Ostersonne, welch sanftes Feuer in deinem Kusse! Strahlenselig blinkerst du im feinen Wellenspiel hier vorn beim gelben Ufersande. Weiterhin glatt die mächtige Wasserfläche, blau spiegelt sich darin die Himmelswölbung. Wie blitzende Schneeflocken schweben ein paar Federwölkchen. Am jenseitigen Ufer hingedehnt eine Hügelkette mit Kiefernwald. Veilchenfarbene Schleier sind diese Massen, zart wie Duft ... O Zaubermacht der Ferne, wie weißt du zu verklären! Harte, schwere Körper lösest du auf in stoffloses Leuchten. Und Erlebnisse, die einst peinlich berührten wie kreischendes Geräusch, läutern sich zu friedlich heitrer Stimmung. Osterfeier der Seele — am Grabe, wo ein hingemarterter Erdensohn in Todesbanden gelegen, lächelt der weißgekleidete Himmelsbote: „Er hat sein Gefängnis verlassen!“

„Blüh auf, gefrorner Christ!“ So klingt es in mir, ein verschollenes Gedicht — und immer muß ich hinlauschen. Weiß nicht, wie es weiter geht; etwas zärtlich Schönes muß es wohl sein — etwas wie dies laue Sonnenküssen und dies lichtgrüne Gras, bei dem ich im Ufersande lagre. Durch die blaue Luft flattern Träume von blühendem Schlehdorn, von goldigen Himmelschlüsselchen ... Und wieder jubelt es in mir: „Blüh auf, gefrorner Christ!“

Wer ist es doch, der diese Weise sang? Sie mahnt an alte Frömmigkeit, an einen Heiland, der innen aufersteht. Und deutlicher wird sie mir: ein Auftakt ist sie vom „Cherubinischen Wandersmann“. Schon ein viertel Jahrtausend, seit diesem Poeten seine frommen Sprüche aufgingen. Doch jung bleibt solche Gottseligkeit, jung wie Sonne und Erde, die mir immer wie große Kinder vorkommen. „Blüh auf, gefrorner Christ ...“ Und weiter? Ich weiß nur, daß es in den Versen wie Lerchenlaut zwitschert — und eben fällt mir noch ein, daß der Frühling den gefrornen Christen ermahnt, die winterliche Erstarrung aufzugeben.

Ja, so hat es hier der weitgedehnte See gemacht, an dessen Ufer ich in molliger Aprilsonne schauend schwelge. Vom Tauwind ward seine Eisdecke zermürbt, zerschmolzen, und nun „blüht“ der See. Heiter leuchten die sanften Farben seines Spiegels. Dort in der schilfigen Bucht wimmelt es von verliebtem Wassergeflügel. In das Schnarren der Teichhühner, Haubentaucher und Gänseseeger mischt sich schüchternes Koaksen von Fröschen, glockenhaftes Unken von Kröten.

Auch in mir blüht etwas auf, wie ich mich so dem Frühling hingebe. Ein erster gelber Falter taumelt dahin, trunken von Sonne und lauer Luft. Gänseblümchen lächelt ihm zu — wie ein Bauernkind ist es in seiner gesunden Frische und einfältigen Lieblichkeit. Neben ihm Jungvolk von Grashalmen — ich lehne meine Wange ans zarte Grün. Da sind auch Huflattichs gelbe Sterne und die Milchtropfen des Hungerblümchens. Das Erlengezweig am sumpfigen Ufer ganz lila — das machen die Blütenkätzchen, rötlichen Raupen ähnlich. Von den walzenförmigen Blüten der Haselnußstaude stäubt gelber Puder.

Und sieh doch, am Saume des Kiefernwaldes bei den Baumwurzeln glimmert’s wie blankes Kupfer: blühendes Moos! Das ernste Dunkelgrün der Moospolster hat einen zarten Flaum zur Sonne emporgetrieben, lauter goldbraune Fäserchen. Und jedes Fäserchen eine Blüte, selig, voller Leben und Zukunft — jedes Blütenfäserchen ein schimmerndes Kunstwerk.

Und der Ufersand, sieh, welch Glitzern und Flirren! Jedes Körnchen ein blitzendes Edelgestein — Goldpunkte ohne Zahl — Lichtstaub der Milchstraße — Wunder wie Sand am Meer! „Klein das Große — groß das Kleine.“ Wie das Hehrste, das wir uns vorstellen können, klein ist vor der Unendlichkeit, so bedeutet andrerseits jede Winzigkeit eine ganze Welt — und die Holdseligkeit dieses Frühlingsbildes ist gar nicht auszuschöpfen, sofern du den Sinn öffnest für die Fülle der Schöpfung ... „Blüh auf, gefrorner Christ!“ Der goldige Baldur ist da, ist neu erstanden aus Finsternis und Eis. Baldur ist nicht bloß der Lenz, die Jahreszeit; ich meine zugleich jene erweckende Macht, die aus trübem Geschick dem Herzen, das vom Frost auftaut, Auferstehung bereitet und Himmelfahrt. Und nun erinnere ich mich, wie der Vers weiter geht: „Blüh auf, gefrorner Christ — der Mai ist vor der Tür!“

Sieh doch, ein Silberfunke sprüht vom Seespiegel ins blaue Luftreich! Hüpft die leuchtende Schönheit des Wassers in lenzlichem Übermut? — Nur ein Hecht war’s — der Hungrige hat sein Opfer verschlungen.

Und eine Möve kommt geschwebt. Zierlich wiegt sie sich, wie Schnee blitzt die Schwinge über der stahlblauen Flut. Mit sachtem Flattern sinkt sie auf den Wasserspiegel und tunkt den Schnabel hinein, leicht und zierlich. So umgaukelt ein Schmetterling zum Kusse seine blaue Blume ... Nicht doch! Die sanfte Bewegung des weißen Gefieders, dies scheinbare Kosen der Flut ist tatsächlich ein mörderischer Überfall; den zappelnden Fisch im Schnabel strebt schwerfälligen Flügelschlags der Raubvogel zum schlammigen Strande, die Beute zu verzehren.