Die Thür ging auf, und in fröhlichen Zuge traten die Kinder ein. Margarete hatte ein blaues Tuch an ihrem Leibchen befestigt, so daß es wie eine lange Schleppe hinter ihr dreinzog, über ihren Locken lag ein weißer Schleier, den ein grünes Kränzlein festhielt. So trippelte sie mit gesenkten Augen neben Ulrich hin, der einen langen Mantel um die Schultern geworfen hatte und mit stolzer Miene einherschritt. Voran ging Berthold als Herold, mit Fahne und Trompete, und die kleine Elsbeth folgte als Schleppträgerin. Es war ein liebliches Bild und Frau Ursulas Mutterherz hob sich höher beim Anblick der reizenden Kinder. „Welch ein Spiel habt Ihr heute ausgedacht?“ fragte sie liebreich.

„Wir spielen Hochzeit,“ versetzte Berthold eifrig, „Ulrich ist der junge König, und die Grete ist seine Braut.“

„Kein übles Paar!“ lachte der Ritter wohlgefällig; „was meint Ihr, Herr Ebner, wollen wir die Kinder auf der Stelle verloben? Ihr verschreibt dem Bräutchen Dorf Hohenheiligen als Mitgift — dann sind wir mit einem Schlage aller Sorgen ledig.“

„Ich bin kein Freund von Kinderheiraten,“ versetzte der Ratsherr steif, „dergleichen überlassen wir nüchternen Städter den Fürsten und hohen Herrn. Über zwölf Jahre mag Margarete selbst entscheiden, ob ihr der Freier gefällt, den ihr der Vater ausgesucht hat.“

Auf des Ritters Stirn schwoll die Zornesader bei dieser nachdrücklichen Zurückweisung; war sein Vorschlag auch nur scherzhaft gemeint, so mußte er doch, nach seiner Meinung, für den Städter sehr schmeichelhaft klingen. Er öffnete schon die Lippen zu einer gereizten Entgegnung, als ihm Frau Ursula zuvorkam. „Junker Ulrich würde es Euch wenig danken,“ sagte sie in heiterm Ton, „wenn Ihr ihn an ein kleines Stadtkind binden wollet; seine ritterliche Schönheit wird ihm sicher überall die edelsten Herzen erwerben. Werdet Ihr ihn an den Hof bringen, um seine Erziehung zu vollenden?“

„Mir wäre nichts lieber, als das, — aber mein Weib jammert, daß sie sich von dem Knaben trennen soll, und Pater Benedikt, der sein Lehrer ist, behauptet, er hätte einen Kopf für die Wissenschaften, und es wäre schade, seinen Unterricht zu unterbrechen. Der Junge selbst sitzt wahrhaftig lieber hinter den Büchern, als zu Pferde! Ein Maltheim ein Federfuchser! ich kann’s nicht begreifen, wie es möglich ist, — aber freilich, die Welt scheint mir heutzutage ganz aus dem Gleise zu kommen. Es ist nicht mehr, wie es früher war, seit nicht Mut und Tapferkeit im Kampf den Ausschlag geben, sondern die Menge der Donnerbüchsen; seit der hochherzigste Ritter nicht mehr sicher ist, daß ihn nicht eine tückische Kugel zu Boden streckt, die ein feiger Knecht aus sicherm Hinterhalt entsendet. Wer vermag tapfer zu sein gegen die bösen Geister, welche in dem teuflischen Pulver ihr Spiel treiben? Wenn es so fortgeht, werden sich Männer von altem Schlage bald nicht mehr in der Welt zurechtfinden.“ Er wandte sich an Berthold. „Was willst du denn werden kleiner Freund? ein Gelehrter oder ein Handelsmann?“

„Ein Ritter will ich werden!“ rief der Knabe mit leuchtenden Augen, „ich will hoch zu Rosse sitzen und mein Schwert schwingen; ich will ausziehen und große Thaten thun, wie die alten Recken, von denen, mir Muhme Lene erzählt hat!“

„Das ist brav gedacht!“ rief der Ritter, indem er kräftig auf Bertholds Schulter schlug, „solche kühnen Worte thun einem echten Manne wohl. Komm her, Ulrich, reiche diesem wackern Knaben die Hand und gelobt euch Freundschaft und Treue für alle Zeit eures Lebens.“

Die Knaben thaten mit feierlichem Ernst, wie sie geheißen waren; aufmerksam sah Margarete dem Bündnis zu, das durch einen Becher Wein besiegelt wurde. Plötzlich legte sie ihr kleines, rundes Händchen auf die verschlungenen Hände der beiden Freunde und rief: „Ich will auch dabei sein, mich soll Ulrich auch lieb haben!“

Herr von Maltheim lachte herzlich und hob die Kleine auf sein Knie. „Recht so, kleine Dame,“ sagte er scherzend, „halte ihn fest und laß ihn nicht entschlüpfen; ein schmuckeres Bräutchen, als dich, kann er nicht finden, und du keinen hübscheren Bräutigam.“ Er küßte das Kind und erhob sich, um sich zu verabschieden. Frau Ursula trug ihm Grüße an seine Gattin auf und lud Ulrich ein, bald wiederzukommen; der Ratsherr begleitete die Gäste bis auf den Hof, wo ein Diener des Hauses mit den Pferden bereit stand. Vor der Thür hielten ein paar berittne Knappen, und bald war der Reitertrupp um die nächste Ecke verschwunden.