Es dämmerte stark, als die beiden vor dem Hause ankamen und den metallenen Klopfer gegen die Thür fallen ließen. Die obere Hälfte der Hausthür ward geöffnet, ein freundliches altes Gesicht guckte über die Scheidewand und fragte beim Anblick der zerlumpten Gestalten in einem Ton, der strenge sein sollte: „Woher des Wegs? und was begehrt ihr?“

„Bist du die Großmutter?“ fragte Hans sehnsüchtig, „dann mach uns auf, wir sind todmüde und sehr hungrig.“

„Wer bist du, Knabe?“ fragte die Alte erstaunt, indem sie den Sprecher forschend ansah.

„Ich bin Hans Fiedler, und dies ist meine Mutter, kennst du uns nicht?“

„Heilige Anna! ist’s möglich?“ rief die alte Frau, „Afra, mein Kind, so kommst du zu mir zurück?“ Sie riß die untere Thür auf und breitete ihre Arme aus, ohnmächtig fiel das unglückliche Weib an ihre Brust, — endlich hatte sie eine Stätte gefunden, an der sie ausruhen konnte. —

Der Annenhof war ein ansehnliches Landgut, das seit undenklichen Zeiten im Besitz der Tuchers gewesen war, einer alten Nürnberger Patrizierfamilie, welche der Stadt eine lange Reihe von Ratsherren und Bürgermeistern gegeben hatte, deren männliche Erben zu dieser Zeit aber ausgestorben waren. So war der Hof mit der Hand der letzten Tochter des alten Geschlechts an Herrn Wilibald Ebner[1] gekommen, welcher Kaufherr und Beisitzer des kleinen Rats von Nürnberg war. Sein Weib, das frühe die Mutter verloren, hatte manchen Sommertag auf dem Annenhof verlebt, unter Obhut der biederen Crescentia, welche mit ihrem Gatten die Bewirtschaftung des Gutes leitete. Afra, die einzige Tochter des würdigen Paares, war in enger Gemeinschaft mit der Tucherin aufgewachsen und folgte derselben bei ihrer Verheiratung als vertraute Gürtelmagd in die städtische Häuslichkeit. Dort hatte sie den Matthias Fiedler kennen gelernt, einen frischen, frohen Gesellen und geschickten Goldschmied; sie hatten einander alsbald geheiratet und ein glückliches Leben begonnen. Die Fiedlers waren auch schon seit langer Zeit in Nürnberg ansässig, und oft hatte unter den zünftigen Handwerksmeistern der Stadt einer des Namens eine angesehene Stellung eingenommen, doch hatte sich die Familie nie ausgebreitet, denn von mehreren Söhnen blieb sicher nur einer der Heimat treu; die andern zogen in die Welt hinaus und suchten ihr Glück in der Ferne. Auch den Matthias hatte es nicht lange auf der heimischen Scholle geduldet; er hatte als Jüngling in den glänzenden Städten von Flandern und Brabant gearbeitet, und seine Sehnsucht stand dorthin. Ungern ließ Crescenz, die inzwischen ihren Mann begraben hatte, die Tochter in die Fremde ziehn, doch hatte sie kein Recht, sie zu halten; fünf Jahre hatte jene in der Fremde verweilt, und nun stand sie plötzlich vor ihr, krank und gebrochen an Leib und Seele, eine landflüchtige, hilflose Bettlerin! —

[1] Der Name Ebner ist hier nur gewählt, um eine angesehene Patrizier-Familie zu bezeichnen. Mit der wirklichen Geschichte dieses alten Geschlechtes, das in der Entwicklung Nürnbergs oft eine Rolle gespielt hat, und das in zahlreichen Gliedern noch in seiner Vaterstadt fortlebt, haben die hier geschilderten Personen und Ereignisse nichts gemein.

Der Winter, der bis dahin ungewöhnlich mild gewesen war, brach jetzt mit verdoppelter Macht herein, Eis und Schnee umgaben den Annenhof, schnitten ihn von jedem Verkehr mit der Welt ab und vereitelten alle Nachforschungen nach dem verlorenen Kinde. Auch innen sah es traurig aus: Afra war nach der furchtbaren Anspannung aller Kräfte, nach den harten Schicksalsschlägen, die sie betroffen, auf das Krankenlager gesunken und schwebte wochenlang in Todesgefahr. Endlich überwand der Körper das Leiden und fing allmählich an, zu genesen, aber der Geist blieb umnachtet; Tage lang saß die unglückliche Frau stumm und regungslos auf ihrem Platz und starrte ziellos in die Ferne, selbst für ihre Mutter und für Hans hatte sie nichts weiter, als ein müdes Nicken oder einen matten Händedruck. Nur zuweilen, wenn sie ganz allein war, oder in dunkler Nacht, öffneten sich die stummen Lippen und leise gemurmelte Worte drangen daraus hervor. Einmal belauschte Crescenz solch ein Selbstgespräch: „Fluch dem Räuber meines Glücks, Fluch dem blutigen Herzog!“ klang es an ihr Ohr. Sie schlug ein Kreuz: „das Fluchen bringt uns keinen Segen, Afra; du solltest lieber beten,“ sagte sie angstvoll. „Beten?“ schallte es kaum vernehmbar zurück, „zu wem? mich hört niemand.“

Solche Lästerung erfüllte die Seele der guten Alten mit Entsetzen, und sie rief um so eifriger zu allen Heiligen, um Vergebung und Besserung für ihr unglückliches Kind zu erflehen; sie versuchte auch all ihre Beredsamkeit, um Afra auf andre Gedanken zu bringen, — aber vergebens. Die Tochter ließ sie sprechen, ohne etwas zu erwidern, doch kein Blick, kein Wort verriet, daß sie überzeugt, daß die starre Rinde ihres Herzens geschmolzen sei.

Allmählich fing sie jedoch an, ihre Hände fleißig zu regen, und vom Morgen bis zum Abend drehte sie in rastlosem Eifer die Spindel. Die Knechte und Mägde des Hofes, die anfangs mit beklommener Scheu auf Afra gesehen, gewöhnten sich an ihren immer gleichen Anblick, und nach wenigen Monaten erregte „die stille Frau“, wie sie dieselbe nannten, kein Fragen und Verwundern mehr.