Die du auf der Bäume Zweigen
Von geringem Trank begeistert,
Singend wie ein König lebst ...“
So hat Goethe das Grillenlied Anakreons verdeutscht. Umsonst wartete ich auf das königliche Singen — mein Grüner Donnerstag blieb stumm. Ach ja, Gefangenschaft ist ein bös Ding! Ich ging mit dem Plane um, meine Grille zu der andern bringen zu lassen, die in der Akazie zirpte. Da ich aber beobachtete, wie sich der Häftling die geschabte Mohrrübe munden ließ, dachte ich: „Schmeckt das Essen, wird das Herzchen nicht gleich vor Trauer brechen.“ Ich zündete den Spiritus meiner Teemaschine an — das Wasser summte. Dieser elfenhafte Singsang hat etwas vom Zirpen der Grille. Meinen Zellengenossen begeisterte er, daß er die Gefangenschaft vergaß — und horch, leise begann er zu geigen — es klang, als ob ein Flageolett-Ton auf der E-Saite zittere, oder als ob gläserne Zwergpantöffelchen den Walzer schleifen im Saale von Kristall.
Bald war der Grasmusikant so zahm, daß er sich beim Fiedeln beobachten ließ. Die Silberflügel reibt er, sie zittern wie gestrichene Saiten. Sonst ist das Tierchen schwerfällig. Zwischen Fressen und Singen teilt es sein Dasein.
Daß es noch ein Drittes gäbe, wurde ich abends gewahr. Die Grille auf dem Akazienbaum hatte wohl erlauscht, daß eine andere in der Nähe hause. Als dem warmen Herbsttage eine schier sommerliche Nacht folgte, ward ihr Lied ein herausforderndes Schmettern. Ich saß bei der Lampe, über Schreibpapier gebeugt. Notierte Anakreons Lied auf die Grille, den griechischen Text, den ich mal auswendig gelernt hatte. Und dann versuchte ich eine Nachdichtung. Durchs offene Gefängnisfensterchen strömte lau der Nachtodem. Plötzlich tippt was an die Scheibe wie ein Nachtschmetterling. Dann schwirrt eine Grille herein — mir gerade aufs Papier. Die Diotima vom Akazienbaum! Angelockt vom Grünen Donnerstag, hat sie den Spruch beherzigt: Es ist nicht gut, daß ein Geschöpf allein sei. Um den angebändelten Roman nach dem beliebten Schema „sie kriegen sich“ zu enden, packe ich den hergeschwirrten Amor bei seinen Flügelchen und tue ihn in den Schachtelkäfig. Die beiden Grillen sind nun stumm. Vor neugieriger Betrachtung kommen sie nicht zum Singen.
Die Grillenpoesie hat mich begeistert, und ich bringe eine Verdeutschung des anakreontischen Liedes zustande:
Grillchen hoch im Baumgezweige,
Ei du quietschvergnügte Geige!
Diedel diedel zirpt die Fiedel —