XI.
Definitionen.
Es mag dem Leser vielleicht überflüssig erscheinen, wenn ich ein besonderes Kapitel über Begriffsdefinitionen dem Texte meiner Untersuchung anfüge. Ich habe aber reichlich die Erfahrung gemacht, dass gerade in psychologischen Arbeiten man gar nicht sorgfältig genug mit Begriffen und Ausdrücken verfahren kann, indem gerade im Gebiete der Psychologie, wie sonst nirgends, die allergrössten Variationen der Begriffe vorkommen, welche häufig zu den hartnäckigsten Missverständnissen Anlass geben. Dieser Übelstand scheint nicht allein daher zu rühren, dass die Psychologie eine junge Wissenschaft ist, sondern auch daher, dass der Erfahrungsstoff, das Material der wissenschaftlichen Betrachtung, sozusagen nicht concret unter die Augen des Lesers gelegt werden kann. Der psychologische Forscher sieht sich immer wieder gezwungen, die von ihm beobachtete Wirklichkeit durch weitläufige und sozusagen indirekte Beschreibung darzustellen. Nur soweit mit Zahl und Mass zugängliche Elementartatsachen mitgeteilt werden, kann auch von einer direkten Darstellung die Rede sein. Aber wieviel von der wirklichen Psychologie des Menschen wird als durch Mass und Zahl erfassbare Tatsache erlebt und beobachtet? Es giebt solche Tatbestände, und ich glaube gerade durch meine Associationsstudien[306] nachgewiesen zu haben, dass noch recht komplizierte Tatbestände einer messenden Methode zugänglich sind. Aber wer tiefer in das Wesen der Psychologie eingedrungen ist und die höhere Anforderung an die Psychologie als Wissenschaft stellt, nämlich, dass sie nicht bloss eine durch die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methodik beschränkte kümmerliche Existenz fristen darf, der wird auch erkannt haben, dass es nie und nimmer einer experimentellen Methodik gelingen wird, dem Wesen der menschlichen Seele gerecht zu werden, ja auch nur ein annähernd getreues Bild der komplizierten seelischen Erscheinungen zu entwerfen.
Wenn wir aber das Gebiet der durch Mass und Zahl erfassbaren Tatbestände verlassen, so sind wir auf Begriffe angewiesen, welche uns Mass und Zahl ersetzen müssen. Die Bestimmtheit, die Mass und Zahl der beobachteten Tatsache verleihen, kann nur ersetzt werden durch die Bestimmtheit des Begriffes. Nun leiden aber, wie es jedem Forscher und Arbeiter auf diesem Gebiet nur zu gut bekannt ist, die derzeit geläufigen psychologischen Begriffe an so grosser Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit, dass man sich gegenseitig kaum verständigen kann. Man nehme nur einmal den Begriff „Gefühl“ und suche sich zu vergegenwärtigen, was alles unter diesem Begriff geht, um eine Vorstellung von der Variabilität und Vieldeutigkeit psychologischer Begriffe zu bekommen. Und doch ist irgend etwas Charakteristisches damit ausgedrückt, das zwar für Mass und Zahl unzugänglich und doch fassbar existierend ist. Man kann nicht einfach darauf verzichten, wie es Wundts physiologische Psychologie tut, diese Tatbestände als wesentliche Grundphänomene zu leugnen und sie durch Elementarfacta zu ersetzen oder sie in solche aufzulösen. Damit geht ein hauptsächliches Stück Psychologie geradezu verloren.
Um diesem durch die Überschätzung der naturwissenschaftlichen Methodik erzeugten Übelstand zu entgehen, ist man genötigt, zu festen Begriffen seine Zuflucht zu nehmen. Um solche Begriffe zu erlangen, bedarf es allerdings der Arbeit Vieler, gewissermassen des consensus gentium. Da dies aber nicht ohne weiteres und namentlich nicht sofort möglich ist, so muss der einzelne Forscher wenigstens sich bemühen, seinen Begriffen einige Festigkeit und Bestimmtheit zu verleihen, was wohl am besten dadurch geschieht, dass er die Bedeutung der von ihm jeweilig verwendeten Begriffe erörtert, sodass jedermann in den Stand gesetzt ist, zu sehen, was mit ihnen gemeint ist.
Diesem Bedürfnis entsprechend, möchte ich im folgenden meine hauptsächlichsten psychologischen Begriffe in alphabetischer Reihenfolge erörtern. Zugleich möchte ich den Leser bitten, im Zweifelsfalle sich dieser Erklärungen erinnern zu wollen. Es ist selbstverständlich, dass ich mit diesen Erklärungen und Definitionen mich nur darüber ausweisen will, in welchem Sinne ich mich der Begriffe bediene, womit ich aber keineswegs sagen möchte, dass dieser Gebrauch unter allen Umständen der einzig mögliche, oder unbedingt richtige wäre.
1. Abstraktion. Abstraktion ist, wie das Wort schon andeutet, ein Heraus- oder Wegziehen eines Inhaltes (einer Bedeutung, eines allgemeinen Merkmals etc.) aus einem Zusammenhang, der noch andere Elemente enthält, deren Kombination als Ganzes etwas Einmaliges oder Individuelles und darum etwas Unvergleichbares ist. Die Einmaligkeit, Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit hindern die Erkenntnis, weshalb dem Erkennenwollen die mit dem als wesentlich empfundenen Inhalt verbundenen übrigen Elemente als unzugehörig erscheinen müssen.
Die Abstraktion ist daher diejenige Geistestätigkeit, welche den als wesentlich empfundenen Inhalt oder Tatbestand aus seiner Verknüpfung mit den als unzugehörig empfundenen Elementen befreit, indem sie ihn davon unterscheidet, mit andern Worten [differenziert] (s. d.). Abstrakt im weitern Sinne ist alles, was aus seiner Verknüpfung mit in Hinsicht auf seine Bedeutung als unzugehörig Empfundenem herausgezogen ist.
Die Abstraktion ist eine Tätigkeit, welche den psychologischen Funktionen überhaupt eignet. Es gibt ein abstrahierendes Denken, ein ebensolches [Fühlen], [Empfinden] und [Intuieren] (s. diese Begriffe). Das abstrahierende Denken hebt einen durch denkgemässe, logische Eigenschaften gekennzeichneten Inhalt aus dem Nichtzugehörigen heraus. Das abstrahierende Fühlen tut dasselbe mit einem gefühlsmässig charakterisierten Inhalt, ebenso Empfindung und Intuition. Es gibt daher ebensowohl abstrakte Gedanken, wie abstrakte Gefühle, welch letztere von Sully als intellektuelle, ästhetische und moralische bezeichnet werden.[307] Nahlowsky fügt das religiöse Gefühl noch dazu. Die abstrakten Gefühle würden den „höhern“ oder „ideellen“ Gefühlen Nahlowskys[308] in meiner Auffassung entsprechen. Die abstrakten Gefühle setze ich auf gleiche Linie mit den abstrakten Gedanken. Die abstrakte Empfindung wäre als ästhetische Empfindung zu bezeichnen, im Gegensatz zur sinnlichen Empfindung (s. [Empf.]). Die abstrakte Intuition als symbolische Intuition im Gegensatz zur phantastischen Intuition (s. [Phantasie] und [Intuition]).
In dieser Arbeit verknüpfe ich mit dem Begriff der Abstraktion auch zugleich die Anschauung eines damit verbundenen psychoenergetischen Vorganges: Wenn ich mich zum Objekt abstrahierend einstelle, so lasse ich das Objekt nicht als Ganzes auf mich wirken, sondern ich hebe einen Teil desselben aus seinen Verknüpfungen heraus, indem ich die nichtzugehörigen Teile ausschliesse. Meine Absicht ist, mich des Objektes als eines einmaligen und einzigartigen Ganzen zu entledigen und nur einen Teil desselben herauszuziehen. Die Anschauung des Ganzen ist mir zwar gegeben, aber ich vertiefe mich in diese Anschauung nicht, mein Interesse fliesst nicht in das Ganze ein, sondern zieht sich vom Objekt als Ganzem mit dem herausgehobenen Teil auf mich zurück, d. h. in meine Begriffswelt, welche zum Behufe der Abstraktion eines Teiles des Objektes bereit gestellt oder konstelliert ist. (Anders als vermöge einer subjektiven Begriffskonstellation kann ich vom Objekt nicht abstrahieren.) Das „Interesse“ fasse ich als Energie = [Libido] (s. d.), welche ich dem Objekt als Wert erteile, oder welche das Objekt auch eventuell gegen meinen Willen oder mir unbewusst auf sich zieht. Ich veranschauliche mir daher den Abstraktionsvorgang als eine Zurückziehung der Libido vom Objekt, als ein Rückströmen des Wertes vom Objekt zum subjektiven abstrakten Inhalt. Die Abstraktion bedeutet mir also eine energetische Objektentwertung. Die Abstraktion ist, m. a. W. ausgedrückt, eine introvertierende Libidobewegung.