Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.

Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.

Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den Briefen.

Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence draußen vor dem offenen Fenster stehen.

18.

Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte Veränderung vorgegangen — es sah älter und strenger aus.

»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl nicht gehört?«

Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe sie eintrat.

»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin — ich muß gestehen, daß ich Sie nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich nicht hier.«

Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die Glastür ein und nahm Platz.