»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«
Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend über seinen langen weißen Bart.
»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden, als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden, durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«
»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«
»Ein so großer doch kaum.«
»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es — mir ist bange davor.«
»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« fragte der alte Herr ungläubig.
»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht. Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die Verlobung auflösen.«
»Wenn er das tun sollte — ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich werden würde.«
»An und für sich kein Unglück — nein!« Der junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche Wirkung das haben wird — welche Wirkung auf sie? Der Grund wird ruchbar werden — das muß er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist — kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«