„Alles nach Recht und Ordnung, edler Herr,“ erwiderte der Kaufmann bedächtig; „habt die Gewogenheit, die Schuldverschreibung zuvor durch Eure Unterschrift zu vollziehen.“

„Meint Ihr, ich sei ein Schulmeister?“ rief der Ritter unmutig; „die Hand, die seit langen Jahren das Schwert geführt, hat längst die Schreibekunst verlernt. Gebt mir ein wenig Wachs, ich will meinen Degenknopf darauf drücken: das Zeichen gilt bei Juden und Christen.“

Aufmerksam prüfte der Kaufmann das Siegel, schrieb seinen eignen Namen darunter und schloß das Dokument in sein Pult; dann öffnete er eine der Truhen, nahm einen gefüllten Beutel heraus und zählte die klingenden Gulden vor dem Ritter auf, der sie mit zufriedener Miene auf seiner Brust verwahrte. Er stand auf und griff nach seinem Barett.

„Ich hoffe, edler Herr,“ sagte Ebner höflich, „Ihr werdet mein Haus nicht verlassen, ohne einen kleinen Imbiß einzunehmen; meine Hausfrau würde es mir nicht verzeihen, hätte ich Euch ohne Speise und Trank davonziehen lassen.“

„Und ich möchte Nürnberg nicht den Rücken kehren, ohne die werte Frau Ursula gesehen zu haben,“ erwiderte der Ritter mit gleicher Höflichkeit, „hat mir doch mein Weib eine Menge warmer Grüße an die Jugendfreundin aufgetragen.“

Beide stiegen die Treppe zum Vorsaal hinauf, von dem ihnen fröhlicher Lärm entgegenschallte. Mehrere Kinder trieben hier ihr Spiel mit Haschen und Verstecken, wobei ihnen die tiefen Winkel des Erkers und die schwerfälligen Stühle, die um den Tisch in der Mitte standen, trefflich zu statten kamen. Der älteste unter der kleinen Schar war Ulrich von Maltheim, der den Vater begleitet hatte, ein hoch aufgeschoßner Knabe von seltner Schönheit, mit langen goldnen Locken und tiefblauen Augen, die am liebsten träumerisch in die Ferne schauten. Sein jüngerer Genosse war Berthold, der einzige Sohn des Kaufherrn, dessen geschmeidige Glieder, blitzende Augen und weiche, dunkle Haare manchen Tropfen welschen Blutes verrieten, — hatten doch die Vorfahren des Kaufhauses von altersher in lebhafter Verbindung mit dem Süden gestanden und manche junge Hausfrau aus Italien in die nördliche Heimat geführt. Auch zwei kleine Mädchen, Bertholds Schwestern, waren dabei; die größere lief auf den Vater zu und schmiegte sich zutraulich an sein Knie, während die jüngere beim Anblick des fremden Ritters davonlief und sich im Erker versteckte. Herr Ebner fuhr liebkosend über Margaretas braunes Lockenköpfchen und schob sie dann von sich, um die Thür zu öffnen, die in das Prunkgemach des Hauses führte. Dunkles Getäfel bedeckte die Wände bis zur halben Höhe; auf dem breiten Bord waren schöne Krüge und Pokale, silberne Schüsseln und Schaustücke aufgestellt, darüber zeigte sich die Wand mit allerlei Bildnissen geschmückt. Ein weicher, dunkler Teppich bedeckte die Mitte des Fußbodens, auf demselben stand ein zierlich gedeckter Tisch, der mit blinkendem Gerät besetzt war.

Mit tiefer Verneigung trat Frau Ursula Ebnerin dem Gaste entgegen. Sie war mit gediegener Pracht gekleidet: das Kleid von schiefergrauem Samt hatte ein tief ausgeschnittenes Leibchen, welches vorn mit einer silbernen Kette zugeschnürt und durch einen fein gefältelten Einsatz von schneeweißem Linnen ergänzt wurde. Um die breite Halskrause schlang sich ein Perlenhalsband, eine zweite silberne Kette schmiegte sich um die Hüften, wo sie den langen Rock seitwärts aufraffte, während an der andern Seite ein Schlüsselbund hing, das nie fehlende Sinnbild hausfräulicher Würde.

Herr von Maltheim begrüßte die Patrizierin mit ritterlicher Artigkeit; er hatte sich viel am Hofe des Markgrafen aufgehalten und daher die alte, höfische Sitte bewahrt, welche zu dieser Zeit mehr und mehr auszusterben drohte, denn auf den Ritterburgen gewann rohe Trink- und Rauflust immer mehr die Oberhand, und der frühere Frauendienst trat dagegen in den Hintergrund.

Man setzte sich zu Tische. „Wie geht es Eurer edlen Hausfrau und Euren Töchtern?“ fragte die Ebnerin den Gast.

Über des Ritters wettergebräuntes Gesicht flog ein wehmütiger Schatten. „Habt Dank für Eure gütige Nachfrage, ehrsame Frau,“ erwiderte er; „mein Weib ist gesund, aber mit unsern Töchtern haben wir kein Glück. Zwei hat der Himmel wieder zu sich genommen, und Sankt Kilian mag wissen, ob ich die jüngste noch am Leben finde, wenn ich heimkehre.“