Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte, war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein — es war nicht möglich! Sie sollte ihn noch lieben lernen!
Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande der Klippe, — so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick erschrocken stehen.
»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,« sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.
Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten ihn noch immer.
»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern — trotz meiner Liebe? Es wäre furchtbar für uns beide — furchtbar! Armes Kind — armes kleines Mädchen — und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich ihr entsagen? Wenn ich —«
Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle, und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences Felsenkammer zusammen.
23.
Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort, der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.