Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört zu mustern.
Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund.
Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut, wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige, aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte blaue Augen nicht anziehender wurde.
Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens, — zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, — war den Männern nicht eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. —
Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing. Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.
»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht schlimmer!«
»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück.
»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu. »Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden.
»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.«