„O, wie beklage ich Euch!“ rief Frau Ursula, indem sie einen zärtlichen Blick durch die offene Thürspalte auf ihre eignen, blühenden Kinder warf; „wie still und öde muß es auf Eurer Burg sein, wenn die hellen Stimmen und die trippelnden Schritte verstummen! Und Euer jüngstes Kind ist auch krank?“

Der Ritter fuhr sich über den Schnauzbart, und seine Stimme klang rauh, als er erwiderte: „Ich verließ mein Weib in großer Sorge um das Leben der kleinen Irmgard, — ich konnte den Jammer nicht mehr mit ansehn und bin davongeritten.“

„Ihr ließt Frau Kunigunde allein in ihrem Kummer,“ sagte Ursula mit leisem Vorwurf, „und nahmt auch den Knaben mit, der ihr ein Trost in ihrem Leid gewesen wäre!“

„Sie hat unsern Haus-Pfaffen, Pater Benedikt, um sich, der versteht das Trösten besser, als unsereiner! Und der Junge mußte einmal heraus aus den alten Mauern, wo es jetzt allzuviel Thränen und Trauergesänge giebt, — er soll kein Duckmäuser werden, wozu er ohnehin Neigung zeigt. Doch schicke ich ihn von hier zurück, während ich zum Durchlauchtigen Markgrafen nach der Kadolzburg reite. Die Nähe des löwenherzigen Herrn verscheucht all die kleinen Kümmernisse, die uns daheim bedrücken, und das Herz wird wieder groß und frei, wenn es mit ihm verkehrt. Freilich — bei Euch Herren vom Rat findet man taube Ohren, wenn man den deutschen Achilles lobt.“

„Wir Nürnberger haben wenig Grund, den Hohenzoller zu preisen,“ versetzte Herr Ebner mit ernster Zurückhaltung. „Wenn Ihr nach der Kadolzburg reitet, werdet Ihr an manchem Meierhof und mancher städischen Burg die Spuren der Wunden sehen, die uns der Markgraf in blutiger Fehde geschlagen hat.“

„Ja, wo der Löwe seine Tatzen einschlägt, da ist es freilich zu spüren,“ lachte der Ritter. „Aber zeigt mir unter den deutschen Fürsten einen, der an unverwüstlicher Kraft und Tapferkeit diesem gleich wäre! Wollte Gott, unsre Kaiserliche Majestät gliche ihm nur ein wenig, dann stünde wohl manches besser im Reich, als jetzt.“

„Wenn das so großes Lob bringt, unnötige und unbillige Kriege anzufangen,“ erwiderte der Ratsherr mit gerunzelter Stirn, „so muß auch der Türke des Lobes wert sein.“

„Wollt Ihr den edlen Markgrafen mit dem heidnischen Erzfeind vergleichen?“ rief Herr von Maltheim unwillig. „Warum mußtet Ihr ihm überall seine Befugnisse bestreiten, die ihm doch der Kaiser selbst verliehen hatte? Sollte der stolze Fürst sich vor den Städtern beugen? Endlich wäre es doch wohl Zeit, den alten Hader zu vergessen, über dem schon Gras gewachsen ist! Auch ich habe damals unter Albrechts Banner wider Euch gefochten und doch längst meinen Frieden mit der Stadt gemacht. Aber wo Euer Hab’ und Gut angerührt wird, da habt Ihr Herren vom Handel ein ellenlanges Gedächtnis, und solche Schulden werden nie aus Euren Büchern gestrichen.“

Frau Ursula sah mit Besorgnis, wie sich die dunkle Wolke auf ihres Gatten Stirn immer drohender zusammenzog. Sie erhob ihren Becher und fiel mit gewandter Rede den Männern ins Wort. „Laßt uns auf Frieden und gute Nachbarschaft trinken, edler Herr; möge die Freundschaft, welche einst Eure Gattin und mich in der Jugend verband, auch unsere Kinder vereinigen! Ulrich und Berthold sind fast in gleichem Alter, möchten sie Freunde sein und bleiben!“

Die silbernen Becher klangen aneinander, mit einem Zuge goß der Ritter den Inhalt des seinen herab. „Das ist ein guter Trinkspruch, werte Frau, und ich thue Euch von Herzen Bescheid darauf. Seid so gütig und laßt die Knaben hereinkommen, sie sollen in unserer Gegenwart einen festen Bund schließen.“