Zitternd drückte die Frau seine Hände und schlang den Arm um den Knaben, der aufmerksam, mit weit geöffneten Augen, zugehört hatte. „Warum sind wir nicht geflohen, ehe die Belagerung begann!“ klagte sie leise; „warum müssen wir, die wir hier fremd sind, all dieses Ungemach ertragen? O, hätten wir nie die teure Heimat verlassen, wären wir nie in dieses Land gekommen, das uns in sein Verderben hineinzieht!“
„Arme Afra!“ versetzte er wehmütig, „warum hast du dein Leben an das meine geknüpft? habe ich doch nur Unruhe, Mühe und Sorge über dich gebracht! Und du hättest daheim so friedlich und wohl behütet leben können!“
„Nein, nein!“ rief sie lebhaft und schloß ihm die Lippen mit einem Kuß, „sprich nicht so, Matthias! Tausendmal lieber mit dir in Lüttich zu Grunde gehen, als in Nürnberg ohne dich ein ruhiges Leben führen! Es ist auch nicht um mich, wenn ich klage, nur um die Kinder — um unsern Hans und die kleine Matthäa —, das Mutterherz blutet, wenn es denkt, daß ihnen ein Leides geschehen könnte! Aber nun schlafe, teurer Mann, und sammle neue Kraft, du wirst sie brauchen.“
Die Nacht verging ruhig; am nächsten Morgen luden alle Glocken der zahlreichen Kirchen Lüttichs zur Feier des Allerheiligenfestes ein. Zu Tausenden drängten sich die Einwohner um die Altäre; fühlte doch ein jeder, daß ohne höhere Hilfe sicheres Verderben das Los der Stadt sein müsse. Auch Afra war in die nächste Kirche geeilt, während Matthias noch schlief und die kleine einjährige Matthäa der Obhut ihres Bruders Hans übergeben war. Heiße, brünstige Gebete stiegen zu allen Heiligen des Himmels empor; nie hatte man eine andächtigere Menge vor ihren kostbaren Schreinen und Altären versammelt gesehen. Da scholl plötzlich der dumpfe Ton der Sturmglocke in den Gesang der Gemeinde hinein; zugleich dröhnten die burgundischen Kartaunen, und wildes Geschrei erklang von den Wällen. Entsetzt stob die Menge auseinander; in tobender Angst drängte jeder hinaus, die Frauen stürzten in ihre Häuser, die Männer auf ihre Posten, die vorher jedem sorgsam angewiesen worden waren. An allen Gliedern bebend, erreichte Afra ihr Haus: schon war Matthias vom Lager aufgesprungen und wappnete sich in atemloser Hast. „Der Herzog hat uns überrumpelt — Gott sei uns gnädig — halte alles zur Flucht bereit ...“ — ohne Abschiedsgruß war er davon gestürmt.
In halber Betäubung raffte Afra die notwendigsten Sachen zusammen und packte sie in ein Bündel, schnürte die kleine Matthäa in Betten ein und rüstete Hans für die Reise aus. Dann setzte sie sich nieder, drückte ihre Kinder fest an sich und schaute mit brennendem, thränenschwerem Blick um sich. Wie freundlich sah es in dem Häuschen aus! mit welcher Freude hatte sie ein Stück nach dem andern angeschafft, war doch jedes ein Merkmal des Fleißes und der Kunstfertigkeit ihres Matthias, die hier so reichen Lohn gefunden, daß sein unbezwinglicher Wandertrieb endlich zur Ruhe zu kommen schien. War auch in ihrer Seele das Heimweh nie erloschen, so war sie doch dankbar gewesen, hier in Lüttich eine bleibende Stätte zu finden, — und nun sollte sie alles verlassen und flüchtig in die Welt hinaus ziehn! — o, es war sehr bitter, und das Herz zog sich ihr krampfhaft zusammen vor Kummer und namenloser Angst.
Auf der Flucht.
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GRÖSSERES BILD
Ein Schlag gegen die Hausthür schreckte sie aus dumpfem Brüten auf; blutbespritzt, mit dem Ausdruck der Verzweiflung in den verzerrten Zügen, stand Matthias vor ihr. „Fort, fort!“ keuchte er, „die Burgunder sind auf den Wällen, in wenig Augenblicken überschwemmen sie die Stadt. Wehe dem, den sie hier finden!“ Er nahm Hans auf den Rücken, ergriff Afras Hand mit eisernem Druck und eilte mit den Seinen dem südlichen Thore zu, das von dem feindlichen Angriff noch verschont geblieben war. Schon wälzte sich ein breiter Strom von Flüchtlingen die Straße hinab, erzwang die Öffnung des Thores und stürmte hinaus, dem nahen Walde zu. Zu Fuß, zu Pferde, in Wagen und Karren suchten die unglücklichen Bewohner sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen, während hinter ihnen entsetzliches Geschrei und wildes Toben anzeigte, daß die wütenden Feinde in die besiegte Stadt eingedrungen seien.