»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe, ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath erwartet mich, ich will gehen.«
Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz, — ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß du glücklich bist, so stolz auf Roy, — nicht wahr? — deinen einzigen geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen — nicht? — und wenn ihm etwas zustieße — dich vielleicht gar töten? Nein, nein — sag’ nicht ›Ja‹ — antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«
Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis — du siehst kläglich aus, — du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid, wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich gehen.«
Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen: sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.
Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb stehen, und er kam sofort auf sie zu.
»Ich — ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht — er hatte sie genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe.
»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, — Sie sind sehr schnell gegangen, — das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«
Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten, ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn geliebt hätte!
Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz geschaut.
»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht geschlafen?«