Abstrahierend nenne ich eine [Einstellung] (s. d.), wenn sie einerseits introvertierend ist und andererseits zugleich einen als wesentlich empfundenen Teil des Objektes den im Subjekt bereit gestellten abstrakten Inhalten assimiliert. Je abstrakter ein Inhalt ist, desto unvorstellbarer ist er. Ich schliesse mich Kants Auffassung an, nach welcher ein Begriff umso abstrakter ist, „je mehr Unterschiede der Dinge aus ihm weggelassen sind“[309], in dem Sinne, dass die Abstraktion in ihrem höchsten Grade sich vom Objekt absolut entfernt und damit zur äussersten Unvorstellbarkeit gelangt, welches Abstraktum ich als Idee bezeichne (s. [Idee]). Umgekehrt ist ein Abstraktum, das noch Vorstellbarkeit oder Anschaulichkeit besitzt, ein concreter Begriff (s. [Concretismus]).

2. Affektivität. Affektivität ist ein Begriff, den Bleuler geprägt hat. Affektivität bezeichnet und fasst zusammen „nicht nur die Affekte im eigentlichen Sinne, sondern auch die leichten Gefühle oder Gefühlstöne der Lust und Unlust“.[310] Bleuler unterscheidet von der Affektivität einerseits die Sinnesempfindungen und die sonstigen Körperempfindungen, andererseits die „Gefühle“, insofern sie innere Wahrnehmungsvorgänge (z. B. Gefühl der Gewissheit, der Wahrscheinlichkeit) und insofern sie unklare Gedanken oder Erkenntnisse sind.[311]

3. Affekt. Unter Affekt ist ein Gefühlszustand zu verstehen, der einerseits durch merkbare Körperinnervation, andererseits durch eine eigentümliche Störung des Vorstellungsablaufes gekennzeichnet ist.[312] Mit Affekt als synonym gebrauche ich Emotion. Ich unterscheide — im Gegensatz zu Bleuler (s. [Affektivität]) — das Gefühl vom Affekt, obschon sein Übergang zum Affekt fliessend ist, indem jedes Gefühl, wenn es eine gewisse Stärke erlangt, Körperinnervationen auslöst und damit zum Affekt wird. Aus praktischen Gründen aber wird man gut daran tun, Affekt von Gefühl zu unterscheiden, indem das Gefühl eine willkürlich disponible Funktion sein kann, während der Affekt dies in der Regel nicht zu sein pflegt. Ebenso zeichnet sich der Affekt vor dem Gefühl deutlich durch die merkbare Körperinnervation aus, während dem Gefühl diese Innervationen grösstenteils fehlen oder von solch geringer Intensität sind, dass sie bloss mit sehr feinen Instrumenten nachzuweisen sind, z. B. durch das psychogalvanische Phänomen.[313] Der Affekt kumuliert sich durch die Empfindung der von ihm ausgelösten Körperinnervationen. Diese Wahrnehmung gab Anlass zur James-Langeschen Affekttheorie, welche den Affekt überhaupt aus den Körperinnervationen ursächlich ableitet. Dieser extremen Auffassung gegenüber fasse ich den Affekt einerseits als einen psychischen Gefühlszustand, andererseits als einen physiologischen Innervationszustand auf, welche beide wechselseitig kumulierend aufeinanderwirken, d. h. dem verstärkten Gefühl gesellt sich eine Empfindungskomponente, durch welche der Affekt mehr den [Empfindungen] (s. d.) angenähert und vom Gefühlszustand wesentlich unterschieden wird. Ich rechne ausgesprochene, d. h. durch heftige Körperinnervationen begleitete Affekte nicht dem Gebiete der Fühlfunktion, sondern dem Gebiete der Empfindungsfunktion zu (s. [Funktion]).

4. Apperception. Apperception ist ein psychischer Vorgang, durch den ein neuer Inhalt ähnlichen, schon vorhandenen Inhalten dermassen angegliedert wird, dass man ihn als verstanden, aufgefasst oder als klar bezeichnet.[314] Man unterscheidet eine aktive und eine passive Apperception; erstere ist ein Vorgang, bei welchem das Subjekt von sich aus, aus eigenen Motiven bewusst einen neuen Inhalt mit Aufmerksamkeit erfasst und an andere Inhalte, die in Bereitschaft stehen, assimiliert; letztere ist ein Vorgang, bei dem ein neuer Inhalt von aussen (durch die Sinne) oder von innen (aus dem Unbewussten) sich dem Bewusstsein aufdrängt und die Aufmerksamkeit und Auffassung sich gewissermassen erzwingt. In ersterm Fall liegt der Akzent der Tätigkeit beim Ich, in letzterm bei dem sich andrängenden neuen Inhalt.

5. Archaïsmus. Mit A. bezeichne ich den altertümlichen Charakter psychischer Inhalte und Funktionen. Es handelt sich dabei nicht um archaïstische, d. h. nachgeahmte Altertümlichkeit, wie sie z. B. spätrömische Bildwerke oder die „Gothik“ des XIX. Jahrhunderts aufweisen, sondern um Eigenschaften, die den Charakter des Reliktes haben. Als solche Eigenschaften sind alle diejenigen psychologischen Züge zu bezeichnen, welche im wesentlichen mit den Eigenschaften der primitiven Mentalität übereinstimmen. Es ist klar, dass der A. in erster Linie den Phantasien des Unbewussten anhaftet, d. h. den das Bewusstsein erreichenden Produkten der unbewussten Phantasietätigkeit. Die Qualität des Bildes ist dann archaïsch, wenn es unverkennbare mythologische Parallelen hat.[315] Archaïsch sind die Analogieassociationen der unbewussten Phantasie, ebenso ihr Symbolismus (s. [Symbol].). A. ist die Identitätsbeziehung zum Objekt, (s. [Identität]) die „[participation mystique]“ (s. d.). A. ist der Concretismus des Denkens und des Fühlens. A. ist ferner der Zwang und die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung (das Hingerissensein). A. ist das Verschmolzensein der psychologischen Funktionen (s. [Differenzierung]) miteinander, z. B. Denken und Fühlen, Fühlen und Empfinden, Fühlen und Intuition, auch das Verschmolzensein der Teile einer Funktion (Audition coloriée), Ambitendenz und Ambivalenz (Bleuler), d. h. Verschmolzensein mit dem Gegenteil, z. B. Gefühl und Gegengefühl.

6. Assimilation. A. ist die Angleichung eines neuen Bewusstseininhaltes an das in Bereitschaft stehende subjektive Material[316], wobei besonders die Ähnlichkeit des neuen Inhaltes mit dem bereitstehenden subjektiven Material hervorgehoben wird, event. zu Ungunsten der selbständigen Qualität des neuen Inhaltes[317]. Die A. ist, im Grunde genommen, ein Apperceptionsvorgang (s. [Apperception]), der sich aber von der reinen Apperception durch das Element der Angleichung an das subjektive Material, unterscheidet. In diesem Sinne sagt Wundt[318]: „Am augenfälligsten tritt diese Bildungsweise (nämlich die A.) bei den Vorstellungen dann hervor, wenn die assimilierenden Elemente durch Reproduktion, die assimilierten durch einen unmittelbaren Sinneseindruck entstehen. Es werden dann die Elemente von Erinnerungsbildern gewissermassen in das äussere Objekt hineinverlegt, sodass, namentlich wenn das Objekt und die reproduzierten Elemente erheblich voneinander abweichen, die vollzogene Sinneswahrnehmung als eine Illusion erscheint, die uns über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge täuscht.“

Ich gebrauche A. in einem etwas erweiterten Sinne, nämlich als Angleichung des Objektes an das Subjekt überhaupt und setze ihr gegenüber die Dissimilation als Angleichung des Subjektes an das Objekt, und als Entfremdung des Subjektes von sich selber zu Gunsten des Objektes, sei es ein äusseres Objekt oder ein „psychologisches“ Objekt, z. B. eine Idee.

7. Bewusstsein. Unter B. verstehe ich die Bezogenheit psychischer Inhalte auf das Ich (s. [Ich]), soweit sie als solche vom Ich empfunden wird[319]. Beziehungen zum Ich, soweit sie von diesem nicht als solche empfunden werden, sind [unbewusst] (s. d.). Das Bewusstsein ist die Funktion oder Tätigkeit[320], welche die Beziehung psychischer Inhalte zum Ich unterhält. B. ist für mich nicht identisch mit Psyche, indem Psyche mir die Gesamtheit aller psychischen Inhalte darstellt, welche nicht notwendigerweise alle mit dem Ich direkt verbunden, d. h. dermassen auf das Ich bezogen sind, dass ihnen die Qualität der Bewusstheit zukäme. Es gibt eine Vielheit von psychischen Komplexen, die nicht alle notwendigerweise mit dem Ich verbunden sind.[321]

8. Bild. Wenn ich in dieser Arbeit von Bild spreche, so meine ich damit nicht das psychische Abbild des äussern Objektes, sondern vielmehr eine Anschauung, die dem poetischen Sprachgebrauch entstammt, nämlich das Phantasiebild, welches sich nur indirekt auf Wahrnehmung des äussern Objektes bezieht. Dieses Bild beruht vielmehr auf unbewusster Phantasietätigkeit, als deren Produkt es dem Bewusstsein mehr oder weniger abrupt erscheint, etwa in der Art einer Vision oder Hallucination, ohne aber den pathologischen Charakter einer solchen, d. h. die Zugehörigkeit zu einem klinischen Krankheitsbilde zu besitzen. Das Bild hat den psychologischen Charakter einer Phantasievorstellung und niemals den quasi Realcharakter der Hallucination, d. h. es steht nie an Stelle der Wirklichkeit und wird von sinnlicher Wirklichkeit als „inneres“ Bild stets unterschieden. In der Regel ermangelt es auch jeder Projektion in den Raum, obschon in Ausnahmefällen es auch gewissermassen von aussen erscheinen kann. Diese Erscheinungsweise ist als [archaïsch] (s. d.) zu bezeichnen, wenn sie nicht in erster Linie pathologisch ist, was aber den archaischen Charakter keineswegs aufhebt. Auf primitiver Stufe, d. h. in der Mentalität des Primitiven verlegt sich das innere Bild leicht als Vision oder Gehörshallucination in den Raum, ohne pathologisch zu sein.

Wenn schon in der Regel dem Bild kein Wirklichkeitswert zukommt, so kann ihm doch unter Umständen eine umso grössere Bedeutung für das seelische Erleben anhaften, d. h. ein grosser psychologischer Wert, welcher eine innere „Wirklichkeit“ darstellt, die gegebenenfalls die psychologische Bedeutung der „äussern“ Wirklichkeit überwiegt. In diesem Fall ist das Individuum nicht nach Anpassung an die Wirklichkeit, sondern nach Anpassung an die innere Forderung orientiert.