Seine Entwicklung entfernt ihn hauptsächlich von der Wirklichkeit des Objektes und liefert ihn an seine subjektiven Wahrnehmungen aus, die sein Bewusstsein im Sinne einer archaïschen Wirklichkeit orientieren, obschon ihm dieses Faktum aus Mangel an vergleichendem Urteil gänzlich unbewusst bleibt. Tatsächlich bewegt er sich aber in einer mythologischen Welt, in der ihm Menschen, Tiere, Eisenbahnen, Häuser, Flüsse und Berge zum Teil als huldvolle Götter und zum Teil als übelwollende Dämonen erscheinen. Dass sie ihm so erscheinen, ist ihm unbewusst. Aber sie wirken als solche auf sein Urteilen und Handeln. Er urteilt und handelt so, als ob er es mit solchen Mächten zu tun hätte. Dies fängt erst dann an, ihm aufzufallen, wenn er seine Empfindungen als von der Wirklichkeit total verschieden entdeckt. Ist er mehr zur objektiven Vernunft geneigt, so wird er diesen Unterschied als krankhaft empfinden, ist er dagegen, getreu seiner Irrationalität, bereit, seiner Empfindung Realitätswert zuzusprechen, so wird ihm die objektive Welt zum Schein und zur Komödie. Es sind aber nur zum Extrem geneigte Fälle, welche dieses Dilemma erreichen. In der Regel begnügt sich das Individuum mit seiner Eingeschlossenheit und mit der Banalität der Wirklichkeit, die es aber unbewusst archaïsch behandelt.

Sein Unbewusstes ist hauptsächlich gekennzeichnet durch die Verdrängung der Intuition, welch letztere einen extravertierten und archaïschen Charakter hat. Während die extravertierte Intuition jene charakteristische Findigkeit, die „gute Nase“ für alle Möglichkeiten der objektiven Wirklichkeit hat, hat die archaïsche extravertierte Intuition ein Witterungsvermögen für alle zweideutigen, düstern, schmutzigen und gefährlichen Hintergründe der Wirklichkeit. Dieser Intuition gegenüber will die wirkliche und bewusste Absicht des Objektes nichts bedeuten, sondern sie wittert dahinter alle Möglichkeiten der archaïschen Vorstufen einer solchen Absicht. Sie hat daher etwas geradezu gefährlich Untergrabendes, das oft in grellstem Kontrast steht mit der wohlwollenden Harmlosigkeit des Bewusstseins. Solange das Individuum sich nicht zu weit vom Objekt entfernt, wirkt die unbewusste Intuition als heilsame Compensation für die etwas phantastische und zur Leichtgläubigkeit neigende Einstellung des Bewusstseins. Tritt das Unbewusste aber in Opposition zum Bewusstsein, dann erreichen solche Intuitionen die Oberfläche und entfalten ihre verderblichen Wirkungen, indem sie sich zwangsweise dem Individuum aufnötigen und Zwangsvorstellungen widerwärtigster Art über Objekte auslösen. Die daraus entstehende Neurose ist in der Regel eine Zwangsneurose, in der die hysterischen Züge hinter Erschöpfungssymptomen zurücktreten.

8. Die Intuition.

Die Intuition in der introvertierten Einstellung richtet sich auf die innern Objekte, wie man mit Recht die Elemente des Unbewussten bezeichnen könnte. Die innern Objekte verhalten sich nämlich zum Bewusstsein ganz analog wie äussere Objekte, obschon sie nicht von einer physischen, sondern von einer psychologischen Realität sind. Die innern Objekte erscheinen der intuitiven Wahrnehmung als subjektive Bilder von Dingen, die in der äussern Erfahrung nicht anzutreffen sind, sondern die Inhalte des Unbewussten, in letzter Linie des collektiven Unbewussten, ausmachen. Diese Inhalte sind in ihrem An- und Fürsichsein natürlich keiner Erfahrung zugänglich, eine Eigenschaft, die sie mit dem äussern Objekt gemeinsam haben. Wie die äussern Objekte nur ganz relativ so sind, wie wir sie perzipieren, so sind auch die Erscheinungsformen der innern Objekte relativ, Produkte ihrer uns unzugänglichen Essenz und der Eigenart der intuitiven Funktion. Wie die Empfindung, so hat auch die Intuition ihren subjektiven Faktor, welcher in der extravertierten Intuition möglichst unterdrückt, in der introvertierten aber zur massgebenden Grösse wird. Wenn schon die introvertierte Intuition ihren Anstoss von äussern Objekten empfangen mag, so hält sie sich doch nicht bei den äussern Möglichkeiten auf, sondern verweilt bei dem, was durch das Äussere innerlich ausgelöst wurde. Während sich die introvertierte Empfindung in der Hauptsache auf die Wahrnehmung der eigenartigen Innervationserscheinungen durch das Unbewusste beschränkt und bei ihnen verweilt, unterdrückt die Intuition diese Seite des subjektiven Faktors und nimmt das Bild wahr, welches diese Innervation veranlasst hat. Z. B. wird jemand von einem psychogenen Schwindelanfall betroffen. Die Empfindung verweilt bei der eigenartigen Beschaffenheit dieser Innervationsstörung und nimmt alle ihre Qualitäten, ihre Intensität, ihren zeitlichen Ablauf, die Art ihres Entstehens und Vergehens mit allen Einzelheiten wahr, ohne sich im geringsten darüber zu erheben und zu ihrem Inhalt, von dem die Störung ausging, fortzuschreiten. Die Intuition dagegen empfängt aus der Empfindung nur den Anstoss zu sofortiger Tätigkeit, sie versucht dahinter zu sehen und nimmt auch bald das innere Bild wahr, welches die Ausdruckserscheinung, eben den Schwindelanfall, veranlasst hat. Sie sieht das Bild eines schwankenden Mannes, der von einem Pfeil ins Herz getroffen wurde. Dieses Bild fasziniert die intuitive Tätigkeit, sie verweilt bei ihm und sucht alle seine Einzelheiten auszukundschaften. Sie hält das Bild fest und konstatiert mit lebhaftester Anteilnahme, wie sich dieses Bild verändert und weiter entwickelt und schliesslich verschwindet. Auf diese Weise nimmt die introvertierte Intuition alle Hintergrundvorgänge des Bewusstseins etwa mit derselben Deutlichkeit wahr, wie die extravertierte Empfindung die äussern Objekte. Für die Intuition erlangen daher die unbewussten Bilder die Dignität von Dingen oder Objekten. Weil aber die Intuition die Mitwirkung der Empfindung ausschliesst, so erlangt sie entweder gar keine oder eine nur ungenügende Kenntnis der Innervationsstörungen, der Beeinflussungen des Körpers durch die unbewussten Bilder. Dadurch erscheinen die Bilder als vom Subjekt losgelöst und als für sich selber ohne Beziehung zur Person existierend. Infolgedessen würde im vorhin erwähnten Beispiel der vom Schwindelanfall betroffene introvertierte Intuitive nicht auf den Gedanken kommen, dass sich das wahrgenommene Bild auch irgendwie auf ihn selber beziehen könnte. Das erscheint natürlich einem urteilend Eingestellten als beinahe undenkbar, ist aber trotzdem eine Tatsache, die ich bei diesem Typus oftmals erfahren habe.

Die merkwürdige Indifferenz des extravertierten Intuitiven inbezug auf äussere Objekte, hat auch der introvertierte inbezug auf innere Objekte. Wie der extravertierte Intuitive immerfort neue Möglichkeiten wittert und diesen unbekümmert sowohl um das eigene wie um das Wohl und Wehe der andern nachgeht, achtlos über menschliche Rücksichten hinweg tritt und in ewiger Veränderungssucht kaum Erbautes wieder niederreisst, so bewegt sich der introvertierte von Bild zu Bild, allen Möglichkeiten des gebärenden Schosses des Unbewussten nachjagend, ohne den Zusammenhang der Erscheinung mit sich herzustellen. Wie dem, der die Welt bloss empfindet, sie nie zum moralischen Problem wird, so wird auch dem Intuitiven die Welt der Bilder nie zum moralischen Problem. Sie ist dem einen, wie dem andern ein ästhetisches Problem, eine Frage der Wahrnehmung, eine „Sensation“. Auf diese Weise entschwindet dem introvertierten Intuitiven das Bewusstsein seiner körperlichen Existenz sowohl wie ihrer Wirkung auf andere. Der extravertierte Standpunkt würde von ihm sagen: „die Wirklichkeit existiert nicht für ihn, er hängt unfruchtbaren Träumereien nach“. Die Anschauung der Bilder des Unbewussten, welche die schaffende Kraft in unerschöpflicher Fülle erzeugt, ist allerdings in bezug auf unmittelbare Nützlichkeit unfruchtbar. Insofern jedoch diese Bilder Möglichkeiten sind von Auffassungen, welche der Energie gegebenenfalls ein neues Gefälle zu verleihen vermögen, so ist auch diese Funktion, welche der äusseren Welt die allerfremdeste ist, im psychischen Gesamthaushalt unerlässlich, wie auch der entsprechende Typus dem psychischen Leben eines Volkes keineswegs fehlen darf. Israel hätte seine Propheten nicht gehabt, wenn dieser Typus nicht existierte. Die introvertierte Intuition erfasst die Bilder, welche aus den a priori, d. h. infolge Vererbung, vorhandenen Grundlagen des unbewussten Geistes stammen. Diese Archetypen, deren innerstes Wesen der Erfahrung unzugänglich ist, stellen den Niederschlag des psychischen Funktionierens der Ahnenreihe dar, d. h. die durch millionenfache Wiederholung aufgehäuften und zu Typen verdichteten Erfahrungen des organischen Daseins überhaupt. In diesen Archetypen sind daher alle Erfahrungen vertreten, welche seit Urzeit auf diesem Planeten vorgekommen sind. Sie sind im Archetypus umso deutlicher, je häufiger und je intensiver sie waren. Die Archetypus wäre, um mit Kant zu reden, etwa das Noumenon des Bildes, welches die Intuition wahrnimmt und im Wahrnehmen erzeugt. Da das Unbewusste nun keineswegs etwas ist, das bloss daliegt wie ein psychisches caput mortuum, sondern vielmehr etwas, das mitlebt und innere Verwandlungen erfährt, Verwandlungen, die in innerer Beziehung zum allgemeinen Geschehen überhaupt stehen, so gibt die introvertierte Intuition durch die Wahrnehmung der innern Vorgänge gewisse Daten, die von hervorragender Wichtigkeit für die Auffassung des allgemeinen Geschehens sein können; sie kann sogar die neuen Möglichkeiten sowohl wie das später tatsächlich Eintreffende in mehr oder weniger klarer Weise voraussehen. Ihre prophetische Voraussicht ist erklärbar aus ihrer Beziehung zu den Archetypen, welche den gesetzmässigen Ablauf aller erfahrbaren Dinge darstellen.

9. Der introvertierte intuitive Typus.

Die Eigenart der introvertierten Intuition schafft auch, wenn sie das Primat erlangt, einen eigenartigen Typus Mensch, nämlich den mystischen Träumer und Seher einerseits, den Phantasten und Künstler andererseits. Der letztere Fall dürfte der Normalfall sein, denn im allgemeinen besteht bei diesem Typus die Neigung, sich auf den Wahrnehmungscharakter der Intuition zu beschränken. Der Intuitive bleibt in der Regel beim Wahrnehmen, sein höchstes Problem ist das Wahrnehmen, und — insofern er ein produktiver Künstler ist — die Gestaltung der Wahrnehmung. Der Phantast aber begnügt sich mit der Anschauung, durch die er sich gestalten, d. h. determinieren lässt. Die Vertiefung der Intuition bewirkt natürlich eine oft ausserordentliche Entfernung des Individuums von der handgreiflichen Wirklichkeit, sodass er selbst seiner nähern Umgebung zum völligen Rätsel wird. Ist er ein Künstler, so verkündet seine Kunst ausserordentliche, weltentrückte Dinge, die in allen Farben schillern, bedeutend und banal, schön und grotesk, erhaben und schrullenhaft zugleich sind. Ist er kein Künstler, so ist er häufig ein verkanntes Genie, eine verbummelte Grösse, eine Art weiser Halbnarr, eine Figur für „psychologische“ Romane.

Obschon es nicht ganz auf der Linie des introvertierten Intuitionstypus liegt, die Wahrnehmung zu einem moralischen Problem zu machen, indem dazu eine gewisse Verstärkung der urteilenden Funktionen nötig ist, so genügt doch schon eine relativ geringe Differenzierung des Urteils, um die Anschauung aus dem rein Ästhetischen ins Moralische überzuführen. Dadurch entsteht eine Spielart dieses Typus, welche von seiner ästhetischen Form wesentlich verschieden, für den introvertierten Intuitiven aber trotzdem charakteristisch ist. Das moralische Problem entsteht dann, wenn der Intuitive sich zu seiner Vision in Beziehung setzt, wenn er sich nicht mehr mit der blossen Anschauung und ihrer ästhetischen Bewertung und Gestaltung begnügt, sondern zu der Frage gelangt: Was heisst das für mich oder für die Welt? Was geht daraus hervor für mich oder für die Welt in Hinsicht einer Pflicht oder Aufgabe? Der reine Intuitive, der das Urteil verdrängt oder ein solches nur im Banne der Wahrnehmung besitzt, gelangt im Grunde genommen nie zu dieser Frage, denn seine Frage ist nur das Wie der Wahrnehmung. Er findet darum das moralische Problem unverständlich oder gar absurd und verbannt darum das Denken über das Geschaute soviel wie möglich. Anders der moralisch eingestellte Intuitive. Er beschäftigt sich mit der Bedeutung seiner Vision, er kümmert sich weniger um ihre weitern ästhetischen Möglichkeiten als vielmehr um ihre möglichen moralischen Wirkungen, die aus ihrer inhaltlichen Bedeutung für ihn hervorgehen. Sein Urteil lässt ihn, allerdings öfters nur dämmerhaft, erkennen, dass er als Mensch, als Ganzes irgendwie in seine Vision einbezogen ist, dass sie etwas ist, das nicht bloss angeschaut werden kann, sondern auch zum Leben des Subjektes werden möchte. Durch diese Erkenntnis fühlt er sich verpflichtet, seine Vision in sein eigenes Leben umzugestalten. Da er sich aber in der überwiegenden Hauptsache auf die Vision allein stützt, so gerät sein moralischer Versuch einseitig; er macht sich und sein Leben symbolisch, angepasst zwar an den innern und ewigen Sinn des Geschehens, unangepasst aber an die gegenwärtige tatsächliche Wirklichkeit. Damit beraubt er sich auch der Wirksamkeit auf diese, denn er bleibt unverständlich. Seine Sprache ist nicht die, die allgemein gesprochen wird, sondern eine zu subjektive. Seinen Argumenten fehlt die überzeugende Ratio. Er kann nur bekennen oder verkündigen. Er ist die Stimme des Predigers in der Wüste.

Der introvertierte Intuitive verdrängt die Empfindung des Objekts am allermeisten. Dadurch ist sein Unbewusstes gekennzeichnet. Im Unbewussten besteht eine compensierende extravertierte Empfindungsfunktion von archaïschem Charakter. Die unbewusste Persönlichkeit liesse sich daher am ehesten beschreiben als einen extravertierten Empfindungstypus niedriger, primitiver Gattung. Triebhaftigkeit und Masslosigkeit sind die Eigenschaften dieser Empfindung, samt einer ausserordentlichen Gebundenheit an den sinnlichen Eindruck. Diese Qualität compensiert die dünne Höhenluft der bewussten Einstellung und gibt ihr eine gewisse Schwere, sodass eine völlige „Sublimierung“ verhindert wird. Tritt aber durch eine forcierte Übertreibung der bewussten Einstellung eine völlige Unterordnung unter die innere Wahrnehmung ein, so begibt sich das Unbewusste in die Opposition, und es entstehen dann Zwangsempfindungen mit übermässiger Gebundenheit ans Objekt, welche der bewussten Einstellung widerstreben. Die Neurosenform ist eine Zwangsneurose, die als Symptome teils hypochondrische Erscheinungen, teils Überempfindlichkeit der Sinnesorgane, teils Zwangsbindungen an bestimmte Personen oder andere Objekte aufweist.