitter, und das Schrecklichste davon war, daß sie, seine Mutter, die mit Freuden ihr Herzblut für ihn hingegeben hätte, ihm selbst dies Schicksal bereitet hatte!

Da stand er schon auf ihrer Schwelle und kam mit ausgebreiteten Armen und fröhlich leuchtendem Antlitz auf sie zu. „Bist du wieder frisch und gesund, Herzmutter?“ sagte er mit zärtlicher Umarmung; „ich war gestern recht betrübt, daß ich dir nicht lebewohl sagen durfte. Aber nein, du bist noch nicht genesen, du siehst ganz verändert aus, so angstvoll und traurig, und deine Augen sind rot von Thränen — o sprich, was ist dir, mein Mütterchen, laß dich von deinem Berthold trösten!“

Jedes seiner Worte gab ihr einen Stich ins Herz, daß sie meinte, sie könne die Pein nicht ertragen. „Setze dich zu mir, mein Sohn,“ sagte sie mit mühsam behaupteter Fassung, „ich habe dir sehr, sehr Ernstes zu sagen.“ Sie erzählte ihm die Geschichte jenes Sommers, als er an der Pest daniederlag, und die gestrige Mahnung des Paters. Ungläubig hatte er zugehört, halb lächelnd, halb unwillig; jetzt rief er mit lautem, erzwungenem Lachen: „Ich verstehe dich nicht, Mutter, was meinst du eigentlich? Du kannst unmöglich auch nur einen einzigen Augenblick daran denken, einen Mönch aus mir zu machen! Ha ha! welch ein lustiger Einfall — ich fürchte, ich würde nur einen Wolf im Schafskleide abgeben!“

„Lache nicht, Berthold,“ erwiderte sie schmerzlich, „du thust mir unsagbar wehe damit. Es ist kein Scherz, es ist bitterer — furchtbarer — unabwendbarer Ernst!“