»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du, ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.«
»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen, wo du —«
»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin, daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.«
Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen — der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen ihn begrüßte, würdig sei.
Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.
»Flo,« — Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, — »ich habe Chichester gesehen — Hallo! Zum Kuckuck auch!«
Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien.
Er sah — wenigstens auf den ersten Blick — nicht so aus wie jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren Mann hätte schließen lassen.
Ja — Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten.