Hans hatte die Folgen der weiten Reise bald von sich abgeschüttelt und sich auf dem Annenhofe vollkommen heimisch gemacht; seine Gegenwart war für die Alte wie ein heller Sonnenstrahl, der siegend durch Sturm und Wolken bricht. Sie wurde nicht müde, sich von den Erlebnissen seines jungen Lebens berichten zu lassen, von dem Wanderleben, das er mit den Eltern geführt, von den Schrecken der Belagerung und der Flucht, vom Tode des Vaters und dem Verlust der kleinen Matthäa. Vergoß Mutter Crescenz auch viele heiße Thränen bei diesen Erzählungen, so wußte der Knabe sie doch wunderbar zu erheitern; in seinem fröhlichen Kindergemüt verlor selbst das Schwerste seine düsteren Farben; er bewahrte jede ihm erwiesene Freundlichkeit in dankbarem Gedächtnis und hatte mitten in aller Trübsal auch allerlei Frohes erlebt. Die wie zu Stein erstarrte Mutter und der heitre, lebensfrische Knabe — das waren ein paar wunderbare Gegensätze in dem engen Rahmen des ländlichen Hauses.

Zweites Kapitel.
Patrizierhaus und Ritterburg.

Fest, auf gesichertem Grund, erbaut sich die Heimat des Bürgers,

Aber des Ritters Geschlecht sinkt von der Höhe herab.

Am Ägidienplatz zu Nürnberg stand ein stattliches Haus, breit und hoch, mit steil ansteigendem Dach, dessen Fläche vielfach durch kleine Fenster und Luken unterbrochen war, als guckten neugierige Augen von der Höhe herab über die belebten Straßen, die ansehnlichen Plätze, mit ihren hohen Häusern und doppeltürmigen Kirchen, bis hinauf zum Burgberge, wo die alte Kaiserburg mit ihren mächtigen Mauern und Türmen weit hinausschaut in das gesegnete Frankenland. Dort oben hatte schon im 10. Jahrhundert Konrad der Erste gern verweilt; Friedrich Barbarossa hatte den ehrwürdigen Bau erweitert, und seine Nachfolger hatten oft ihre Residenz, wenigstens zeitweilig, dort aufgeschlagen. Die Burggrafen von Nürnberg, seit Jahrhunderten dem edlen Geschlecht der Hohenzollern angehörend, hatten sich, im Anschluß an die alte Burg, ein eignes Gebäude errichtet, das sie bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts bewohnten; dann aber hatten sie die Burg mit allem Zubehör an die Reichsstadt verkauft und residierten seitdem auf der Bergfeste Kadolzburg oder zu Onolzbach.

In das Patrizierhaus führte ein breiter Thorweg, der nicht nur für Menschen, sondern auch für Wagen und Pferde zum Eingang diente; die kleinen tiefliegenden Fenster zu beiden Seiten waren mit Eisenstäben vergittert und gaben dem Gebäude das Ansehen einer wohlverwahrten Festung. Wer durch das Thor eintrat, befand sich in einem gepflasterten, nach hinten geöffneten Hausflur, aus dem zu beiden Seiten Stufen zu den Schreibstuben und Warenräumen emporführten; geradeaus aber kam man in einen großen Hof, an dessen einem Ende leere Fässer und Kisten aufgespeichert lagen, während an dem andern ein uralter Nußbaum emporragte. Der hatte wohl schon seit zweihundert Jahren dort gestanden, und wie er sich aus einer schlanken Gerte allmählich zu einem mächtigen Stamm entwickelt hatte, so war auch das Haus ringsumher gewachsen und die Familien, die darin gewohnt, hatten zugenommen an Reichtum und Bedeutung. Er war ein treuer Freund aller Bewohner gewesen, der alte Nußbaum; den Kindern diente er als unschätzbarer Helfer bei ihren Spielen, beim Klettern und Verstecken; den Mädchen ließ er im Frühling seine raupenartigen Blüten neckend in den Schoß fallen, den Knaben warf er im Herbst seine Früchte an den Kopf, den Hausfrauen aber schenkte er seine wohlriechenden Blätter, die, mit Lavendel vermischt, die geschnitzten Schränke und mächtigen Truhen mit einem gar lieblichen Geruch erfüllten. Wenn kosende Frühlingslüftchen mit den Zweigen spielten, dann klopften diese wohl leise an die Fenster, wie gute Bekannte, die um Einlaß bitten; wenn aber in Herbst- und Winternächten der Sturm heulte, dann peitschte er die Äste gegen die Mauern, daß die Schläfer drinnen die Köpfe tiefer unter die Decken steckten, weil es klang, als zögen böse Geister über den Hof.

Eine bedeckte Treppe führte in das obere Stockwerk, zunächst auf einen Vorplatz, dessen Wände mit buntglasierten Kacheln belegt waren und dessen Decke auf einem Pfeiler von dunklem Holz ruhte. Der Treppe gegenüber sprang ein geräumiger Erker weit in die Straße hinaus, hölzerne Sitze liefen ringsum und gewährten einen anmutigen Platz, wo sich in der guten Jahreszeit die Frauen des Hauses mit Vorliebe aufhielten. Mehrere Thüren von schwerem Eichenholz in schönverzierten Gerüsten führten zu den verschiedenen Wohn- und Schlafgemächern, während die Hintergebäude Speicher und Stallungen enthielten. Ein Gewirr von schmalen Gängen, Treppen und Treppchen verband die Teile des weitläufigen Baus und die Stockwerke miteinander, und es gehörte schon ein kundiges Auge dazu, um sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden.

In einem Zimmer des Erdgeschosses, der Schreibstube des Hausherrn, saßen zwei Männer, der eine in dunkler, bürgerlicher Tracht, mit pelzverbrämter Schaube, der andre von ritterlichem Aussehen, in grünem Samtwams, kurzen Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln, — eine kräftige Gestalt, welche durch die Jahre nicht gebeugt, sondern nur gerundet worden war. Es war der Ritter Werner von Maltheim, der auf der Burg gleichen Namens, dem alten Erbe seiner Väter, saß, ein getreuer Freund und Anhänger des Burg- und Markgrafen Albrecht Achilles, des streitbaren Hohenzollernfürsten. Der Mann ihm gegenüber war der Herr des stattlichen Patrizierhauses, Herr Wilibald Ebner, eines der reichsten und angesehensten Glieder der ansehnlichen Nürnberger Kaufmannsgilde. Er war viel kleiner und schmächtiger gebaut, als sein ritterlicher Gast, aber sein kluges Auge deutete auf einen scharfen, gebildeten Verstand und ließ ihn dem Kriegsmann sehr überlegen erscheinen. Er saß auf dem einzigen Stuhl des Gemaches vor einem großen Schreibpult, über dem von der Decke herab eine Ampel hing, die fast den ganzen Tag brennen mußte; der Ritter hatte auf einer der schweren Truhen Platz genommen, welche zu größerer Bequemlichkeit mit weichen Kissen belegt waren.

Herr Ebner hatte eifrig geschrieben, jetzt legte er die Feder hin und begann laut aus einem Schriftstück zu lesen. Es war ein Vertrag zwischen den beiden Männern, in welchem der Kaufmann sich verpflichtete, dem andern die Summe von zehntausend Gulden vorzustrecken, wogegen der Ritter Dorf und Flur Hohenheiligen in Pfand gab, welche verfallen sollten, wenn der Schuldner sie nicht innerhalb fünf Jahren einlösen könnte. Das alles war mit vielen vorsichtigen Worten und weitschichtigen Redensarten verklausuliert, so daß der Ritter mit steigender Ungeduld zuhörte. „Macht’s kurz, Herr,“ sagte er endlich, „wir wissen beide, worauf es ankommt. Zahlt mir von dem Gelde, so viel Ihr bei der Hand habt, den Rest hole ich mir in ein paar Wochen.“