Der Aufstand trug nicht den Charakter einer immer gewaltiger werdenden Empörung großer Volksmassen; er blieb von Anfang an bis zum Frühjahr 1889 in dem Rahmen kleiner, gelegentlicher Scharmützel. So wurde Bagamoyo am 23. September und dann erst wieder am 5. December angegriffen. Vor und nachher gingen und kamen Karavanen; ja die Deutschen wurden in den ersten Monaten in ihrem amtlichen Dienste von Arabern und Indern unterstützt. Dar-es-Salaam blieb vier Monate unberührt, bis Buschiri Ende December erschien. Kilwa, Lindi und Mikindani fielen nicht durch die Empörung der Ansässigen, sondern durch die herbeigerufenen Yaos den Arabern in die Hände.

Wenn die Veranlassung des Aufstandes nicht in dem Auftreten und in den Maßregeln der deutschen Beamten gefunden werden darf, sondern nur in der Einsetzung einer neuen Regierungsthätigkeit an Stelle der altgewohnten, so könnte die Unrichtigkeit einer solchen Behauptung durch die ungestörte Ruhe innerhalb der Englisch-Ostafrikanischen Compagnie, die denselben Vertrag wie die deutsche mit Sansibar abgeschlossen hatte, als erwiesen erachtet werden.

Allein bei dieser waren vor allem die Verhältnisse anders gelagert. In Sansibar und auch an der Sansibarküste sind die Engländer seit langer Zeit heimisch, sei es durch Consulate, Handelsfactoreien oder Missionsstationen. Die zahlreichen dort ansässigen indischen Kaufleute hielten von jeher darauf, als englische Unterthanen zu gelten; sie mußten also englische Unternehmungen zu unterstützen, nicht zu untergraben trachten. Die englische Interessensphäre liegt nicht in dem Bereich der massenhaften Sklavenjagden und des im großen Stil betriebenen Sklavenexports, wie die deutsche. Deshalb wurden auch hier die Araber nicht so sehr durch das Erscheinen der Engländer von sofortigen Verlusten bedroht und geängstigt. Das nächste Hinterland von Mombas bis nach dem Kilimandscharo ist nur Durchzugsland für die Karavanen; dort können keine Plantagen angelegt werden und deshalb keine Conflicte mit ansässigen oder habgierigen Häuptlingen entstehen.

Trotz dieser ungemein günstigen Verhältnisse wagten die Engländer es nicht, das ihnen vertragsmäßig vom 1. October 1888 zustehende Recht der Zollerhebung sofort auszuüben. Sie waren durch den von den Deutschen erlittenen Schaden klug genug geworden, um nicht durch vorzeitiges Auftreten als Gebieter den sonst unvermeidlichen Ausbruch einer Revolte im eigenen Lager heraufzubeschwören. Am 6. Juni 1889 erklärte Mackenzie in der Vorstandssitzung der Gesellschaft in London, sie würden erst vom 1. August 1889 an die Zollverwaltung in die eigenen Hände nehmen. Wenn Hauptmann Wißmann die Araber niedergezwungen, dann ist es auch für sie Zeit zur Ernte — so rechnen sie, gewiß überlegt und berechtigt.

Misgunst ist sehr häufig die Quelle der Ueberhebung; das andern Nationen eingeräumte Zugeständniß des Besserverstehens dagegen die Quelle der eigenen Verbesserung. Wir Deutsche können nicht alles für uns brauchen, was die Engländer mit Erfolg für sich anwenden — wir besitzen nicht die geschulten Kräfte für Gründung und Einrichtung von Colonien, und noch viel weniger die Bereitwilligkeit eines massenhaften Kapitals. Aber in einzelnen und sehr wichtigen Fällen sollten wir vernünftigerweise in ihre Fußstapfen treten.

Die Englisch-Ostafrikanische Compagnie hatte im Sommer 1888 fünf Millionen Mark für das kleine Gebiet zwischen Tana und Umba beim Beginn ihrer Operationen zur Verfügung. Sie quartierte sich in Mombas ein, unternahm wegen des Aufstandes in den Nachbarterritorien nichts als Recognoscirungen von Land und Leuten, Besprechungen mit den vornehmsten Arabern und kurze Ausflüge nach dem Westen, um die Handels- und Productionsverhältnisse zu studiren. Als einmal die Gelegenheit kam, den Arabern sich als großmächtige Gentlemen zu zeigen, bezahlten sie ihnen die in eine englische Missionsstation entflohenen und mit Ungestüm zurückverlangten Sklaven mit baarem Gelde: dafür ernteten sie Jubel von den Heiden und Mohammedanern. Nachdem die Sicherheit im englischen Gebiete von Monat zu Monat sich mehr und mehr befestigt hatte, dachten die Engländer endlich daran, dem Handel einen Anstoß und neues Leben zu geben. Die Araber sind und bleiben die geschicktesten Händler im Innern von Afrika; sie sollten auch unter englischer Obhut ihr Handwerk fortsetzen und zwar mit der wesentlichen Verbesserung, daß nicht, wie bisher die wucherischen Inder ihnen den nöthigen Vorschuß gaben, sondern die englische Gesellschaft und nur unter Verpfändung ihrer Kokosplantagen.

Um jedoch diesen Vortheil billigen Zinses und außerdem den Schutz englischer Stationen im Binnenland genießen zu können, müssen sie sich verpflichten, weder Sklavenhandel zu treiben noch auf Sklaven Jagd zu machen.

Die Engländer sahen nach den von den Deutschen erlebten Erfahrungen sehr wohl ein, daß sie eines Tages eine stärkere Polizeitruppe nothwendig haben dürften. Zu diesem Zweck wählten sie das einfachste und billigste Mittel, dessen Wirksamkeit freilich noch in Frage steht: sie kauften sich einen angesehenen Häuptling in der Nachbarschaft von Mombas durch Auszahlung eines jährlichen Einkommens und dieser hat sich verpflichtet, waffenfähige Mannschaft den Engländern zu stellen.

Der geistige Anschluß der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft an die englische, nicht die Bekämpfung und die Herabsetzung des englischen Einflusses wird die Früchte europäischer Culturarbeit in diesen Gebieten des dunkeln Welttheils zur Reife bringen.