II. Die unbewusste Einstellung.
Die überlegene Stellung des subjektiven Faktors im Bewusstsein bedeutet eine Minderwertung des objektiven Faktors. Das Objekt hat nicht jene Bedeutung, die ihm eigentlich zukommen sollte. Wie es in der extravertierten Einstellung eine zu grosse Rolle spielt, so hat es in der introvertierten Einstellung zu wenig zu sagen. In dem Masse, als das Bewusstsein des Introvertierten sich subjektiviert und dem Ich eine ungehörige Bedeutung zuerteilt, wird dem Objekt eine Position gegenüber gestellt, die auf die Dauer ganz unhaltbar ist. Das Objekt ist eine Grösse von unzweifelhafter Macht, während das Ich etwas sehr Beschränktes und Hinfälliges ist. Ein anderes wäre es, wenn das Selbst dem Objekt gegenüber träte. Selbst und Welt sind commensurable Grössen, daher eine normale introvertierte Einstellung ebenso viel Daseinsberechtigung und Gültigkeit hat, wie eine normale extravertierte Einstellung. Hat aber das Ich den Anspruch des Subjektes auf sich übernommen, so entsteht naturgemäss, zur Compensierung, eine unbewusste Verstärkung des Objekteinflusses. Diese Veränderung macht sich dadurch bemerkbar, dass trotz einer manchmal geradezu krampfhaften Anstrengung, dem Ich die Überlegenheit zu sichern, das Objekt und das objektiv Gegebene übermächtige Einflüsse entfalten, die umso unüberwindlicher sind, als sie das Individuum unbewusst erfassen und sich dadurch dem Bewusstsein unwiderstehlich aufdrängen. Infolge der mangelhaften Beziehung des Ich zum Objekt — Beherrschenwollen ist nämlich keine Anpassung — entsteht im Unbewussten eine compensatorische Beziehung zum Objekt, die sich im Bewusstsein als eine unbedingte und nicht zu unterdrückende Bindung an das Objekt geltend macht. Je mehr sich das Ich alle möglichen Freiheiten, Unabhängigkeiten, Verpflichtungslosigkeiten und Überlegenheiten zu sichern sucht, desto mehr gerät es in die Sklaverei des objektiv Gegebenen. Die Freiheit des Geistes wird an die Kette einer schmählichen, finanziellen Abhängigkeit gelegt, die Unbekümmertheit des Handelns erleidet eins ums andere Mal ein ängstliches Zusammenknicken vor der öffentlichen Meinung, die moralische Überlegenheit gerät in den Sumpf minderwertiger Beziehungen, die Herrscherlust endet mit einer kläglichen Sehnsucht nach dem Geliebtwerden. Das Unbewusste besorgt in erster Linie die Beziehung zum Objekt und zwar in einer Art und Weise, welche geeignet ist, die Machtillusion und die Überlegenheitsphantasie des Bewusstseins aufs Gründlichste zu zerstören. Das Objekt nimmt angsterregende Dimensionen an, trotz bewusster Heruntersetzung. Infolgedessen wird die Abtrennung und die Beherrschung des Objektes vom Ich noch heftiger betrieben. Schliesslich umgibt sich das Ich mit einem förmlichen System von Sicherungen (wie dies Adler zutreffend geschildert hat), welche wenigstens den Wahn der Überlegenheit zu wahren suchen. Damit aber trennt sich der Introvertierte vom Objekte gänzlich ab und reibt sich völlig auf in Verteidigungsmassnahmen einerseits und in fruchtlosen Versuchen andererseits, dem Objekt zu imponieren und sich durchzusetzen. Diese Bemühungen werden aber beständig durchkreuzt durch die überwältigenden Eindrücke, die er vom Objekt erhält. Wider seinen Willen imponiert ihm das Objekt anhaltend, es verursacht ihm die unangenehmsten und nachhaltigsten Affekte und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Er bedarf beständig einer ungeheuren, innern Arbeit, um „sich halten“ zu können. Daher ist seine typische Neurosenform die Psychasthenie, eine Krankheit, die einerseits durch eine grosse Sensitivität, andererseits durch grosse Erschöpfbarkeit und chronische Ermüdung gekennzeichnet ist.
Eine Analyse des persönlichen Unbewussten ergibt eine Menge von Machtphantasien gepaart mit Angst vor gewaltig belebten Objekten, denen der Introvertierte in der Tat auch leicht zum Opfer fällt. Es entwickelt sich nämlich aus der Objektangst eine eigentümliche Feigheit, sich oder seine Meinung geltend zu machen, denn er fürchtet einen verstärkten Objekteinfluss. Er fürchtet eindrucksvolle Affekte der andern und kann sich kaum der Angst erwehren, unter einen fremden Einfluss zu geraten. Die Objekte nämlich haben für ihn furchterregende, machtvolle Qualitäten, die er ihnen zwar bewusst nicht ansehen kann, die er aber durch sein Unbewusstes wahrzunehmen glaubt. Da seine bewusste Beziehung zum Objekt relativ verdrängt ist, so geht sie durch das Unbewusste, wo sie mit den Qualitäten des Unbewussten beladen wird. Diese Qualitäten sind in erster Linie infantil-archaïsche. Infolgedessen wird seine Objektbeziehung primitiv und nimmt alle jene Eigentümlichkeiten an, welche die primitive Objektbeziehung kennzeichnen. Es ist dann, wie wenn das Objekt magische Gewalt besässe. Fremde, neue Objekte erregen Furcht und Misstrauen, wie wenn sie unbekannte Gefahren bärgen, althergebrachte Objekte sind wie mit unsichtbaren Fäden an seine Seele gehängt, jede Veränderung erscheint störend, wenn nicht geradezu gefährlich, denn sie scheint eine magische Belebtheit des Objektes zu bedeuten. Eine einsame Insel, wo sich nur das bewegt, dem man sich zu bewegen erlaubt, wird zum Ideal. Der Roman von F. Th. Vischer: „Auch Einer“, gibt einen trefflichen Einblick in diese Seite des introvertierten Seelenzustandes, zugleich auch in die dahinterliegende Symbolik des collektiven Unbewussten, die ich in dieser Typenbeschreibung bei Seite lasse, weil sie nicht bloss dem Typus angehört, sondern allgemein ist.
III. Die Besonderheiten der psychologischen Grundfunktionen in der introvertierten Einstellung.
1. Das Denken.
Ich habe bei der Beschreibung des extravertierten Denkens bereits eine kurze Charakteristik des introvertierten Denkens gegeben, auf die ich hier nochmals verweisen möchte. Das introvertierte Denken orientiert sich in erster Linie am subjektiven Faktor. Der subjektive Faktor ist dargestellt mindestens durch ein subjektives Richtungsgefühl, welches die Urteile letzten Endes bestimmt. Bisweilen ist es auch ein mehr oder weniger fertiges Bild, welches gewissermassen als Massstab dient. Das Denken kann sich mit concreten oder abstrakten Grössen befassen, immer aber orientiert es sich an entscheidendem Orte am subjektiv Gegebenen. Es führt also nicht aus der concreten Erfahrung wieder in die objektiven Dinge zurück, sondern zum subjektiven Inhalt. Die äussern Tatsachen sind nicht Ursache und Ziel dieses Denkens, obschon der Introvertierte sehr oft seinem Denken diesen Anschein geben möchte, sondern dieses Denken beginnt im Subjekt und führt zum Subjekt zurück, auch wenn es die weitesten Ausflüge in das Gebiet realer Tatsächlichkeit unternimmt. Es ist daher in Ansehung der Aufstellung neuer Tatsachen hauptsächlich indirekt von Wert, insofern es in erster Linie neue Ansichten vermittelt und weit weniger Kenntnis neuer Tatsachen. Es erschafft Fragestellungen und Theorien, es eröffnet Ausblicke und Einblicke, aber es zeigt Tatsachen gegenüber ein reserviertes Verhalten. Sie sind ihm recht als illustrierende Beispiele, sie dürfen aber nicht überwiegen. Tatsachen werden nur gesammelt als Beweistümer, niemals aber um ihrer selbst willen. Letzteres wird überhaupt, wenn es geschieht, nur als Kompliment an den extravertierten Stil getan. Die Tatsachen sind diesem Denken von sekundärer Bedeutung, von überwiegendem Wert aber erscheint ihm die Entwicklung und Darstellung der subjektiven Idee, des anfänglichen symbolischen Bildes, das mehr oder weniger dunkel vor seinem innern Blicke steht. Es strebt daher nie nach einer gedanklichen Rekonstruktion der concreten Tatsächlichkeit, sondern nach einer Ausgestaltung des dunkeln Bildes zur lichtvollen Idee. Es will die Tatsächlichkeit erreichen, es will die äussern Tatsachen sehen, wie sie den Rahmen seiner Idee ausfüllen, und seine schöpferische Kraft bewährt sich darin, dass dieses Denken auch jene Idee erzeugen kann, die nicht in den äussern Tatsachen lag, und doch deren passendster, abstrakter Ausdruck ist, und seine Aufgabe ist vollendet, wenn die von ihm geschaffene Idee als aus den äussern Tatsachen hervorgehend erscheint und auch durch sie als gültig erwiesen werden kann.
Ebenso wenig aber, wie es dem extravertierten Denken immer gelingt, einen tüchtigen Erfahrungsbegriff den concreten Tatsachen zu entwinden, oder neue Tatsachen zu erschaffen, ebenso wenig glückt es dem introvertierten Denken, sein anfängliches Bild immer auch in eine den Tatsachen angepasste Idee zu übersetzen. Wie in ersterm Falle die rein empirische Tatsachenzusammenhäufung den Gedanken verkrüppelt und den Sinn erstickt, so zeigt das introvertierte Denken eine gefährliche Neigung, die Tatsachen in die Form seines Bildes hineinzuzwängen oder sie gar zu ignorieren, um sein Phantasiebild entrollen zu können. In diesem Fall wird die dargestellte Idee ihre Herkunft aus dem dunkeln archaïschen Bilde nicht verleugnen können. Es wird ihr ein mythologischer Zug anhaften, den man etwa als „Originalität“, und in schlimmem Fällen als Schrullenhaftigkeit deutet, indem ihr archaïscher Charakter den mit mythologischen Motiven unbekannten Fachgelehrten nicht als solcher durchsichtig ist. Die subjektive Überzeugungskraft einer solchen Idee pflegt eine grosse zu sein, wohl umso grösser, je weniger sie mit äussern Tatsachen in Berührung kommt. Obschon es dem, der die Idee vertritt, erscheinen mag, als ob sein spärliches Tatsachenmaterial Grund und Ursache der Glaubwürdigkeit und Gültigkeit seiner Idee wäre, so ist dem doch nicht so, denn die Idee bezieht ihre Überzeugungskraft aus ihrem unbewussten Archetypus, der als solcher allgemeingültig und wahr ist und ewig wahr sein wird. Aber diese Wahrheit ist dergestalt allgemein und dermassen symbolisch, dass sie immer zuerst in die momentan anerkannten und anerkennbaren Erkenntnisse eingehen muss, um eine praktische Wahrheit von einigem Lebenswert zu werden. Was wäre z. B. eine Kausalität, die nirgends in praktischen Ursachen und praktischen Wirkungen erkennbar wäre?
Dieses Denken verliert sich leicht in die immense Wahrheit des subjektiven Faktors. Es schafft Theorien um der Theorie willen, anscheinend in Hinblick auf wirkliche oder wenigstens mögliche Tatsachen, aber mit deutlicher Neigung vom Ideellen zum bloss Bildhaften überzugehen. Dadurch kommen zwar Anschauungen von vielen Möglichkeiten zustande, von denen aber keine zur Wirklichkeit wird, und schliesslich werden Bilder geschaffen, die überhaupt nichts äusserlich Wirkliches mehr ausdrücken, sondern „bloss“ noch Symbole des schlechthin Unerkennbaren sind. Damit wird dieses Denken mystisch und genau so unfruchtbar wie ein Denken, das sich bloss im Rahmen objektiver Tatsachen abspielt. Wie letzteres auf das Niveau des Tatsachenvorstellens hinuntersinkt, so verflüchtigt sich ersteres zum Vorstellen des Unvorstellbaren, das sogar jenseits aller Bildhaftigkeit ist. Das Tatsachenvorstellen ist von unbestreitbarer Wahrheit, denn der subjektive Faktor ist ausgeschlossen, und die Tatsachen beweisen sich aus sich selber. So ist auch das Vorstellen des Unvorstellbaren von subjektiv unmittelbarer, überzeugender Kraft und beweist sich aus seinem eigenen Vorhandensein. Ersteres sagt: Est, ergo est; dagegen letzteres: Cogito, ergo cogito. Das auf die Spitze getriebene introvertierte Denken gelangt zur Evidenz seines eigenen subjektiven Seins, das extravertierte Denken dagegen zur Evidenz seiner völligen Identität mit der objektiven Tatsache. Wie nun dieses durch sein völliges Aufgehen im Objekt sich selber leugnet, so entledigt sich jenes allen und jeglichen Inhaltes und begnügt sich mit seinem blossen Vorhandensein. Damit wird in beiden Fällen das Weiterschreiten des Lebens aus der Denkfunktion herausgedrängt in das Gebiet anderer psychischen Funktionen, welche bis anhin in relativer Unbewusstheit existierten. Die ausserordentliche Verarmung des introvertierten Denkens an objektiven Tatsachen wird compensiert durch eine Fülle unbewusster Tatsachen. Je mehr sich das Bewusstsein mit der Denkfunktion auf einen kleinsten und möglichst leeren Kreis einschränkt, der aber die ganze Fülle der Gottheit zu enthalten scheint, desto mehr bereichert sich die unbewusste Phantasie mit einer Vielheit von archaïsch geformten Tatsachen, einem Pandaemonium magischer und irrationaler Grössen, welche je nach der Art der Funktion, welche die Denkfunktion als Lebensträgerin zunächst ablöst, ein besonderes Gesicht erhalten. Ist es die intuitive Funktion, so wird die „andere Seite“ mit den Augen eines Kubin oder eines Meyrink gesehen. Ist es die Fühlfunktion, so entstehen bisher unerhörte, phantastische Gefühlsbeziehungen und Gefühlsurteile widerspruchsvollen und unverständlichen Charakters. Ist es die Empfindungsfunktion, so entdecken die Sinne Neues, Niezuvorerfahrenes in und ausserhalb des eigenen Körpers. Eine nähere Untersuchung dieser Veränderungen kann unschwer das Hervortreten primitiver Psychologie mit allen ihren Kennzeichen nachweisen. Natürlich ist das Erfahrene nicht bloss primitiv, sondern auch symbolisch und je älter und ursprünglicher es aussieht, desto zukunftswahrer ist es. Denn alles Alte unseres Unbewussten meint Kommendes. Unter gewöhnlichen Umständen glückt nicht einmal der Übergang nach der „andern Seite“, geschweige denn der erlösende Durchgang durch das Unbewusste. Der Übergang wird meistens verhindert durch den bewussten Widerstand gegen die Unterwerfung des Ich unter die unbewusste Tatsächlichkeit, unter die bedingende Realität des unbewussten Objektes. Der Zustand ist eine Dissociation, mit andern Worten eine Neurose mit dem Charakter der innern Aufreibung und der zunehmenden Gehirnerschöpfung, der Psychasthenie.