Auch die Arten des Genus Unio nehmen in den Seen besondere Formen an. Ich habe beobachtet, dass die Muscheln von Unio pictorum ([Fig. 30]) und batavus, wenn sie im tieferen Wasser in einer hohen Schlammschicht sich aufhalten, ein sehr verlängertes Hinterteil erhalten, weil sich dieselben im festen Boden festklammern, dabei aber mit dem Hinterteile aus dem Schlamme hervorzuragen suchen, um die Atemröhre freizuhalten. Das Hinterteil wird dadurch bei fortwährendem Strecken des Tieres verlängert, und krümmt sich dabei oft mehr oder weniger nach abwärts, so dass die Muschel eine etwas hakenförmige Gestalt annimmt, wie es bei Unio arca Held aus dem Chiemsee und Unio platyrhynchus Rossm. ([Fig. 31]) aus dem Wörthsee der Fall ist. Merkwürdigerweise kommt in den bayrischen, Schweizer und wahrscheinlich auch in den oberösterreichischen Seen nur Unio pictorum vor, während Unio batavus in denselben fehlt, obwohl diese letztere Art in den zufliessenden Bächen reichlich vorhanden ist. In den Schweizer Juraseen findet sich Unio tumidus, die in allen im Alpengebiete liegenden grossen Wasserbecken nicht vorkommt. Unio batavus dagegen ist auf die Kärntner- und Juraseen beschränkt.
Fig. 31.
Unio platyrhynchus Rossm.
Die Mollusken der Tiefenfauna.
Den Untersuchungen Dr. Forels[LXVII], welcher die Tiefenfauna der grossen Schweizer Seen untersucht hat, verdanken wir die Kenntnis, dass auch die Klasse der Mollusken zu derselben ihr Kontingent stellt, und dass sich auch in den grössten Tiefen derselben noch einzelne Arten von Schnecken und Muscheln aufhalten. Unter den ersteren sind sogar Lungenatmer des Genus Limnaea, welche im seichten Wasser bei heiterem, warmem Wetter die Gewohnheit haben, an die Oberfläche des Wassers aufzusteigen, was aus einer Tiefe von 2–300 m zur Unmöglichkeit wird.
[LXVII] Matériaux pour servir à l’étude de la Faune profonde du lac Léman. Lausanne 1874.
Dr. Forel teilt die Fauna der Seen in drei Abteilungen:
- Die Uferfauna; sie umfasst die Tiere, welche sich an der Oberfläche des Wassers und in einer Tiefe bis zu 5 m aufhalten.
- Die pelagische Fauna, welche jene Tiere umfasst, die entfernt von den Ufern oder untergetaucht im Wasser leben.
- Die Tiefenfauna, welche den Seeboden von 25–30 m an abwärts bewohnt.
Die Uferfauna enthält Arten aller Genera unserer heimischen Süsswasserconchylien, welche unter Umständen eigenartige Varietäten bilden, die wir in vorhergehenden Abschnitten schon erwähnt haben. Die pelagische Fauna entbehrt der Mollusken. Die Tiefenfauna dagegen besitzt noch einige Arten der Genera Limnaea, Vivipara, Valvata und Pisidium, die ich sämtlich, soweit sie mir bis jetzt bekannt wurden, in meiner „Molluskenfauna von Österreich-Ungarn und der Schweiz“ S. 768–791 beschrieben habe.
Die eigentümlichen Verhältnisse am Seeboden, geringe Temperatur des Wassers (wenig um 4° C. schwankend), der grosse Druck der Wassersäule, die sehr spärliche Nahrung, welche ihnen der Schlamm des Seebodens bietet, geben die Veranlassung, dass die in so grossen Tiefen lebenden Conchylien nur kleine, verkümmerte, unscheinbare Arten sind, die sich naturgemäss von den Arten der Uferfauna abgezweigt haben müssen. Diese Tiefseemollusken führen ein kümmerliches Dasein. Da die Temperatur des Wassers das ganze Jahr über eine sehr gleichförmige ist und der Wechsel der Jahreszeiten das geringe Wachstum der Schalen nicht unterbricht, fehlen die Marken der Jahresabsätze; die Epidermis ist sehr dünn und stösst sich, trotz der fast völligen Ruhe des Wassers, leicht ab; die Muscheln bleiben dünnschalig und leichtzerbrechlich. Eine Art Pisidium fragillimum Cless. aus dem Silvaplaner See besitzt eine so dünne Schale, dass jede Berührung an derselben einen Eindruck zurücklässt. Jeder der bisher untersuchten Seen beherbergt wenigstens eine eigentümliche Art des Genus Pisidium. Limnäen wurden nur im Genfersee beobachtet; Vivipara (eine Art) findet sich im Gardasee; Valvata-Arten (drei) gehören nur der Tiefseefauna des Genfer- und des Gardasees an.