Erstes Kapitel.
Afras Heimkehr.
In den gewaltigen Baum fährt zündend das Feuer des Kriegsgotts;
Wehe der Vöglein Schar, welche dort Nester gebaut!
Die glorreiche Zeit der Hohenstaufen war längst vorüber; an poetischer Schönheit, Glanz und Größe jedem andern Königsgeschlecht auf Erden überlegen, waren sie doch innerhalb eines Menschenalters von der höchsten irdischen Höhe hinabgestürzt und erloschen, — der letzte Sproß eines mächtigen Hauses, welches Deutschland sechs Herrscher gegeben hatte, war ohne Land und Leute zu Neapel auf dem Blutgerüst gestorben. Der Untergang der Hohenstaufen schien auch den Verfall deutscher Kraft und Herrlichkeit zu bedeuten; überall herrschte Auflösung und Kampf, die Macht des Gesamtreiches zerbröckelte in unzählige kleine Staaten, Fürsten und Städte suchten nur noch das eigne Wohl und fragten wenig nach dem Gedeihen des Ganzen. Wohl bestieg hin und wieder ein Kaiser den deutschen Thron, der mit kraftvoller Hand in das Chaos eingriff und die Geschicke des Reiches in festere Bahnen lenkte: ein Rudolf von Habsburg, ein Heinrich der Siebente von Luxemburg umgaben die Krone noch einmal mit dem Glanz einer mächtigen Persönlichkeit, — aber sie konnten den Verfall nur aufhalten, nicht dauernd verhüten. Im Innern stritten Deutsche wider Deutsche: die großen Städte vereinigten sich zu festen Bündnissen gegen die benachbarten Fürsten, diese standen gegen den Kaiser in Waffen, von außen aber drohten mächtige Feinde von allen Seiten. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verwüsteten die böhmischen Hussiten die angrenzenden deutschen Lande mit Mord und Brand; später drängten in wildem Fanatismus die türkischen Scharen, welche das morsche, oströmische Reich erobert hatten, gegen Ungarn und Deutschland vor; im Westen breitete ein gewaltiger Gegner, der Herzog von Burgund, seine Herrschaft immer weiter aus und brachte manches schöne Reichsland unter sein Scepter.
Solchen Männern gegenüber saß auf Deutschlands Kaiserthron um diese Zeit ein Mann, der so großen Gefahren wenig gewachsen war. Friedrich der Dritte war ein Philosoph, der sich bei astrologischen Träumereien, Gartenzucht und Heilkunde über den schlimmen Lauf der Welt tröstete. Er besaß keine einzige große königliche Eigenschaft; mit zäher Berechnung verfolgte er ein halbes Jahrhundert hindurch nur ein einziges Ziel, das, seine österreichische Hausmacht zu vermehren. Er selbst klagte, daß „das Reich voll Gewaltthätigkeit, Mord und Brand sei, davon es gar schädlich gemindert werde,“ aber er fand kein Mittel, dem Verderben zu steuern.
Man schrieb das Jahr 1468. Mit einem starken Heer lag der Burgunderherzog Karl der Kühne vor den Mauern von Lüttich; er hatte einen hohen Schwur gethan, dasselbe für seine wiederholte Widersetzlichkeit furchtbar züchtigen zu wollen. Die Stadt hatte seit alter Zeit zum Deutschen Reich gehört, in allen kirchlichen Dingen hatte der Erzbischof von Köln die oberste Entscheidung. Widerwillig fügte sie sich dem burgundischen Regiment und befand sich in stetem Widerstreit gegen den aufgedrungenen Bischof, der ein naher Verwandter des Herzogs war. Die strengsten Strafen hatten den kühnen, trotzigen Geist der Einwohner nicht zu brechen vermocht; aufs neue hatten sie sich erhoben, um ihre Freiheit und Selbständigkeit gegen den herzoglichen Statthalter zu verteidigen, und mit dem Mute der Verzweiflung wehrte sich jetzt die Bürgerschaft gegen den Angriff des Herzogs, welcher mit einer Anzahl gewaltiger Geschütze ihre festen Mauern bedrohte.
Schon acht Tage lang tobte der erbitterte Kampf, und auf beiden Seiten war eine Pause der Ermüdung eingetreten. Der Donner der Kartaunen war endlich verstummt, die Einwohner atmeten nach der furchtbaren Spannung freier auf. An der Thür eines kleinen Hauses stand in der Abendstunde ein junges Weib und schaute mit angstvollem Blick die Straße hinab, auf der jetzt bewaffnete Männer, einzeln und in Gruppen, vorübereilten. „Habt Ihr den Matthias Fiedler nicht gesehen, Nachbar?“ rief sie dem einen und dem andern Bekannten zu, doch erhielt sie keine Antwort, außer einem flüchtigen Kopfschütteln; es hatte eben keiner Zeit, an den Nächsten zu denken. Jetzt kam ein Mann daher, müden Schrittes schleppte er sich weiter, tödliche Erschöpfung war seiner ganzen Erscheinung aufgedrückt. Sie flog ihm entgegen und legte stützend den Arm um ihn. „Kommst du endlich, mein Matthias?“ sagte sie liebevoll, „o wie habe ich mich um dich geängstigt! ich meinte schon, ich sollte dich niemals wiedersehen!“
„Es fehlte nicht viel, so wäre ich auf dem Wall liegen geblieben,“ erwiderte er langsam; „es war harte Arbeit, und die neuliche Wunde schmerzt noch immer. Doch — den Heiligen sei Dank! — jetzt darf ich eine Weile ruhn.“
Sie führte ihn in das Haus, wo ihnen ein zehnjähriger Knabe entgegenkam; Mutter und Sohn beeiferten sich, dem Vater die Rüstung und die schweren Waffen abzunehmen, und bald streckte er sich behaglich auf dem bereitstehenden Lager aus. Erst, als er sich mit Speise und Trank gestärkt, that die Frau einige Fragen nach dem Stande der Dinge. „Für die nächsten vierundzwanzig Stunden ist nichts zu fürchten,“ versetzte Matthias, „unsre Kundschafter brachten uns Botschaft, daß Herzog Karl selbst der Ruhe bedarf. Freilich ist’s nur ein kurzer Aufschub; morgen, zu Allerheiligen, werden die Geschütze schweigen, danach aber müssen wir uns auf einen Sturm gefaßt machen. Mögen Gott und alle vierzehn heiligen Nothelfer uns beistehen, daß wir der Gewalt des furchtbaren Herzogs nicht erliegen — sonst würde es uns schlimm ergehen.“