Das innere Bild ist eine komplexe Grösse, die sich aus den verschiedensten Materialien von verschiedenster Herkunft zusammensetzt. Es ist aber kein Konglomerat, sondern ein in sich einheitliches Produkt, das seinen eigenen selbständigen Sinn hat. Das Bild ist ein konzentrierter Ausdruck der psychischen Gesamtsituation, nicht etwa bloss oder vorwiegend der unbewussten Inhalte schlechthin. Es ist zwar ein Ausdruck unbewusster Inhalte, aber nicht aller Inhalte überhaupt, sondern bloss der momentan konstellierten. Diese Konstellation erfolgt einerseits durch die Eigentätigkeit des Unbewussten, andererseits durch die momentane Bewusstseinslage, welche immer zugleich auch die Aktivität zugehöriger subliminaler Materialien anregt und die nicht zugehörigen hemmt. Dementsprechend ist das Bild ein Ausdruck sowohl der unbewussten wie der bewussten momentanen Situation. Die Deutung seines Sinnes kann also weder vom Bewusstsein allein noch vom Unbewussten allein ausgehen, sondern nur von ihrer wechselseitigen Beziehung.
Ich bezeichne das Bild als urtümlich[322], wenn es einen archaischen Charakter hat. Von archaischem Charakter spreche ich dann, wenn das Bild eine auffallende Übereinstimmung mit bekannten mythologischen Motiven hat. In diesem Fall drückt es einerseits überwiegend [collektiv]-[unbewusste] (s. d.) Materialien aus und andererseits weist es darauf hin, dass die momentane Bewusstseinslage weniger persönlich, als vielmehr collektiv beeinflusst ist.
Ein persönliches B. hat weder archaïschen Charakter noch collektive Bedeutung, sondern drückt persönlich-unbewusste Inhalte und eine persönlich-bedingte Bewusstseinslage aus.
Das urtümliche B., das ich andernorts auch als „Archetypus“[323] bezeichnet habe, ist immer collektiv, d. h. es ist mindestens ganzen Völkern, oder Zeiten gemeinsam. Wahrscheinlich sind die hauptsächlichsten mythologischen Motive allen Rassen und Zeiten gemeinsam; so konnte ich eine Reihe von Motiven der griechischen Mythologie in den Träumen und Phantasien von geisteskranken reinrassigen Negern nachweisen.[324]
Das urtümliche Bild ist ein mnemischer Niederschlag, ein Engramm (Semon), das durch Verdichtung unzähliger, einander ähnlicher Vorgänge entstanden ist. Es ist in erster Linie und zunächst ein Niederschlag und damit eine typische Grundform eines gewissen immer wiederkehrenden seelischen Erlebens. Darum ist es als mythologisches Motiv auch ein stets wirksamer und immer wieder auftretender Ausdruck, welcher das gewisse seelische Erleben entweder wachruft oder in passender Weise formuliert. Das urtümliche Bild ist wohl ein psychischer Ausdruck einer physiologisch-anatomisch bestimmten Anlage. Stellt man sich auf den Standpunkt, dass eine bestimmte anatomische Struktur entstanden sei aus der Einwirkung der Umweltsbedingungen auf den lebenden Stoff, so entspricht das urtümliche Bild in seinem stetigen und allverbreiteten Vorkommen einer ebenso allgemeinen und beständigen äussern Einwirkung, welche daher den Charakter eines Naturgesetzes haben muss. Man könnte auf diese Weise den Mythus auf die Natur beziehen (z. B. die Sonnenmythen auf das tägliche Auf- und Untergehen der Sonne oder den ebenso sinnenfälligen Wechsel der Jahreszeiten). Dabei bliebe aber die Frage übrig, warum dann nicht einfach z. B. die Sonne und ihre scheinbaren Veränderungen direkt und unverhüllt als Inhalt des Mythus aufträten. Die Tatsache, dass die Sonne oder der Mond oder die meteorologischen Vorgänge zum mindesten allegorisiert auftreten, weist uns aber auf eine selbständige Mitarbeit der Psyche hin, welche also in diesem Falle keineswegs bloss ein Produkt oder Abklatsch der Umweltsbedingungen sein kann. Denn woher bezöge sie dann überhaupt die Fähigkeit zu einem Standpunkt ausserhalb der Sinneswahrnehmung? Woher käme ihr dann überhaupt die Fähigkeit zu, ein Mehreres oder Anderes zu leisten, als die Bestätigung des Zeugnisses der Sinne? Wir müssen daher notgedrungen annehmen, dass die gegebene Hirnstruktur ihr Sosein nicht bloss der Einwirkung der Umweltsbedingungen verdankt, sondern ebensowohl auch der eigentümlichen und selbständigen Beschaffenheit des lebenden Stoffes, d. h. also einem mit dem Leben gegebenen Gesetze. Die gegebene Beschaffenheit des Organismus ist daher ein Produkt einerseits der äussern Bedingungen und andererseits der dem Lebendigen inhärenten Bestimmungen. Demgemäss ist auch das urtümliche Bild einerseits unzweifelhaft auf gewisse sinnenfällige und stets sich erneuernde und daher immer wirksame Naturvorgänge zu beziehen, andererseits aber ebenso unzweifelhaft auf gewisse innere Bestimmungen des geistigen Lebens und des Lebens überhaupt. Dem Licht setzt der Organismus ein neues Gebilde, das Auge, entgegen, und dem Naturvorgang setzt der Geist ein symbolisches Bild entgegen, das den Naturvorgang ebenso erfasst, wie das Auge das Licht. Und ebenso wie das Auge ein Zeugnis ist für die eigentümliche und selbständige schöpferische Tätigkeit des lebenden Stoffes, so ist auch das urtümliche Bild ein Ausdruck der eigenen und unbedingten, erschaffenden Kraft des Geistes.
Das urtümliche Bild ist somit ein zusammenfassender Ausdruck des lebendigen Prozesses. Es gibt den sinnlichen und innern geistigen Wahrnehmungen, die zunächst ungeordnet und unzusammenhängend erscheinen, einen ordnenden und verbindenden Sinn und befreit dadurch die psychische Energie von der Bindung an die blosse und unverstandene Wahrnehmung. Es bindet aber auch die durch Wahrnehmung der Reize entfesselten Energien an einen bestimmten Sinn, der das Handeln in die dem Sinn entsprechenden Bahnen leitet. Es löst unverwendbare, aufgestaute Energie, indem es den Geist auf die Natur verweist, und blossen Naturtrieb in geistige Formen überführt.
Das urtümliche Bild ist Vorstufe der [Idee] (s. d.), es ist ihr Mutterboden. Aus ihm entwickelt die Vernunft durch Ausscheidung des dem urtümlichen Bild eigentümlichen und notwendigen [Concretismus] (s. d.), einen Begriff — eben die Idee — der aber von allen andern Begriffen sich dadurch unterscheidet, dass er der Erfahrung nicht gegeben ist, und dass er sogar als aller Erfahrung zu Grunde liegend erschlossen wird. Diese Eigenschaft hat die Idee vom urtümlichen Bild, das als Ausdruck der spezifischen Hirnstruktur auch aller Erfahrung die bestimmte Form erteilt.
Der Grad der psychologischen Wirksamkeit des urtümlichen Bildes wird bestimmt durch die Einstellung des Individuums. Ist die Einstellung überhaupt introvertiert, so ergibt sich natürlicherweise infolge der Abziehung der Libido vom äussern Objekt eine erhöhte Betonung des innern Objektes, des Gedankens. Daraus erfolgt eine besonders intensive Entwicklung der Gedanken auf der durch das urtümliche Bild unbewusst vorgezeichneten Linie. Auf diese Weise tritt das urtümliche Bild zunächst indirekt in die Erscheinung. Die Weiterführung der gedanklichen Entwicklung führt zur Idee, welche nichts anderes ist, als das zur gedanklichen Formulierung gelangte urtümliche Bild. Über die Idee hinaus führt nur die Entwicklung der Gegenfunktion, d. h. ist die Idee intellektuell erfasst, so will sie auf das Leben wirken. Sie zieht darum das Fühlen an, welches aber in diesem Falle weit weniger differenziert und daher concretistischer ist als das Denken. Das Fühlen ist daher unrein, und, weil undifferenziert, noch mit dem Unbewussten verschmolzen. Das Individuum ist dann unfähig, dieses so beschaffene Fühlen mit der Idee zu vereinigen. In diesem Falle tritt nun das urtümliche Bild als Symbol in das innere Blickfeld, erfasst vermöge seiner concreten Natur einerseits das in undifferenziertem concreten Zustand befindliche Fühlen, ergreift aber auch vermöge seiner Bedeutung die Idee, deren Mutter es ja ist, und vereinigt so die Idee mit dem Fühlen. Das urtümliche Bild tritt solchergestalt als Mittler ein und beweist damit wiederum seine erlösende Wirksamkeit, die es in den Religionen stets gehabt hat. Ich möchte daher das, was Schopenhauer von der Idee sagt, eher auf das urtümliche Bild beziehen, indem, wie ich unter „Idee“ erläutert habe, die Idee nicht ganz und durchaus als etwas Apriorisches, sondern eben auch als etwas Abgeleitetes und Herausentwickeltes aufgefasst werden muss. Wenn ich daher im, folgenden die Worte Schopenhauers anführe, so bitte ich den Leser, das Wort „Idee“ im Text jeweils durch „urtümliches Bild“ ersetzen zu wollen, um zum Verständnis dessen zu gelangen, was ich hier meine:
„Vom Individuo als solchem wird — die Idee — nie erkannt, sondern nur von dem, der sich über alles Wollen und über alle Individualität zum reinen Subjekt des Erkennens erhoben hat: also ist sie nur dem Genius und sodann dem, welcher durch, meistens von den Werken des Genius veranlasste, Erhöhung seiner reinen Erkenntniskraft, in einer genialen Stimmung ist, erreichbar: daher ist sie nicht schlechthin, sondern nur bedingt mitteilbar, indem die aufgefasste und (z. B.) im Kunstwerk wiederholte Idee jedem nur nach Massgabe seines eigenen intellektualen Wertes anspricht“, etc.
„Die Idee ist die, vermöge der Zeit- und Raumform unserer intuitiven Apprehension in die Vielheit zerfallene Einheit.“