„Eure arme Mutter ist noch sehr krank von Angst und Kummer, sie hat das selige Wunder noch kaum begriffen. Als wir alle glaubten, es ginge mit unserm Kindchen zu Ende, da brach sie ohnmächtig zusammen; Pater Benedikt trug sie auf ihr Lager und suchte sie mit stärkenden Essenzen ins Leben zurückzurufen. Es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam, und niemand hatte unterdessen Zeit, sich um die arme Kleine zu bekümmern. Als ich später an ihr Bettchen trat, da sah sie mich plötzlich mit klaren Augen an; wir aber vermochten die unverhoffte Freude kaum zu fassen.“
Am nächsten Morgen war Ulrichs erster Gang zu Irmgards Bett; sie lag mit offnen Augen da, aber während sie ihn sonst mit Lachen und Jauchzen zu begrüßen pflegte, blieb sie heute stumm und wendete sich von ihm ab. „Was bedeutet das?“ fragte der Knabe erschrocken den Pater, der sich zu ihm gesellt hatte, „warum thut mein Schwesterlein so fremd mit mir? Sieht sie nicht seltsam verändert aus?“
„Du darfst dich nicht wundern, mein Sohn,“ versetzte Pater Benedikt sanft, „daß eine Seele, die schon an der Schwelle des Todes gestanden hat, Zeit braucht, um sich hier wieder heimisch zu machen. Bedenke, daß sie vielleicht schon von fern einen Blick in die Seligkeit des Paradieses gethan hat.“
„Und wird auch sie der Gottesmutter dankbar sein, daß sie sie vom Paradiesesthor wieder zurückgescheucht hat? sie könnte jetzt schon mit den seligen Engeln spielen,“ sagte Ulrich träumerisch.
Der Kaplan schwieg einen Augenblick. „Uns ziemt es nicht, zu grübeln und zu deuteln,“ sagte er dann entschieden. „Hüte dich, mein Sohn, die Gnade der Heiligen durch solche Fragen in Zweifel zu ziehn.“
Frau Kunigunde war an Leib und Seele zu heftig erschüttert, um sich in wenigen Tagen zu erholen; erst allmählich kehrten ihre Kräfte zurück und damit auch die Freude über das wunderbar erhaltene Kind, das ihr wie neugeschenkt erschien. Manchmal war es ihr, als sei in das teure, kleine Wesen etwas Fremdes gekommen, das sie sich nicht zu erklären vermochte; die auffallende Weiße des Gesichts, die nicht weichen wollte, der Glanz der großen dunkeln Augen, die sie so fragend und verwundert anblickten, verwirrten sie fast; sie hatte sie früher nicht an ihrem Kinde bemerkt. Es mußten wohl die Folgen der schweren Krankheit sein, denn in einigen Wochen verwischte sich der fremdartige Eindruck, und bald war die vorige Zärtlichkeit der Kleinen zu Mutter und Bruder wiederhergestellt.
Als Herr Werner von Maltheim endlich von seinem Besuch bei dem Markgrafen zurückkehrte, fand er zu seiner frohen Überraschung seine kleine Tochter am Leben und alle Herzen voll Dank und Freude, wodurch er sich sehr erleichtert fühlte. Er war ein tapferer Mann und hatte sein gutes Schwert in unzähligen Kämpfen geschwungen, aber vor Weiberthränen hatte er eine geheime Angst und ging ihnen aus dem Wege, so weit er konnte.
So war das Leben auf der Burg wieder in das gewohnte Geleise zurückgekehrt, nur eine Veränderung unterbrach das Stillleben: Frau Barbara bat um ihre Entlassung. „Was ficht dich an, Bärbel?“ fragte ihre Herrin erstaunt, „willst du jetzt deinen Pflegling verlassen, da die Kleine zu unser aller Freude so lieblich zu gedeihen beginnt? hast du sie nicht lieb, wie dein eignes Kind?“
„Gewiß, gewiß, edle Frau,“ stammelte Frau Barbara sichtlich verlegen „aber dennoch bitte ich Euch inständig: gebt mich frei! Mein Ehemann Klaus — Ihr wißt, er war jahrelang in fremden Kriegsdiensten — ist heimgekehrt und begehrt meiner. Zwar ist er immer ein rauher Geselle gewesen, aber er bleibt doch der Vater meiner Kinder, und ich mag ihm nicht widerstehen. Wir wollen uns allesamt in der Stadt niederlassen.“
Dagegen konnte die Edelfrau wenig einwenden; sie entließ die treue alte Dienerin mit huldreicher Güte und streckte ihr eine Summe vor, um sich in Nürnberg eine Schenke zu pachten. So verließ Frau Barbara unter tausend Thränen und beiderseitigem Bedauern die Burg.