Mit umwölkter Miene kehrte Herr Ebner zu den Seinen zurück, schickte die Kinder hinaus und rief seine Gattin zu sich. „Berthold wird nun bald 10 Jahre alt,“ sagte er in strengem Ton, „und es wird Zeit für ihn, den kindischen Märchen zu entsagen, womit Base Lene bisher seinen Kopf angefüllt hat. Er ist nicht geboren, um ein Ritter zu werden und sein Leben in Waffenspielen und nutzlosen Kämpfen zu vergeuden, sondern um in die Fußstapfen seines und deines Vaters zu treten, und als Kaufmann in redlicher Arbeit für sich und die Seinen zu sorgen. Vergiß es nie, Ursula, daß dies seine eigentliche Bestimmung, alles andere nur Vorbereitung und Nebensache ist. Was soll das Gaukelspiel einer Freundschaft mit dem jungen Ulrich von Maltheim? ein Bürger und ein adliger Junker können so wenig Freunde sein, wie Wasser und Feuer sich je miteinander paaren werden.“
Er wandte sich ab und ging in sein Schreibzimmer, wo er stundenlang eifrig rechnete und schrieb. Frau Ursula seufzte tief, und leise flüsterte sie vor sich hin: „Wer weiß, wozu der Himmel dich bestimmt hat, mein Berthold! vielleicht sollst du Liebling meines Herzens doch noch höher steigen, als bis zum Warenspeicher und zum Zahltisch!“
Als Junker Ulrich gegen Abend in den Schloßhof von Maltheim einritt, bemerkte er, daß Knappen und Knechte in lebhaftem Gespräch bei einander standen und die Mägde am Brunnen geheimnisvoll die Köpfe zusammensteckten. Ihm fuhr es wie ein Stich durchs Herz: sicher war die kleine Irmgard tot, die er so zärtlich geliebt hatte! Das war nun in wenigen Jahren schon die dritte Schwester, die der Tod ihm entriß; warum durfte er ihrer nicht froh werden, warum erwuchs ihm keine liebe Gespielin, wie seinem neuen Freunde Berthold? Wie hätte er ein Schwesterchen, gleich der holden Margarete, lieben und auf Händen tragen, wie hätte er sie, wenn sie lieblich erblühte, vor jeder Gefahr schützen wollen! Mit traurig gesenkten Augen stieg er die Treppe hinan, die in den Oberstock zu den Gemächern seiner Mutter führte; er sehnte sich, sie zu umfassen und an ihrem Herzen den gemeinsamen Verlust zu beweinen.
Es war ganz still auf dem langen Gange, niemand kam ihm entgegen, und mit beklommnem Herzen stand er eine Weile horchend an der Thür, ehe er es wagte, sie aufzuklinken und in das Zimmer zu treten, in dem die kleine Irmgard krank gelegen hatte. Eine verdunkelte Lampe warf nur einen schwachen Dämmerschein um sich, das Bettchen stand ganz im Schatten, doch sah er deutlich, wie sich das wachsbleiche Gesicht von dem purpurroten Kissen abhob. Leise schlich er heran, knieete nieder und sprach ein wehmütiges Vaterunser für die entflohene Seele der Schwester. Aber was war das? hatte sich die Hand, die auf der Decke lag, wirklich bewegt, oder täuschten ihn die Thränen, die aus seinen Augen rannen? Er wischte sie hinweg und starrte auf die Schläferin — nein, es war keine Täuschung, die Händchen ballten sich und streckten sich wieder aus. Er sprang zum Tisch hin, riß den Schirm von der Lampe und ließ den vollen Schein auf das Bett fallen. Die dunklen Wimpern ruhten auf den schneeigen Wangen, aber aus dem halbgeöffneten Munde kamen regelmäßige Atemzüge.
„Heilige Mutter Gottes, sie lebt!“ rief er mit leisem Jubelton und beugte sich über die Kleine, um ihre Hände zu küssen.
„Ruhig, ruhig, Junker Ulrich,“ sagte eine mahnende Stimme; „weckt das Kind nicht auf und stört eure Frau Mutter nicht, die der Ruhe sehr bedarf.“
„O, Bärbel, sage mir, wie dies gekommen ist,“ bat Ulrich, „ist Irmgard wirklich genesen?“
Die Wärterin, welche schon seit Jahren im Dienst des Hauses stand und auch ihn einst auf ihren Armen getragen, zog ihn in die andre Ecke des Zimmers, und nachdem sie die Lampe wieder verdunkelt hatte, sagte sie in gedämpftem Ton: „Es ist ein Wunder geschehen, Ulrich; die heilige Jungfrau hat unsre Irmgard aus dem Rachen des Todes gerissen, während wir sie schon beweinten.“ —
„O du liebe heilige Gottesmutter, habe Dank für deine Gnade!“ rief Ulrich glückselig aus. „Aber wo ist mein Mütterlein? laß mich zu ihr, Bärbel, daß ich mich mit ihr freue.“