Drittes Kapitel.
Fastnachtsscherze und Osterspiel.
Fort mit Arbeit und Ernst! heut’ gilt es, sich fröhlich zu tummeln!
Kurz sind die Stunden der Lust, ach, und die Fasten so lang!
Der Gottesdienst am Sonntag Estomihi war beendet, und mit dem Läuten der Nachmittagsglocken schien sich über die löbliche Stadt Nürnberg ein Geist ausgelassner Freude und lärmender Lustigkeit zu ergießen, der selbst die Verständigen ergriff und ruhige Männer und Frauen zu Kindern und Narren machte. Für einige Tage lösten sich die Bande strenger Zucht und Sitte, welche sonst dem Benehmen der Bürger den Stempel gemessener Ehrbarkeit aufdrückten: die Reichsstadt feierte ihren Karneval, „das Schembartlaufen“ genannt, weil man sich dabei durch falsche Bärte, später durch ganze Larven, unkenntlich zu machen suchte. Der Himmel schien dem tollen Treiben hold zu sein, ein starker Wind hatte die Straßen getrocknet, heller Sonnenschein lachte von oben herab, und die Luft war, wenn auch kühl, doch von der belebenden Frische, welche einer Bewegung im Freien günstig ist.
Die Belustigungen der ersten Faschingstage gehörten vorherrschend dem niederen Volke an: da zogen Scharen vermummter Spielleute durch die Straßen, angeführt von komischen Tiergestalten, aufrechtgehenden Löwen, Bären und Affen; wo sie an den Fenstern ein neugieriges Gesicht erblickten, da machten sie halt, stimmten auf den wunderlichsten Instrumenten ihre Musik an und sangen dazu ihre possenhaften Lieder deren derber Witz meist herzlich belacht wurde, wenn er auch verwöhnteren Ohren oft recht roh und anstößig klingen mochte. Rotten von Buben zagen mit Tannenbäumen umher, pflanzten sie vor die Thüren der größeren Bürgerhäuser und fingen unter lustigen Sprüngen und Grimassen die kleinen Münzen auf, welche man ihnen herabwarf. Junge Burschen vom Lande schleppten Pflüge herein, die mit bunten Bändern geschmückt waren; mit List und Gewalt suchten sie die Dirnen einzufangen und mit Strohseilen an das Ackergerät zu spannen, bis jene sich, unter dem Jauchzen des umgebenden Volkes, durch ein paar Heller oder einen Kuß auslösten. So dauerte der Jubel fort bis zur Dunkelheit, um am nächsten Morgen wieder zu beginnen; an jedem folgenden Tage tauchten neue Larven, andre Scherze auf, bis am letzten Nachmittag auch die besseren Stände sich in das heitere Treiben mischten und die Mummereien und Aufzüge immer glänzender und überraschender wurden.
Im Erker des Ebnerhauses waren alle Fenster geöffnet und buntfarbige Decken herausgehängt; stattliche Frauen und lachende Kinder beugten sich darüber hinab. Mehrere Freundinnen des Hauses, die Frauen ansehnlicher Kaufherrn, deren Stellung ihnen eine persönliche Teilnahme an der Lust des Volkes nicht gestattete, hatten sich hier zusammengefunden, um von dieser günstigen Stelle aus dem Treiben auf der Straße zuzusehen. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Vorsaals waren allerlei Erfrischungen aufgestellt, gewürzter Wein, eingemachte Früchte und Honigküchlein, die man nirgend so schmackhaft zu backen verstand, wie in Nürnberg. Eine Verwandte der Hausfrau, Jungfer Magdalena Löffelholzin, war eifrig bemüht, dieselben immer wieder den Gästen anzubieten und sie zum Essen und Trinken einzuladen. Magdalene, von den Kindern der ganzen Bekanntschaft nur Muhme Lene genannt, war weder jung, noch besonders hübsch, aber die kleine, rundliche Gestalt, mit dem apfelwangigen Gesicht und den freundlichen Augen darin, war überall gern gesehen, denn wo es galt, zu helfen und zu trösten, wo es Kranke zu pflegen oder wilde Kinder zu beruhigen gab, da war Jungfer Magdalene immer bereit; sie verstand es, sich in jedes Hauswesen zu schicken, jedem Hausherrn seine kleinen Liebhabereien abzulauschen und die Kinder mit schönen Geschichten und kleinen Scherzen so zu beschäftigen, daß sie niemand zur Last fielen.
„Seht nur den stattlichen Türken dort unten,“ sagte eine der anwesenden Frauen, „wie er hier heraufschaut und uns Grüße zuwinkt; doch scheinen seine Blicke offenbar noch jemand zu suchen ...“
„Ich wette, es ist der lustige Herr Stadtschreiber,“ rief eine andre. „und dann weiß ich auch, wen er sucht. Jungfer Lenchen, Ihr müßt Euch einmal am Fenster zeigen, eher wird er sich nicht zufrieden geben.“
„Ich?“ fragte Magdalene errötend, „Ihr beliebt zu scherzen, Frau Hallerin.“