»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich sagte, stehe ich ganz allein in der Welt — schon seit acht Jahren.«
Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an. Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie abstieß.
In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr, und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln, weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden schien.
4.
Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages, denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte, den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein.
Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide — sie trug im Hause gern übermäßig lange Schleppen — im Gespräch mit der einzigen noch anwesenden Persönlichkeit.
Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, — er hatte fast gar kein Mienenspiel, — seine Gestalt hatte eine gewisse Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde, anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte Antlitz sich gegenüber sah.
»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd. »Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.«