Bild 14. S. Miquel de Lino. Säulenfuss.

Betrachten wir mit dieser Kenntnis der Wanddekoration der Zeit die Wände des oberen Zehnecks am Grabmal des Theoderich. Acht von ihnen sind übereinstimmend ausgebildet, besonders gestaltet nur die Westwand wegen der darin befindlichen Tür und die Ostwand wegen eines daraus hervorragenden Vorbaues, der im Innern eine Nische enthält. Die acht übereinstimmenden Seiten enthalten je zwei flache rechteckige Nischen ([Bild 1] u. [2]), die an ihrem Sturz mit Ornament in feinem Masstab ([Bild 15]) versehen sind. Über diesen Nischenpaaren befindet sich die Einarbeitung, deren Rückfläche rauh gelassen, deren Kanten aber sorgfältig an allen acht Wänden übereinstimmend ausgeführt sind; sie schliesst nach unten mit einem Paar von axial über jeder der beiden Nischen sitzenden Rundbögen ab, unter deren drei horizontalen Kämpferlinien sich je eine rechteckige Fortsetzung der Einarbeitung von [pg 15]17 bis 19 cm Breite und 44 cm Höhe befindet. Seitlich gegen die Kanten des Gebäudes hin hören die Einarbeitungen an allen zehn Wänden mit steil schräg aufsteigenden Linien auf. Die an den oberen Ecken des Zehnecks um die Ecken laufenden Einarbeitungen haben nur 5 bis 6 cm Höhe und sind augenscheinlich nur eine spätere Verstümmelung der ursprünglich glatt bis oben durchlaufenden Eckkanten. Die ganze Dekoration war also offenbar für jede einzelne Wand getrennt ausgebildet, mit Ausnahme je eines die Türwand mit den Nachbarwänden verbindenden Horizontalstreifens, der weiter unten noch besprochen werden soll. Da diese Einarbeitungen an den Wänden zweifellos nur den Zweck gehabt haben können, Verdachungssteine für die darunter befindlichen Nischen darin einbinden zu lassen, und da an der Wand anderweitige Befestigungsmittel für diese Steine ausser der Einarbeitung nicht vorhanden sind [pg 17]und nicht vorhanden gewesen sein können, so folgt technisch notwendig, dass jene Verdachungssteine noch eine anderweitige Unterstützung vor der Wand gehabt haben müssen. Und das können der Sachlage nach nur drei Säulen gewesen sein, die die beiden Nachbarnischen flankierten. So ergibt sich als Dekorationsmotiv der Wand aus technischer Erwägung genau das, was wir als typisches Dekorationsmotiv der Zeit historisch kennen gelernt haben: ein von Säulen flankiertes mit Rundbogengebälk bekröntes Nischenpaar ([Bild 15] rechts). Die steil schräg nach oben aufsteigenden seitlichen Endigungen der Einarbeitung über jedem Nischenpaar sind nichts als die gradlinigen Umschreibungen der ausladenden Gesimskröpfe, mit denen die Bogensteine hier gegen die Wand endigen. [Bild 16] zeigt zwei beiderseitig mit ähnlichem schrägen Abschluss in die Mauer eingelassene Steine aus den Substruktionen des grossen Tempels in Baalbek, die in ganz ähnlicher Weise das halbkreisförmige und das giebelförmige Bekrönungsgebälk einer Nische tragen. Am goldenen Tor an der Ostseite des Harâm-esch-Scherîf in Jerusalem ([Bild 17]) sehen wir ein ganz ähnliches System von zwei Rundbogengebälken, hier ehemals auf zwei seitlichen Pilastern und einer Mittelsäule, wie [pg 18]wir es am Theoderichgrab uns zu ergänzen haben, das mit seinen Gesimskröpfen hier bereits mit einer ebenso steilen fast geraden Linie an die Wand anschneidet. Die auf [Bild 14] dargestellte westgotische Basis ist als Parallele zur Wanddekoration des Theoderichgrabes darum ganz besonders interessant, weil hier die gekuppelten Bogennischen, in denen menschliche Figuren zwischen den Säulen stehen, oben mit Bogen und Eckakroterien frei endigen, also durchaus nicht mit einer Säulenarkade verwechselt werden können.

Bild 15. Die acht gleichen Wände des Obergeschosses.

Bild 16. Aedicula und Conche mit besonders eingesetzten Steinen für die Verdachungen, aus den Substruktionen des grossen Tempels in Baalbeck.

Bild 17. Das goldene Tor in Jerusalem, Feldseite.

Es ergibt sich also als ursprüngliche Dekoration der acht gleichen Seiten des Hauptgeschosses je ein Paar der typischen, mit Säulen und Rundbogengebälk geschmückten Nischen, die als Umrahmung und Hintergrund für figürlichen Schmuck zu denken sind. Dass Standspuren für die Säulen und die Statuen nicht mehr vorhanden sind, ist durch die Erneuerung der obersten Schicht des Unterbaues bei Anlage der Treppe verschuldet. Die vermutlich aus Marmor hergestellten Dekorationsstücke sind vielleicht bereits [pg 19]bei der schon kurze Zeit nach dem Tode des grossen Theoderich von Belisar veranlassten Schändung seines Grabes zerschlagen und verloren gegangen. Im Museum zu Ravenna (Inv.-Nr. 509) befindet sich jedoch ein kleines Säulenkapitell ([Bild 18]) aus weissem Marmor mit zwölfteiligem Akanthuskelch und einem als Lorbeerblattstrang ausgebildeten Halsglied, im Stil der Ausführung wie die Kapitelle Theoderichs aus der Herkulesbasilika, das einem oberen Säulen[pg 20]durchmesser von 18 bis 19 cm entspricht und 25 cm Höhe hat, also nach Stilform und Abmessung wohl zum Wandschmuck des Theoderichgrabes gehört haben kann.