»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr — niemals! In den ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir, daß sie verheiratet sei.«

Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.

»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe — ich war jung, und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach — daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr gehört.«

»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«

»Nein — dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.«

»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?«

»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso weißem Haar wie das meine — sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte das Gefühl, daß — wie sie nun auch sein mag — Sie sie hören sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie uns von etwas anderem reden.«

Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten war.

»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet, wieder gutmachen zu lassen.«