Nepa cinerea, der Wasserskorpion, und Ranatra linearis unterscheiden sich von einander leicht durch die Gestalt; der erstere ist breit, verhältnismässig kurz und von oben nach unten platt gedrückt, während Ranatra am besten gekennzeichnet wird durch den Namen, welchen ihr jüngst einer meiner Schüler gab: Strohhalmwanze. Wer sie nicht kennt, dürfte sie in der That oft genug jener Ähnlichkeit wegen, da sie überdies meist bewegungslos mit abgestreckten Beinen im Netz liegt, übersehen.
Mit der Schwimmbefähigung und Schwimmneigung beider ist es nicht sonderlich bestellt; die Mittel- und Hinterbeine, welche dabei gebraucht werden, sind nur schwach bewimpert. Sie bewegen jedoch die Beine desselben Paares gleichzeitig und Ranatra, dessen Beine ausserordentlich lang sind, kommt schwimmend ziemlich schnell fort. Die Lieblingsstellung beider Tiere ist übrigens, sich schräg abwärts gerichtet an einer Wasserpflanze mit den beiden letzten Beinpaaren zu halten, so dass die Atemröhre eben zur Oberfläche emporragt, und so bewegungslos auf Raub zu lauern. Blitzschnell erfassen sie mit ihren Vorderbeinen vorbeischwimmende Tiere, auch winziger Grösse, z. B. Daphnien. Einmal gefasst, entwindet sich keine Beute so leicht diesen Zangen. Bisweilen sah ich Ranatra eine Daphnia aussaugen und gleichzeitig mit jedem Vorderbeine eine neue Beute halten[LVII].
[LVII] Die Mundteile der Nepiden bieten übrigens eine morphologische Besonderheit dar; die Unterlippe derselben besitzt am vorletzten Schnabelgliede eingliedrige Taster im Gegensatz zu der allgemeinen Angabe, dass den Rhynchoten eigentliche Lippentaster fehlen. Das hatte bereits Savigny erkannt und abgebildet. Seine Abbildung ist in Lehrbüchern immer wieder kopiert worden, aber anscheinend ohne Verständnis und Nachuntersuchung, denn die Taster sind in den Abbildungen recht undeutlich geworden und in den Erklärungen und Texten völlig verschwunden. Burmeister, der auch die Abbildung von Savigny bringt, hat sogar auf das Fehlen der Unterlippentaster hin eine besondere Deutung der Gliederung des Rüssels aufgestellt, die oft wiederholt wurde, und Huxley („Wirbellose Tiere“) zieht mit deswegen in Frage, ob die Mundteile der Rhynchoten mit denen der anderen Insekten homologisiert werden können. Aufallenderweise giebt auch Geise, der die Mundteile der Schnabelkerfe so genau untersucht hat, an, dass bei Nepa und Ranatra die Lippentaster fehlen. Vgl. meine Mitteilungen über Mundteile der Rhynchoten und die Stigmen derselben in d. Sitzungsber. der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin, 1891.
Die Eier legen beide Wanzen im Mai an abgestorbenen schwimmenden Binsen u. dergl. ab und zwar so, dass das eigentliche Ei in die Pflanze eingesenkt ist und nur die eigenartigen, fadenförmigen Anhängsel der Eier (bei Ranatra zwei, bei Nepa mehrere) hervorragen ([Fig. 10], 29 u. 30). Von Ranatra habe ich mehrfach die Eier im Mai zu vielen Hunderten angetroffen. Die jungen Larven schlüpfen nach kurzer Zeit aus; die Zugehörigkeit zum entwickelten Tier ist bei ihnen wie bei Nepa ohne Weiteres zu erkennen. Es fehlen ihnen zunächst nur die Flügelansätze und die Atmungsweise ist eine etwas andere. Bei den entwickelten Kerfen liegen die einzig offenen Stigmen am Ende des Hinterleibes, am Grunde der Atemröhre; die übrigen Stigmen desselben sind auf der Bauchseite zwar vorhanden, aber geschlossen und nicht in Thätigkeit; bei den Larven sind dagegen an der Bauchseite zwei gleichartige Haarrinnen vorhanden wie bei Notonecta, und unschwer erkennt man auch, dass von der kurzen Atemrinne aus — eine zweiteilige Atemröhre ist noch nicht ausgebildet — die Luft in diesen seitlichen Gängen zu den dort liegenden Luftlöchern fortgeleitet wird. In allen anderen Punkten aber, in der Bildung der Mundteile, im Schwimmen, in der gewöhnlichen Körperhaltung, sind die jungen Tiere ein getreues Abbild der alten.
Schlussbemerkungen.
Reich und mannigfaltig ist also, wie wir sehen, das Kerf- und besonders Kerflarvenleben der süssen Gewässer entwickelt. Naturgemäss drängt sich da zum Schluss die Frage auf: Wie verhält sich dazu die Kerfwelt des Meeres? Ist dort ein ähnlicher Reichtum an Formen vorhanden; sind es verwandte und gleiche Formen wie die des süssen Wassers? Die Auskunft auf solche Fragen muss für Jeden zunächst überraschend sein: Von Kerfen und besonders Kerflarven des Meeres ist so gut wie gar nicht die Rede. Ausser einer Gattung der Wasserläufer (Halobates, Meerwanze) giebt es nur ganz vereinzelte Meerestiere unter den Kerfen und Kerflarven. Dass der Salzgehalt des Meerwassers die Ursache dieser auffallenden Erscheinung sein sollte, ist, auch schon wegen der Fauna der salzigen Gewässer des Binnenlandes, nicht wohl anzunehmen. Vielleicht ist dieselbe im folgenden zu suchen. Die fast nie ruhende Bewegung der Meeresoberfläche, besonders auch näher der Küste, macht zunächst allen Kerfen und Larven, die zur Atmung an die Oberfläche kommen, oft auf lange Zeit das Atmen und also das Leben im Meere unmöglich; aber auch für diejenigen Larven, bez. Puppen, welche durch Kiemen oder Tracheenkiemen atmen und die also zunächst in der schützenden Tiefe verbleiben können, kommt früher oder später der Zeitpunkt, wo sie zur Verpuppung oder zum Ausschlüpfenlassen des Insektes das Wasser verlassen müssen, und welche Schwierigkeit bietet sich dann für die schwachen Lebewesen durch die Brandung das Ufer und weiter eine Stelle zu erreichen, an der sie nicht eine spätere Welle oder die steigende Flut erreiche. Wie dem nun auch sein möge, jedenfalls bilden die Kerfe hierin einen bemerkenswerten Gegensatz zu der verwandten Klasse der Kruster, den echten Wassertieren, welche im Meere so ungleich reicher als im süssen Wasser entwickelt sind.
Anhang.
Tabelle zur annähernden Bestimmung der im Wasser lebenden Kerflarven[LVIII].
| 1. (8)[LIX] | Mit Flügelansätzen[LX] | 2. |
| 2. (3) | Mit gegliedertem Rüssel | |
| 3. (2) | Mit beissenden Mundteilen (Orthoptera amphibiotica) | 4. |
| 4. (5) | Unterlippe zum Fangorgan ausgebildet, weit vorstreckbar ([Fig. 9], 19). Mit drei blattförmigen Kiemen[LXII] am Ende oder mit Darmkiemen | |
| Odonaten ([Fig. 9], 19–22). | ||
| 5. (4) | Unterlippe gewöhnlich, tief geteilt | 6. |
| 6. (7) | Mit Kiemen nur an den Seiten des Hinterleibes. Meist drei lange Endanhänge. | |
| Ephemeriden ([Fig. 9], 23). | ||
| 7. (6) | Ohne Kiemen an den Seiten des Hinterleibes, oft mit solchen an der Brust. Meist zwei Endanhänge. | |
| Perliden ([Fig. 10], 24). | ||
| 8. (1) | Ohne Flügelansätze. Larven, deren Brust- und Hinterleibsringe meist recht gleichartig und deren Tarsen nie gegliedert sind | 9. |
| 9. (10) | Ohne gegliederte Beine an den drei Brustringen, bisweilen mit fussartigen, ungegliederten Fortsätzen, die zahlreiche Chitinhaken tragen | |
| Dipteren ([Fig. 7], 9–14). | ||
| 10. (9) | Mit gegliederten Beinen an den drei Brustringen | 11. |
| 11. (12) | Mit je einem kräftigen Chitinhaken an zwei kürzeren oder längeren Afterbeinen am Hinterleibsende. Fühler meist fehlend, selten vorhanden und dann zweigliedrig, winzig. Mit oder ohne fadenförmige mehrreihige Kiemen. Mit oder ohne Gehäuse | |
| Phryganiden ([Fig. 8], 15). | ||
| 12. (11) | Ohne derartige Chitinhaken an besonderen Afterbeinen; mit Fühlern | 13. |
| 13. (14) | Raupen; mit fünf Paar Afterbeinen am dritten bis sechsten und letzten Hinterleibsringe. Afterbeine mit Hakenkränzen | |
| Wasserzünsler (Paraponyx, Hydrocampa, Cataclysta, Acentropus). | ||
| 14. (13) | Fast immer ohne Afterbeine[LXIII], oder doch nie mit Afterbeinen in obiger Anordnung | 15. |
| 15. (18) | Mit fadenförmigen Kiemen, ohne thätige Luftlöcher[LXIV] | 16. |
| 16. (17) | Ohne Chitinhaken am Körperende; Kiemen gegliedert, am Hinterleib | |
| Sialis, Sisyra. | ||
| 17. (16) | Mit vier Chitinhaken am Körperende; Kiemen ungegliedert, am Hinterleib | |
| Gyriniden ([Fig. 5], 1). | ||
| 18. (15) | Ohne fadenförmige Kiemen; mit zwei thätigen Luftlöchern am Körperende | 19. |
| 19. (20) | Fühler länger als der halbe Körper; Körper platt | |
| Cyphon. | ||
| 20. (19) | Fühler kürzer als der halbe Körper; Körper mehr oder minder walzenförmig | 21. |
| 21. (22) | Vorletzter (eigentlich drittletzter) Hinterleibsring mit zwei langen sichelförmigen Chitinhaken. Körper weichhäutig, bleich | |
| Donaciden. | ||
| 22. (21) | Ohne solche Chitinhaken; Körper nicht bleich | 23. |
| 23. (24) | Oberkiefer sichelförmig, ohne Zähne auf der Innenseite; Beine mit gesonderter Kralle, also sechsteilig. Fast immer zwei Krallen | |
| Dytisciden ([Fig. 5], 2–4). | ||
| 24. (23) | Oberkiefer mit deutlichen Zähnen oder doch Höckern auf der Innenseite. Tarsus und Kralle nicht gesondert, Beine also fünfgliedrig. Nie zwei Krallen | |
| Hydrophiliden ([Fig. 6], 6 und 7). | ||
[LVIII] Die weitere Unterscheidung der unten folgenden Gruppen siehe teilweise im Text.