Bild 18. Säulenkapitell im Museum zu Ravenna.

Der an der Ostseite befindliche Nischenausbau ist aussen ([Bild 19]), wie die Einarbeitungen darüber an der Wand beweisen, von demselben Bogenpaar bedeckt und bekrönt gewesen wie die Nischen an den übrigen Wänden und dieses Bogenpaar muss natürlich in seiner Vorsprungtiefe mit der 84 cm betragenden Vorsprungtiefe der Nische überein gestimmt haben. Die an den beiden Ecken der Nische angearbeiteten Rundstäbe von 20 cm Durchmesser können spätere Zutaten sein, können aber auch die beiden äusseren der vor den übrigen Wänden stehenden drei Säulen haben andeuten sollen ([Bild 20]). Nimmt man nun die Vorsprungstiefe der Verdachungen an den übrigen Wänden, wie es natürlich ist, ebenfalls wie an der Ostmauer mit 84 cm an, so verliert das Bauwerk dadurch in seiner ursprünglichen fertigen Gestalt ([Bild 21]) einen schweren ästhetischen Mangel, den es heute hat, und der darin liegt, dass für [pg 21]den Blick von Norden oder Süden das Vortreten des Nischenbaues an der oberen Ostwand eine hässliche Störung der sonst von unten an streng symmetrischen Silhouette des Grabmals ist.

Bild 19. Die Ostseite des oberen Zehnecks.
Jetziger Zustand.

Bild 20. Die Ostseite des oberen Zehnecks.
Ursprünglicher Zustand.

Bild 21. Das Theoderich-Grabmal von Süden gesehen.
Ursprüngliche symmetrische Umrisslinie.

Die Ausbildung der Tür an der Westwand des oberen Zehnecks ([Bild 22]) scheint bisher in ihrem jetzigen Zustand immer für vollständig erhalten angesehen worden zu sein, und man hat die beiden rechteckigen Einbindungslöcher unmittelbar neben ihrem Sturz noch weniger zu erklären gewusst, wie die übrigen Einarbeitungen. Nach Lage und Form sind aber diese beiden Einbindungslöcher zweifellos einmal dazu bestimmt gewesen, die typischen Türkonsolen aufzunehmen, wie sie seit dem Erechtheion zu fast jeder vornehmen antiken Tür gehören. Diese Konsolen werden bereits um 300 n. Chr. (Diocletians Palast in Spalato [Bild 23]) ihrem Beruf, die Hängeplatte der Verdachung zu stützen, untreu und sitzen als blosse Zierstücke neben dem Türsturz, häufig auch in umgekehrter Form, das oberste zu unterst. Also ist auch die Tür in spät römischer Tradition ent[pg 22]worfen; und damit ist auch klar, dass die fein gezahnte sehr schwache Hängeplatte, die von einer Reihe kleiner Akanthuskonsolen gestützt, an den Türsturz angearbeitet ist (vgl. die Tür in Spalato [Bild 23]), für die kräftig umrahmte Tür nicht das vollständige Bekrönungsgesims ist, dass darüber vielmehr als eigentlich bekrönendes Glied noch die typische ornamentierte Sima zu ergänzen ist. Sie muss auf der Hängeplatte ohne Dübelbefestigung gelegen haben (Dübellöcher sind nicht vorhanden) und griff vielleicht mit einem kleinen angearbeiteten Ansatz in den horizontalen Schlitz zwischen Türsturz und Entlastungsbogen etwas ein. An den nach innen senkrecht gradlinigen Kanten der beiden anderen Einarbeitungen an der Türwand ist zu ersehen, dass das Türbekrönungsgesims hier vertikal heruntergekröpft war; und das ist dieselbe Anordnung wie bei dem simaförmigen Profil über der Tür im Untergeschoss, die noch vollständig erhalten ist. Die übrige Form dieser seitlichen Einarbeitungen zeigt, dass auch hier wieder das gekröpfte Gebälk über je einer Einzelsäule neben der Tür sich gegen die Wand totlief, hier aber nur teilweise; ein Teil des Gesimses lief jederseitig um die Ecke und verband so die sonst ganz vereinzelt stehenden, die Tür flankierenden Säulen mit der Architektur der beiden Nebenwände. Nach Ergänzung der Sima über der Tür sitzt dann auch die Konsole (Trapezform 25 cm untere Breite und 26 cm Höhe) über der Tür dicht über dem Bekrönungsgesims und wirkt mit einem darauf zu ergänzenden Schmuckstück, vielleicht einem Kreuz oder einem Porträt des Theoderich, als Mittelbekrönung der Tür. So war die ursprüngliche äussere Erscheinung des Grabmals, abgesehen von einer oben auf der Kuppel wohl noch hinzuzudenken[pg 23]den Bekrönung des Ganzen, etwa so, wie auf dem Titelbild dargestellt.