Herzog Karl hatte seinen Schwur erfüllt: das blühende Lüttich mit seinen dreihundert Kirchen, seinen kunstreichen Werkstätten und Eisenhämmern war fast vom Erdboden verschwunden! Ohne Rücksicht auf Alter, Stand und Geschlecht waren die Einwohner hingemordet worden, Priester lagen am Altar erschlagen, Gefangene wurden massenweise in die Maas gestürzt, die Häuser waren zuerst geplündert, dann den Flammen übergeben worden. Aber noch nicht genug der Greuel: auch an den Wehrlosen, die in den Schluchten des Ardennenwaldes eine Zuflucht gesucht, ließ der Herzog furchtbare Rache üben; wochenlang verfolgten seine Kriegsknechte die Flüchtlinge, damit auch nicht eine Seele übrig bleibe, um in die verödeten Wohnstätten zurückzukehren. Und dennoch hob das grausam zerstörte Lüttich sich mit der Zeit wieder aus der Asche empor, als sein Bezwinger längst besiegt am Boden lag. —


Auf der Landstraße, etliche Meilen von Nürnberg entfernt, wanderte müden Schrittes ein Weib dahin, einen Knaben an der Hand, ein kleines Kind im Arm. Es wäre schwer gewesen, in den abgezehrten Zügen, dem erloschnen Blick, der zerfetzten Kleidung, irgend eine Ähnlichkeit mit der schmucken Erscheinung der blühenden Frau Afra wiederzuerkennen, die wir einige Monate früher in Lüttich gesehen. Furchtbare Leidenswochen lagen hinter ihr; sie wäre nicht fähig gewesen, die Geschichte ihres Elendes zu erzählen, dem ihr Gatte längst erlegen war; sie konnte überhaupt nicht mehr denken; in ihrer geknickten Seele waren nur zwei Regungen übriggeblieben, die sie fast bewußtlos vorwärts trieben: die Liebe zu ihren Kindern und ein brennendes Heimweh. Barmherzige Seelen hatten sie auf ihrem langen, trübseligen Wege mitunter gespeist und beherbergt; hin und wieder hatte ein mitleidiger Bauer oder Kaufmann sie in seinem Wagen ein paar Meilen weit mitgenommen: so war sie endlich bis in die Nähe der Heimat gelangt.

„Mutter, ich kann nicht weiter“, wimmerte der Knabe, indem er sich auf den harten Waldboden warf; „ich bin so müde, die Füße schmerzen mich und mich hungert so sehr.“

„Sei gut, Hans!“ versetzte die Mutter mit einer tonlosen Stimme, die an eine zersprungene Glocke mahnte; „nur noch ein paar Stunden, dann sind wir bei der Großmutter auf dem Annenhof; da kannst du schlafen und essen, so viel du willst.“

„Das hast du schon so oft gesagt,“ versetzte der Knabe, laut aufweinend; „aber der Annenhof ist immer noch nicht da, und ich kann nicht weiter gehen. Der Weg ist so weit, wird er nie ein Ende nehmen?“

„Der Weg wohl, aber mein Jammer nicht,“ murmelte Afra in sich hinein. Sie setzte sich auf einen Stein am Wege und löste die Hüllen, in welche die kleine Matthäa sorgsam gewickelt war. Ein zartes Köpfchen, unsäglich blaß, aber von großer Lieblichkeit, lächelte ihr entgegen, sie preßte es mit schmerzvoller Zärtlichkeit an ihre Brust. „Arme, arme Kleine,“ flüsterte sie, „warum habe ich dich so angstvoll gehütet, zu welchem Elend dich aufbewahrt? wäre es doch tausendmal besser für dich gewesen, du wärest deinem Vater in das Paradies gefolgt! Und doch danke ich dir, barmherziger Gott, daß du mir meinen einzigen Schatz, meine Kinder, gnädig erhalten hast!“

Ein Wagen kam langsam des Weges daher und schlug am nächsten Kreuzweg die Richtung nach Nürnberg ein; pfeifend ging der Fuhrknecht daneben. Afra bat ihn schüchtern, sie eine Strecke mitzunehmen; er nickte und half ihr gutmütig, aufzusteigen. Es saß sich warm und weich in dem duftigen Heu, aus dem die Ladung bestand; bald sank ihr Kopf müde auf die Seite, und ein tiefer Schlummer senkte sich auf ihre Lider herab. —

Plötzlich weckte ein tüchtiger Stoß sie auf, sie blickte um sich und griff erschrocken nach den Kindern. Hans lag süß schlafend neben ihr, aber wo war Matthäa? Sie rief, sie suchte — vergebens, das Kind war verschwunden. In Todesangst sprang sie vom Wagen herab, „habt Erbarmen, wartet ein wenig!“ rief sie dem Fuhrmann zu und jagte von dannen, die Straße zurück, die sie gekommen waren. Mit einem heftigen Ruck hielt der Bauer die Pferde an. „Ist das Weibsbild toll geworden?“ schrie er ihr zornig nach. „Meint Ihr, ich solle hier stehen und warten, bis die Thore der Stadt geschlossen sind? Hier lege ich Euch den Knaben hin, Ihr mögt ihn auflesen, wenn es Euch beliebt!“ Er hob Hans heraus und fuhr davon; jammernd sah der Verlassne bald dem verschwindenden Wagen, bald der enteilenden Mutter nach.

Afra lief weiter, solange ihre Füße sie tragen wollten, aber wie sie auch spähte und suchte, — von dem verlornen Kinde war keine Spur zu entdecken. Tödlich erschöpft stürzte sie endlich zu Boden und blieb eine Weile bewußtlos liegen, dann scheuchte der Gedanke an Hans sie wieder auf. Einen letzten, verzweifelten Blick warf sie auf die kahle, öde Landstraße, dann schlich sie zurück zu der Stelle, wo laut weinend der Knabe saß. Sie drückte ihn heftig an sich, aber kein Wort kam über ihre Lippen, keine Thräne in ihre Augen. Auch Hans war still geworden, der starre Ausdruck im Gesicht der Mutter ließ sein Schreien und Weinen plötzlich verstummen. Schweigend pilgerten sie fürbaß, bis nach kurzer Zeit der Wald sich lichtete und ein stattlicher Hof vor ihnen auftauchte, — das Ziel ihrer Wanderung war erreicht.