2. Der introvertierte Denktypus.

Wie ein Darwin etwa den normalen extravertierten Denktypus darstellen könnte, so könnte man beispielsweise Kant als den gegenüberstehenden normalen introvertierten Denktypus bezeichnen. Wie ersterer in Tatsachen spricht, so beruft sich letzterer auf den subjektiven Faktor. Darwin drängt nach dem weiten Felde objektiver Tatsächlichkeit, Kant dagegen reserviert sich eine Kritik des Erkennens überhaupt. Nehmen wir einen Cuvier und stellen ihn einem Nietzsche gegenüber, so spannen wir die Gegensätze noch schärfer.

Der introvertierte Denktypus ist charakterisiert durch das Primat des oben beschriebenen Denkens. Er ist, wie sein extravertierter Parallelfall, ausschlaggebend beeinflusst durch Ideen, die aber nicht dem objektiv Gegebenen, sondern der subjektiven Grundlage entspringen. Er wird, wie der Extravertierte, seinen Ideen folgen, aber in umgekehrter Richtung, nicht nach aussen, sondern nach innen. Er strebt nach Vertiefung und nicht nach Verbreiterung. Durch diese Grundlage unterscheidet er sich von seinem extravertierten Parallelfall in ganz erheblichem Masse und in unverkennbarer Weise. Was den andern auszeichnet, nämlich seine intensive Bezogenheit auf das Objekt, fehlt ihm gelegentlich fast völlig, wie übrigens jedem introvertierten Typus. Ist das Objekt ein Mensch, so fühlt dieser Mensch deutlich, dass er eigentlich nur negativ in Frage kommt, d. h. in mildern Fällen wird er sich seiner Überflüssigkeit bewusst, in schlimmern fühlt er sich als störend direkt abgelehnt. Diese negative Beziehung zum Objekt, Indifferenz bis Ablehnung, charakterisiert jeden Introvertierten und macht auch die Beschreibung des introvertierten Typus überhaupt äusserst schwierig. Es tendiert in ihm alles zum Verschwinden und zur Verborgenheit. Sein Urteil erscheint als kalt, unbeugsam, willkürlich und rücksichtslos, weil es weniger auf das Objekt als auf das Subjekt bezogen ist. Es ist nichts daran zu fühlen, was dem Objekt etwa höhern Wert verliehe, sondern es geht immer etwas über das Objekt hinweg und lässt eine Überlegenheit des Subjektes durchfühlen. Höflichkeit, Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit mögen vorhanden sein, aber öfters mit dem sonderbaren Beigeschmack einer gewissen Ängstlichkeit, welche eine Absicht dahinter verrät, nämlich die Absicht der Entwaffnung des Gegners. Er soll beruhigt oder stillgelegt werden, denn er könnte störend werden. Er ist zwar kein Gegner, aber, wenn er empfindsam ist, so wird er eine gewisse Zurückdrängung, vielleicht sogar Entwertung fühlen. Das Objekt unterliegt immer einer gewissen Vernachlässigung oder wird, in schlimmern Fällen, mit unnötigen Vorsichtsmassregeln umgeben. So verschwindet dieser Typus gerne hinter einer Wolke von Missverständnis, die umso dichter wird, je mehr er compensatorisch versucht, mit Hilfe seiner minderwertigen Funktionen die Maske einer gewissen Urbanität anzunehmen, welche aber mit seinem wirklichen Wesen oft in grellstem Kontrast steht. Wenn er schon beim Ausbau seiner Ideenwelt vor keinem noch so kühnen Wagnis zurückschreckt und keinen Gedanken darum nicht denkt, weil er gefährlich, umstürzlerisch, ketzerisch und gefühlsverletzend sein könnte, so wird er doch von der grössten Ängstlichkeit befallen, wenn das Wagnis äussere Wirklichkeit werden sollte. Das geht ihm gegen den Strich. Wenn er auch seine Gedanken in die Welt setzt, so führt er sie nicht ein wie eine besorgte Mutter ihre Kinder, sondern er setzt sie aus und ärgert sich höchstens, wenn sie ihr Fortkommen nicht von selber finden. Sein meist enormer Mangel an praktischer Fähigkeit oder seine Abneigung gegen Reklame in jeder Hinsicht kommen ihm dabei helfend entgegen. Wenn ihm sein Produkt subjektiv richtig und wahr erscheint, so muss es auch richtig sein, und andere haben sich dieser Wahrheit einfach zu beugen. Er wird wohl kaum hingehen, um jemand, hauptsächlich jemand von Einfluss, dafür zu gewinnen. Und wenn er es tut, so tut er es meistens dermassen ungeschickt, dass er das Gegenteil seines Vorhabens erreicht. Mit Konkurrenten im eigenen Fach macht er meistens schlechte Erfahrungen, indem er niemals ihre Gunst zu erringen versteht; er gibt ihnen in der Regel sogar zu verstehen, wie überflüssig sie ihm sind. In der Verfolgung seiner Ideen ist er meist hartnäckig, eigensinnig und unbeeinflussbar. Seltsam kontrastiert damit seine Suggestibilität persönlichen Einflüssen gegenüber. Ist die anscheinende Ungefährlichkeit eines Objektes erkannt, so ist dieser Typus gerade minderwertigen Elementen äusserst zugänglich. Sie fassen ihn vom Unbewussten her. Er lässt sich brutalisieren und aufs schmählichste ausbeuten, wenn er nur in der Verfolgung seiner Ideen nicht gestört wird. Er sieht es nicht, wenn er hinterrücks ausgeplündert und praktisch geschädigt wird, denn seine Beziehung zum Objekt ist ihm sekundär, und die objektive Bewertung seines Produktes ist ihm unbewusst. Weil er seine Probleme nach Möglichkeit ausdenkt, kompliziert er sie und ist daher stets in allen möglichen Bedenklichkeiten befangen. So klar ihm die innere Struktur seiner Gedanken ist, so unklar ist ihm, wo und wie sie in die wirkliche Welt hineingehören. Er kann sich nur schwer darein finden, anzunehmen, dass etwas, was ihm klar ist, nicht auch jedermann klar erscheint. Sein Stil ist meistens erschwert durch allerhand Zutaten, Einschränkungen, Vorsichten, Zweifel, die von seiner Bedenklichkeit herstammen. Die Arbeit geht ihm schwer von der Hand. Entweder ist er schweigsam, oder er verfällt auf Leute, die ihn nicht verstehen; damit sammelt er sich Beweisstücke für die unergründliche Dummheit der Menschen. Wird er zufällig einmal verstanden, so verfällt er leichtgläubiger Überschätzung. Gerne wird er das Opfer ehrgeiziger Frauen, die seine Kritiklosigkeit dem Objekt gegenüber auszunützen verstehen, oder er entwickelt sich zum misanthropischen Junggesellen mit einem kindlichen Herzen. Öfters ist auch sein äusseres Auftreten ungeschickt, etwa peinlich sorgfältig, um Aufsehen zu vermeiden oder auch bemerkenswert unbekümmert, von kindlicher Naivetät. In seinem speziellen Arbeitsgebiet erregt er heftigsten Widerspruch, mit dem er nichts anzufangen weiss, wenn er sich durch seinen primitiven Affekt nicht etwa in eine ebenso bissige wie fruchtlose Polemik hineinreissen lässt. Er gilt als rücksichtslos und autoritär im weitern Umkreis. Je näher man ihn kennt, desto günstiger wird das Urteil über ihn, und die Nächsten wissen seine Intimität aufs Höchste zu schätzen. Für den Fernerstehenden scheint er borstig, unnahbar und hochmütig, öfters auch verbittert infolge seiner der Gesellschaft ungünstigen Vorurteile. Er hat als persönlicher Lehrer geringen Einfluss, da ihm die Mentalität seiner Schüler unbekannt ist. Auch interessiert ihn das Lehren im Grunde genommen gar nicht, wenn es ihm nicht gerade zufälligerweise ein theoretisches Problem ist. Er ist ein schlechter Lehrer, da er während des Lehrens über den Lehrstoff denkt und sich nicht mit dem Vorstellen desselben begnügt.

Mit der Verstärkung seines Typus werden seine Überzeugungen starrer und unbeugsamer. Fremde Einflüsse werden ausgeschaltet, auch persönlich wird er für die Fernerstehenden unsympathischer, und dafür von den Nächsten abhängiger. Seine Sprache wird persönlicher und rücksichtsloser und seine Ideen werden tief, vermögen sich aber im noch vorhandenen Stoff nicht mehr genügend auszudrücken. Der Mangel wird durch Emotivität und Empfindlichkeit ersetzt. Die fremde Beeinflussung, die er aussen schroff ablehnt, befällt ihn von innen, von Seiten des Unbewussten, und er muss Beweise dagegen häufen, und zwar gegen Dinge, die Aussenstehenden als gänzlich überflüssig erscheinen. Da durch den Mangel an Beziehung zum Objekt sein Bewusstsein sich subjektiviert, so erscheint ihm das als das Wichtigste, was im Geheimen seine Person am meisten angeht. Und er beginnt, seine subjektive Wahrheit mit seiner Person zu verwechseln. Er wird zwar niemand persönlich für seine Überzeugungen zu pressen versuchen, er wird aber giftig und persönlich gegen jede auch noch so gerechte Kritik losfahren. Damit isoliert er sich allmählich in jeder Hinsicht. Seine anfänglich befruchtenden Ideen werden destruktiv, weil sie durch den Niederschlag der Verbitterung vergiftet werden. Mit der Isolierung nach aussen wächst der Kampf mit der unbewussten Beeinflussung, welche ihn allmählich zu lähmen beginnt. Ein verstärkter Hang zur Einsamkeit soll ihn vor den unbewussten Beeinflussungen schützen, sie führt ihn in der Regel aber tiefer in den Konflikt, der ihn innerlich aufreibt.

Das Denken des introvertierten Typus ist positiv und synthetisch in Hinsicht der Entwicklung von Ideen, die sich in steigendem Masse der ewigen Gültigkeit der Urbilder annähern. Lockert sich aber ihr Zusammenhang mit der objektiven Erfahrung, so werden sie mythologisch und für die momentane Zeitlage unwahr. Daher ist dieses Denken nur so lange auch für den Zeitgenossen wertvoll, als es in ersichtlichem und verstehbarem Zusammenhang mit den derzeit bekannten Tatsachen steht. Wird das Denken aber mythologisch, so wird es irrelevant und verläuft in sich selbst. Die diesem Denken gegenüberstehenden relativ unbewussten Funktionen des Fühlens, Intuierens und Empfindens sind minderwertig und haben einen primitiv extravertierten Charakter, welchem alle die lästigen Objekteinflüsse, denen der introvertierte Denktypus unterworfen ist, zuzuschreiben sind. Die Selbstschutzmassnahmen und die Hindernisfelder, die solche Leute um sich herum anzulegen pflegen, sind genügsam bekannt, sodass ich mir ihre Schilderung ersparen kann. Dies alles dient zur Abwehr „magischer“ Einwirkungen, dazu gehört auch die Angst vor dem weiblichen Geschlecht.

3. Das Fühlen.

Das introvertierte Fühlen ist in der Hauptsache determiniert durch den subjektiven Faktor. Dies bedeutet für das Gefühlsurteil einen ebenso wesentlichen Unterschied vom extravertierten Fühlen, wie die Introversion des Denkens von der Extraversion. Es gehört zweifellos zu den schwierigern Dingen, den introvertierten Gefühlsprozess intellektuell darzustellen oder auch nur annähernd zu beschreiben, obschon das eigentümliche Wesen dieses Fühlens unbedingt auffällt, wenn man seiner überhaupt gewahr wird. Da sich dieses Fühlen hauptsächlich subjektiven Vorbedingungen unterwirft und sich nur sekundär mit dem Objekt beschäftigt, so tritt es viel weniger und in der Regel missverständlich in die Erscheinung. Es ist ein Fühlen, das anscheinend die Objekte entwertet und sich darum meistens negativ bemerkbar macht. Die Existenz eines positiven Gefühles ist sozusagen nur indirekt zu erschliessen. Es sucht sich nicht dem Objektiven einzupassen, sondern ihm überzuordnen, indem es unbewusst versucht, die ihm zu Grunde liegenden Bilder zu verwirklichen. Es sucht daher stets nach einem in der Wirklichkeit nicht anzutreffenden Bild, das es gewissermassen zuvor gesehen hat. Es gleitet anscheinend über die Objekte, die seinem Ziele niemals passen, achtlos hinweg. Es strebt nach einer innern Intensität, zu der die Objekte höchstens einen Anreiz beitragen. Die Tiefe dieses Gefühles lässt sich nur ahnen, aber nicht klar erfassen. Es macht die Menschen still und schwer zugänglich, da es sich vor der Brutalität des Objektes mimosenhaft zurückzieht, um den tiefen Hintergrund des Subjektes zu erfühlen. Zum Schutze schiebt es negative Gefühlsurteile vor oder eine auffallende Indifferenz.

Die urtümlichen Bilder sind bekanntlich ebenso sehr Idee wie Gefühl. Daher sind auch grundlegende Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit ebenso sehr Gefühlswerte, wie sie als Ideen bedeutend sind. Es liesse sich demnach alles, was vom introvertierten Denken gesagt wurde, auch auf das introvertierte Fühlen übertragen, nur wird hier alles erfühlt, was dort erdacht wird. Die Tatsache aber, dass Gedanken in der Regel verständlicher ausgedrückt werden können, als Gefühle, bedingt, dass es bei diesem Fühlen schon einer nicht gewöhnlichen sprachlichen oder künstlerischen Ausdrucksfähigkeit bedarf, um seinen Reichtum auch nur annähernd äusserlich darzustellen oder mitzuteilen. Wie das subjektive Denken wegen seiner Unbezogenheit nur schwierig ein adäquates Verständnis zu erwecken vermag, so gilt dies vielleicht in noch höherm Masse für das subjektive Fühlen. Um sich andern mitzuteilen, muss es eine äussere Form finden, welche geeignet ist, einerseits das subjektive Fühlen entsprechend aufzunehmen und andererseits dem Mitmenschen es so zu übermitteln, dass in ihm ein Parallelvorgang entsteht. Wegen der relativ grossen innern (wie äussern) Gleichheit der Menschen kann diese Wirkung auch erreicht werden, obschon es ausserordentlich schwierig ist, eine dem Gefühl zusagende Form zu finden, solange nämlich das Fühlen sich wirklich noch hauptsächlich am Schatze der urtümlichen Bilder orientiert. Wird es aber durch Egozentrizität verfälscht, so wird es unsympathisch, weil es sich dann überwiegend nur noch mit dem Ich beschäftigt. Es erweckt dann unfehlbar den Eindruck sentimentaler Eigenliebe, des Sichinteressantmachens und selbst einer krankhaften Selbstbespiegelung. Wie das subjektivierte Bewusstsein des introvertierten Denkers nach einer Abstraktion der Abstraktionen strebt und damit nur eine höchste Intensität eines an sich leeren Denkprozesses erreicht, so vertieft sich auch das egozentrische Fühlen zu einer inhaltlosen Leidenschaftlichkeit, die bloss sich selber fühlt. Diese Stufe ist mystisch-ekstatisch und bereitet den Übergang in die vom Fühlen verdrängten, extravertierten Funktionen vor. Wie dem introvertierten Denken ein primitives Fühlen, dem sich Objekte mit magischer Gewalt anhängen, gegenübersteht, so tritt dem introvertierten Fühlen ein primitives Denken gegenüber, das an Concretismus und Tatsachensklaverei seinesgleichen sucht. Das Fühlen emanzipiert sich fortschreitend von der Beziehung aufs Objekt und schafft sich eine nur subjektiv gebundene Handlungs- und Gewissensfreiheit, die sich gegebenenfalls von allem Hergebrachtem lossagt. Umso mehr aber verfällt das unbewusste Denken der Macht des Objektiven.

4. Der introvertierte Fühltypus.

Das Primat des introvertierten Fühlens habe ich hauptsächlich bei Frauen angetroffen. Das Sprichwort „Stille Wasser gründen tief“, gilt von diesen Frauen. Sie sind meist still, schwer zugänglich, unverständlich, öfters hinter einer kindlichen oder banalen Maske verborgen, öfters auch von melancholischem Temperament. Sie scheinen nicht und treten nicht auf. Da sie sich überwiegend von ihrem subjektiv orientierten Gefühl leiten lassen, so bleiben ihre wahren Motive meistens verborgen. Nach aussen zeigen sie eine harmonische Unauffälligkeit, eine angenehme Ruhe, einen sympathischen Parallelismus, der den andern nicht veranlassen, beeindrucken oder gar bearbeiten und verändern will. Ist diese Aussenseite etwas ausgeprägter, so drängt sich ein leiser Verdacht von Indifferenz und Kühle auf, der sich bis zu dem der Gleichgültigkeit für das Wohl und Wehe der andern verstärken kann. Man fühlt dann deutlich die vom Objekt sich abwendende Gefühlsbewegung. Beim normalen Typus tritt dieser Fall allerdings nur dann ein, wenn das Objekt in irgend einer Weise zu stark einwirkt. Die harmonische Gefühlsbegleitung findet darum nur solange statt, als das Objekt in mittlerer Gefühlslage sich auf seinem eigenen Wege bewegt und den Weg des andern nicht zu durchkreuzen sucht. Eigentliche Emotionen des Objektes werden nicht begleitet, sondern gedämpft und abgewehrt oder besser gesagt „abgekühlt“ mit einem negativen Gefühlsurteil. Obschon stets eine Bereitschaft zu einem ruhigen und harmonischen Nebeneinandergehen vorhanden ist, so zeigt sich dem fremden Objekt gegenüber keine Liebenswürdigkeit, kein warmes Entgegenkommen, sondern eine indifferent erscheinende, kühle bis abweisende Art. Man bekommt gelegentlich die Überflüssigkeit der eigenen Existenz zu fühlen. Gegen etwas Mitreissendes, Enthusiastisches beobachtet dieser Typus zunächst eine wohlwollende Neutralität, bisweilen mit einem leisen Zug von Überlegenheit und Kritik, der einem empfindsamen Objekt leicht den Wind aus den Segeln nimmt. Eine anstürmende Emotion aber kann mit mörderischer Kälte schroff abgeschlagen werden, wenn sie nicht zufälligerweise das Individuum vom Unbewussten her erfasst, d. h. mit andern Worten irgend ein urtümliches Gefühlsbild belebt und damit das Fühlen dieses Typus gefangen nimmt. Wenn dieser Fall eintritt, so empfindet eine solche Frau einfach eine momentane Lähmung, gegen die sich später unfehlbar ein umso heftigerer Widerstand erhebt, welcher das Objekt an der verwundbarsten Stelle erreichen wird. Die Beziehung zum Objekt wird möglichst in einer ruhigen und sichern Mittellage des Gefühls gehalten unter hartnäckiger Verpönung der Leidenschaft und ihrer Ungemessenheit. Der Gefühlsausdruck bleibt daher spärlich und das Objekt fühlt dauernd seine Minderbewertung, wenn es deren bewusst wird. Dies ist allerdings nicht immer der Fall, indem der Fehlbetrag sehr oft unbewusst bleibt, dafür aber mit der Zeit infolge unbewussten Gefühlsanspruches Symptome entwickelt, welche eine vermehrte Aufmerksamkeit erzwingen sollen. Da dieser Typus meist kühl und reserviert erscheint, so spricht ihm ein oberflächliches Urteil leicht jedes Gefühl ab. Das ist aber grundfalsch, indem die Gefühle zwar nicht extensiv, sondern intensiv sind. Sie entwickeln sich in die Tiefe. Während z. B. ein extensives Mitleidsgefühl sich an passender Stelle mit Worten und Taten äussert und sich bald von diesem Eindruck wieder befreien kann, verschliesst sich ein intensives Mitleid vor jedem Ausdruck und gewinnt eine leidenschaftliche Tiefe, welche das Elend einer Welt in sich begreift und daran erstarrt. Es mag vielleicht im Übermass herausbrechen und zu einer verblüffenden Tat sozusagen heroischen Charakters führen, zu der aber weder das Objekt noch das Subjekt ein richtiges Verhältnis finden können. Nach aussen und dem blinden Auge des Extravertierten erscheint dieses Mitleid als Kälte, denn es tut nichts Sichtbares, und an unsichtbare Kräfte vermag ein extravertiertes Bewusstsein nicht zu glauben. Dieses Missverständnis ist ein charakteristisches Vorkommnis im Leben dieses Typus und wird in der Regel registriert als ein wichtigstes Argument gegen jede tiefere Gefühlsbeziehung zum Objekte. Was aber der wirkliche Gegenstand dieses Fühlens ist, ist dem Normaltypus selbst nur ahnungsweise gegeben. Er drückt sein Ziel und seinen Inhalt vielleicht in einer verborgenen und vor profanen Augen ängstlich gehüteten Religiosität, oder in ebenso vor Überraschung gesicherten poetischen Formen vor sich selber aus, nicht ohne den geheimen Ehrgeiz, damit eine Überlegenheit über das Objekt zustande zu bringen. Frauen, die Kinder haben, legen vieles davon in diese, indem sie ihnen heimlich ihre Leidenschaftlichkeit einflössen.