»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St. Mellions, redete mich der alte Burrows — Sie wissen, Doktor Burrows — auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und gar nicht.«

»Was wollte er damit sagen?«

»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«

»Umherzuschleichen?«

»Ja — zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern abend — wissen Sie noch, wie es regnete? — war er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens, denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«

»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«

»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend, alter Junge — möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«

Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte, war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein — es war nicht möglich! Sie sollte ihn noch lieben lernen!

Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande der Klippe, — so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick erschrocken stehen.

»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,« sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.