Bild 22. Die Türwand des Obergeschosses.

Bild 23. Tür am sogen. Äskulaptempel in Spalato.

Vom Inneren des Bauwerkes hat besonders der obere runde Innenraum mit der nach Osten gerichteten Nische Interesse. In diesem Raum ([Bild 24]) muss der grosse Gotenkönig bestattet gewesen sein. Seine Wand ist einst mit Marmor-Inkrustation versehen gewesen, wie Isabelle[8] richtig gesehen hat. Das zeigt erstens die Flächenbeschaffenheit der Wand. Fein gespitzte und von einem Saumschlag umzogene Quaderflächen gelten bei Innenräumen dieser Zeit nicht, wie Durm meint, für fertig gearbeitet und für die Ansicht bestimmt. Dann aber beweisen es auch die in ziemlich regelmässiger Anordnung noch vorhandenen mit Blei verstemmten Eisenpflöcke. Von diesen läuft eine horizontale Reihe besonders starker, in Höhe von ca. 53 cm über dem Fussboden um den Raum herum 5 zwei Reihen schwächerer Eisen sitzen in den Fugen 1,77 m und 2,64 m über dem Fussboden und eine vierte Reihe in der Fuge [pg 25]unter der oben herumlaufenden gesimsartig vortretenden Schicht. Mit dem einstigen Vorhandengewesensein einer Inkrustation stimmt es auch überein, dass jene obere Schicht ([Bild 25]) ohne Unterglied mit horizontaler Unterfläche 10 cm vor die Wandfläche vortritt, und dass auch das an dem Schlussteine des Bogens über der Nische gearbeitete Kreuz von nur 61 cm Höhe die für diese Grösse ungeheuerliche Reliefstärke von 15 cm hat, sowie dass an dem unteren Kreuzarm noch die Reste von zwei seitlich eingetriebenen Eisenhaftern sichtbar sind, von denen der eine später das Absplittern eines Teiles des Kreuzes veranlasst hat. An den Innenflächen der Nische fehlen die Eisenhafter, sie war also nicht inkrustiert. Ebenso fehlen sie an der Kante, die die Wand des Raumes mit den Nischenwandungen bildet, woraus hervorgeht, dass die Inkrustation weder um diese Kante herumging noch an ihr aufgehört hat, d.h., dass die Inkrustation über die vorhandene Nische weglief, die dazu vorn zugemauert gewesen sein muss. Diese Nische kann deshalb also nicht zur Altarnische bestimmt gewesen sein, wie bisher stets angenommen worden ist. Gegen diese Annahme spricht auch ausserdem die mit 1,90 m im Scheitel des Bogens nur sehr geringe Höhe der Nische, der Umstand, dass das Fenster in der Nische eine spätere Zutat ist, und dass der Fussboden der Nische 13 cm tiefer liegt als der jetzige Fussboden des Raumes, dessen Höhenlage der des alten Fussbodens entsprochen haben wird, weil er bündig mit dem inneren Teil der durch die ganze Mauerstärke reichenden Türschwelle 6,5 cm unter dem äusseren Anschlag der Türschwelle liegt. Die Nische ([Bild 25]) selbst gehört sicher in ihrer jetzigen inneren Form der ursprünglichen Bauanlage an. Sie ist sehr sorgfältig konstruiert. Die in den Lagerfugen mit Haken gearbeiteten 13 Bogensteine (einschliesslich der Kämpfersteine) von 61 cm Bogenstärke greifen alle ungeteilt durch die ganze Tiefe des von ihnen gebildeten, [pg 26]die Nische überdeckenden Tonnengewölbes durch. Einer von ihnen, der Bogenanfänger der linken, nördlichen Seite, greift sogar mit Wiederkehr 21 cm weit in die Rückwand der Nische ein, ergibt also damit die genaue ursprüngliche Tiefe der Nische mit 1,29 m. Von dem Mauerwerk der Nische ist jedoch nur ein Teil noch ursprünglich. Ein grosser Teil der Rückwand, etwa zwei Drittel der Fläche und die anschliessende südliche Ecke sind einmal herausgeschlagen und dann durch minderwertiges Mauerwerk zum Teil aus kleinen unbearbeiteten Bruchstücken mit dicker Mörtelverschmierung ersetzt worden, während das alte Mauerwerk sehr sorgfältige dicht schliessende Fugen ohne Mörtel zeigt. Im Äusseren greifen diese Spuren der Zerstörung und schlechten Wiederher[pg 27]stellung noch weiter und umfassen die Südwand des Nischenvorbaues mit. Die wieder verwandten grossen Quader sind dabei nicht einmal fluchtrecht versetzt, und die Südwand der Nische ist denn auch 11 cm stärker ausgefallen als die Nordwand. Das Fenster der Ostwand sitzt ganz in diesem Flickmauerwerk. Sein Sturz besteht aus zwei schlecht gearbeiteten in Abstand von rechts 7 cm und links 10 cm voneinander versetzten Platten von verschiedener und unregelmässiger Dicke und von anderem Steinmaterial als der übrige Bau, ist also sicher neu. Auch die Laibungen des Fensters sind ohne Sorgfalt weder lotrecht noch winkelrecht, noch in ebenen Flächen hergestellt und lassen auch deutlich erkennen, dass das Fenster nachträglich notdürftig ausgebrochen ist. Angesichts dieses Zustandes ist es sehr wunderlich, dass man bei den bisherigen Aufnahmen das Fenster für echt gehalten hat. Die Nische war also ursprünglich ohne Fenster und lag hinter der inkrustierten Vermauerung von innen nicht sichtbar, aber durch das Kreuz am Kämpferstein, das aus der Inkrustation etwa 5 cm herausragte, in seiner Lage angedeutet. Man muss danach annehmen, dass diese Nische ursprünglich keinen Altar, sondern etwas anderes, sehr Wertvolles, vor profaner Berührung zu Schützendes geborgen hat, und das kann wohl nur die Leiche des grossen Königs selber mit seinen Waffen und Kleinodien gewesen sein, was denn auch die einstige Zerstörung gerade dieses Bauteiles erklären würde. So ist also durch zwingende technische Gründe, die ein jeder, der beobachten kann, am Denkmal selbst nachprüfen mag, erwiesen, dass die Anordnung dieser Nische dieselbe war, wie noch 288 Jahre später die des Grabes Karls des Grossen in Aachen, ein vermauerter überwölbter Raum. Ein Augenzeuge der von Otto III. im Jahre 1000 vorgenommenen Graböffnung, sein „protospatarius et comes sacri palatii“ Otto von Lomello[9] wie auch der Chronist Thietmar von Merseburg[10] berichten, dass die Leiche Karls in einem vermauerten überwölbten Raum nicht in einem Sarkophag liegend, sondern auf einem Stuhle sitzend gefunden wurde. Auch für Theoderich wird [pg 28]man danach also keinen Sarkophag in der nur 1,90 m breiten Nische anzunehmen haben, sondern den toten König im vollen Schmuck seiner Waffen auf einem Stuhle thronend, vielleicht in halb sitzender halb liegender Stellung.

Bild 24. Grundriss des Obergeschosses,
rekonstruiert von Bruno Schulz.

Bild 25. Die Nische in der Ostwand des Obergeschosses, Innenansicht und Schnitt.
In den Höhen a, b, c, d und bei e und f eiserne Haften.

So erklären sich alle am Grabmal des grossen Königs vorhandenen Formen und Spuren vorhandener Formen zwanglos technisch in Übereinstimmung mit der uns sonst bekannten Entwicklung, die Art der Bestattung als rein germanisch, die Architekturformen aus den Traditionen der spätrömischen Architektur, wie sie zur Zeit der Erbauung des Grabmals noch lebendig waren; und so zeigt sich uns das Grab des grossen Gotenkönigs als ein spätes Denkmal, an dem die Gedanken der monumentalen römischen Wanddekoration noch einmal in folgerichtiger, würdiger und prächtiger Weise Ausdruck gefunden haben. So stimmt auch sein Grab mit den Bestrebungen überein, die Theoderich während der ganzen langen Zeit seiner Regierung verfolgt hat, die grossen römischen Überlieferungen zu pflegen. Mit welchem Eifer der König gerade die Architektur seiner römischen Vorgänger pflegt und nachahmt, [pg 29]für die er „persönlich grosses Interesse und Bewunderung hegt (er sagt, die Betrachtung derselben sei seine liebste Erholung von den Sorgen der Regierung, Cass. Var. VIII, 15[11])“, zeigen viele Stellen in seinen Briefen, am deutlichsten vielleicht die Anweisung an seinen Curator palatii, den Oberbaudirektor, „er solle dafür sorgen, dass niemand die Neubauten von antiken unterscheiden könne!“ (VII, 5). Den Begriff „römisch“ müssen wir dabei für diese Zeit noch so fassen, wie ihn Theoderich selber in seinen Briefen und Edikten meint, als Bezeichnung für die einheitliche Kultur des gesamten Römischen Reiches, ohne allzugrossen Wert auf die Unterscheidungen: stadtrömisch, italisch, byzantinisch oder syrisch zu legen. Wie Theoderich alle Stellen der Zivilverwaltung mit Römern, d.h. Nichtgoten besetzte, so werden auch die leitenden Baubeamten und Architekten Römer in diesem Sinne gewesen sein. Die uns erhaltenen Namen von zweien seiner Architekten, Aloisius und Daniel, beweisen es auch. Da in jener Zeit alttestamentarische Namen für Europäer noch nicht üblich waren, so wird der letztere wohl Syrer gewesen sein. Gerade dieser ist es, den der König damit beauftragt, in Ravenna „Gewölbe zu konstruieren, wo man die Körper derer, die man verloren hat, erhalten könne, ohne sie in die Erde zu legen, damit die Hinterbliebenen nicht mehr genötigt sind, ihr Erbgut zu vergeuden für die Toten, oder die Körper derer, die sie lieb haben, ohne Ehre zu ihrem grossen Leidwesen in eine Grube geworfen zu sehen“ (Cass. lib. III, 19). Es ist also wohl möglich, dass dieser Daniel auch der Architekt des Grabmals ist. Dass er, wenn nicht gotische, so doch von gotischen Formen beeinflusste Steinmetzen am Bau beschäftigt hat, erscheint nach einigen Einzelformen, wie dem „Zangenornament“ am Hauptgesims wohl wahrscheinlich.