Geographie von Deutsch-Ostafrika.
Uebersicht.
Die deutsche Interessensphäre in Ostafrika, durch das deutsch-englische Abkommen vom 1. November 1886 begrenzt im Norden durch den Umba, im Süden durch den Rovuma, im Osten durch den 10 englische Meilen breiten, dem Sultan von Sansibar unterworfenen Küstenstrich und im Westen ganz allgemein durch den im Seengebiet anstoßenden Kongo-Staat, wird Deutsch-Ostafrika im weitern Sinne genannt. Im engern Sinne aber können gegenwärtig nur diejenigen Länder innerhalb der Interessensphäre als Deutsch-Ostafrika bezeichnet werden, in welchen entweder Verträge mit den eingeborenen Häuptlingen deutscherseits abgeschlossen worden sind oder deutscher politischer und wirthschaftlicher Einfluß sich geltend gemacht hat. Darnach muß die Westgrenze und zwar diese allein anders gezogen werden. Sie verläuft von Norden nach Süden: vom Kilimandscharo-Gebiet den Pangani entlang an der westlichen Seite von Nguru und Usagara vorbei nach Mahenge und von da in unbestimmbarer Linie nach dem Rovuma.
Vom geographischen und colonisatorischen Standpunkt aus umschließt Deutsch-Ostafrika zur Zeit die Flußgebiete des Pangani und Umba, des Wami und Kingani, des Rufidschi und Rovuma im mittlern und untern Theil.
Auf diesen Umfang beschränkt sich im allgemeinen die vorliegende Darstellung der Geographie von Deutsch-Ostafrika.
Die Gestaltung und mit ihr die klimatischen und Vegetationsverhältnisse Deutsch-Ostafrikas erhalten ihre charakteristische Eigenthümlichkeit als Küstengebiet durch eine mächtige, zusammenhängende Gebirgskette, welche zwischen dem Hochplateau Innerafrikas und dem Indischen Ocean in breiter Masse eingelagert ist. Das Gebirge, mäßig von Westen ansteigend, fällt steil nach Osten in bis zum Seestrand reichenden Terrassenstufen ab. Die Ausdehnung und die Höhe der Erhebung der Terrassen verursacht im speciellen einen wesentlichen Unterschied zwischen dem nördlichen und dem südlichen Theil. Während zwischen Umba und Kingani das Terrain sich rasch erhebt und als Ebene von geringerer Breite an den Fuß der nahe gelegenen Berge herantritt, erstreckt sich das Land zwischen Kingani und Rovuma als eine mächtige, gleichmäßige Hochfläche mit minderer Erhebung tief in das Innere zu dem fernliegenden Gebirge hinan.
Ueber das Klima auf dem Festlande besitzen wir keine genügenden meteorologischen Aufzeichnungen; länger andauernde, an einem bestimmten Ort gemachte Beobachtungen existiren gar nicht, sondern nur gelegentliche, in Zahlen gefaßte Reisenotizen und allgemeine Bemerkungen über das Wetter. Um uns aber doch ein annähernd richtiges Bild zu verschaffen, um Anhaltspunkte zur Verwerthung der in den Reisewerken zerstreuten Wetternotirungen zu gewinnen, müssen wir uns eine Grundlage bilden durch die Betrachtung der klimatischen Verhältnisse auf der Insel Sansibar. Sie sind durch die Arbeiten Dr. Seward’s, die Otto Kersten[1] benutzte, und Dr. John Robb’s[2] ziemlich genau und übereinstimmend sichergestellt. Da die Lage Sansibars unter denselben Himmelsstrich fällt, wie der in Betracht zu ziehende Theil des Küsten- und Binnenlandes, so liefern uns die in Sansibar gewonnenen Resultate in großen, allgemeinen Zügen den klimatischen Charakter Deutsch-Ostafrikas; Sansibar gibt uns die Regel, auf dem Festland finden wir die Steigerungen und Minderungen.
Ostafrika hat keinen Winter und keinen Sommer, sondern zweimal eine Regenzeit und zweimal eine Trockenzeit. Die bestimmenden Factoren sind Monate andauernde Passatwinde (Monsuns), welche aus entgegengesetzter Himmelsrichtung wehend halbjährig sich ablösen, und die mit dem zweimaligen Zenithstand der Sonne zusammenfallenden Windstillen oder Calmen, welche nach dem Aufhören des einen Passatwindes und vor Beginn des andern eintreten.
Anfang März erlischt der Nordost; Calmen folgen; am 4. März erreicht die Sonne den Zenithstand. Mitte März beginnt die erste, sogenannte große Regenzeit (Masika) und dauert bis Ende Mai; darauf folgt die erste Trockenzeit, welche bis Mitte October anhält. Von Ende März bis Ende September weht der Südwest.
Anfang October erlischt der Südwest; Calmen folgen; am 9. October steht die Sonne im Zenith. Mitte October beginnt die zweite, sogenannte kleine Regenzeit (Vuli) und dauert bis Mitte December; darauf folgt die zweite Trockenzeit, welche bis Mitte März anhält. Von Ende November bis Ende Februar weht der Nordost.