12. Construktiv. Dieser Begriff wird von mir in ähnlicher Weise gebraucht, wie synthetisch, gewissermassen zur Erläuterung des letztern Begriffes. Construktiv bedeutet „aufbauend“. Ich gebrauche „construktiv“ und „synthetisch“ zur Bezeichnung einer Methode, die der reduktiven Methode entgegengesetzt ist.[334] Die construktive Methode betrifft die Bearbeitung unbewusster Produkte (Träume, Phantasien). Sie geht vom unbewussten Produkt aus als von einem [symbolischen] (s. d.) Ausdruck, welcher vorausgreifend ein Stück psychologischer Entwicklung darstellt.[335] Maeder spricht in dieser Hinsicht von einer eigentlichen prospektiven Funktion des Unbewussten, welches quasi spielend die zukünftige psychologische Entwicklung antecipiert.[336] Auch Adler anerkennt eine vorausgreifende Funktion des Unbewussten.[337] Sicher ist, dass das Produkt des Unbewussten nicht einseitig als Gewordenes, gewissermassen als Endprodukt betrachtet werden darf, sonst müsste ihm jeder zweckmässige Sinn abgesprochen werden. Selbst Freud weist dem Traum die teleologische Rolle wenigstens als „Hüter des Schlafes“ zu[338], während sich die prospektive Funktion für ihn wesentlich auf „Wünsche“ beschränkt. Der Zweckmässigkeitscharakter der unbewussten Tendenzen kann aber nach Analogie mit andern psychologischen oder physiologischen Funktionen nicht a priori bestritten werden. Wir fassen darum das Produkt des Unbewussten als einen nach einem Ziel oder einem Zweck orientierten Ausdruck auf, der aber den Richtpunkt in symbolischer Sprache charakterisiert.[339] Dieser Auffassung entsprechend beschäftigt sich die c. Methode der Deutung nicht mit den dem unbewussten Produkt zu Grunde liegenden Quellen oder Ausgangsmaterialien, sondern sie sucht das symbolische Produkt auf einen allgemeinen und verständlichen Ausdruck zu bringen.[340] Die freien Einfälle zum unbewussten Produkt werden also in Hinsicht einer Zielrichtung und nicht in Hinsicht der Herkunft betrachtet. Sie werden unter dem Gesichtswinkel zukünftigen Tuns oder Lassens betrachtet; ihr Verhältnis zur Bewusstseinslage wird dabei sorgfältig berücksichtigt, denn nach der compensatorischen Auffassung des Unbewussten hat die Tätigkeit des Unbewussten eine hauptsächlich ausgleichende oder ergänzende Bedeutung für die Bewusstseinslage. Da es sich um eine Vorausorientierung handelt, so kommt die wirkliche Beziehung zum Objekt viel weniger in Frage als beim reduktiven Verfahren, welches sich mit wirklich stattgehabten Beziehungen zum Objekt beschäftigt. Es handelt sich vielmehr um die subjektive Einstellung, in der das Objekt zunächst nur ein Zeichen für Tendenzen des Subjektes bedeutet. Die Absicht der c. Methode ist daher die Herstellung eines auf die zukünftige Einstellung des Subjektes bezüglichen Sinnes des unbewussten Produktes. Da das Unbewusste in der Regel nur symbolische Ausdrücke zu schaffen vermag, so dient die c. Methode dazu, den symbolisch ausgedrückten Sinn dermassen zu verdeutlichen, dass ein die bewusste Orientierung richtig stellender Hinweis dabei herauskommt, womit dem Subjekt das für sein Handeln notwendige Einssein mit dem Unbewussten vermittelt wird.

So, wie sich keine psychologische Deutungsmethode auf das Associationsmaterial des Analysanden allein gründet, so bedient sich auch der c. Standpunkt gewisser Vergleichsmaterialien. So, wie sich die reduktive Deutung gewisser biologischer, physiologischer, folkloristischer, literarischer und anderer Vergleichsvorstellungen bedient, so ist die c. Behandlung des Denkproblems auf philosophische, und die des Intuitionsproblems auf mythologische und religionsgeschichtliche Parallelen angewiesen.

Die c. Methode ist notgedrungenerweise individualistisch, denn eine zukünftige Collektiveinstellung entwickelt sich nur über das Individuum. Im Gegensatz dazu ist die reduktive Methode collektiv, denn sie führt aus dem individuellen Fall zurück auf allgemeine Grundeinstellungen oder -tatsachen. Die c. Methode kann auch vom Subjekt direkt auf seine subjektiven Materialien angewendet werden. In diesem letztern Fall ist sie eine intuitive Methode, verwendet zur Ausarbeitung des allgemeinen Sinnes eines Produktes des Unbewussten. Diese Ausarbeitung erfolgt durch die associative (also nicht aktiv [apperceptive], s. d.) Angliederung weitern Materials, welches den symbolischen Ausdruck des Unbewussten (z. B. den Traum) dermassen bereichert und vertieft, dass er jene Deutlichkeit erreicht, welche das bewusste Begreifen ermöglicht. Durch die Bereicherung des symbolischen Ausdruckes wird er in allgemeinere Zusammenhänge verwoben und dadurch assimiliert.

13. Denken. Ich fasse das Denken als eine der vier psychologischen Grundfunktionen auf (s. [Funktion]). Das Denken ist diejenige psychologische Funktion, welche, ihren eigenen Gesetzen gemäss, gegebene Vorstellungsinhalte in (begrifflichen) Zusammenhang bringt. Es ist apperceptive Tätigkeit und als solche in aktive und passive Denktätigkeit zu unterscheiden. Das aktive Denken ist eine Willenshandlung, das passive Denken ein Geschehnis. Im erstem Fall unterwerfe ich die Vorstellungsinhalte einem gewollten Urteilsakt, im letztern Fall ordnen sich begriffliche Zusammenhänge an, es formen sich Urteile, welche gegebenenfalls zu meiner Absicht in Widerspruch stehen, meiner Zielrichtung nicht entsprechen und daher für mich des Gefühles der Richtung entbehren, obschon ich nachträglich zur Anerkennung ihres Gerichtetseins durch einen aktiven Apperceptionsakt gelangen kann. Das aktive Denken würde demnach meinem Begriffe des gerichteten Denkens[341] entsprechen. Das passive D. ist in meiner unten zitierten Arbeit ungenügend als „Phantasieren“ gekennzeichnet worden.[342] Ich würde es heute als intuitives Denken bezeichnen.

Ein einfaches Aneinanderreihen von Vorstellungen, was von gewissen Psychologen als associatives D.[343] bezeichnet wird, ist für mich kein Denken, sondern blosses Vorstellen. Von D. sollte man m. E. nur da sprechen, wo es sich um die Verbindung von Vorstellungen durch einen Begriff handelt, wo also m. a. W. ein Urteilsakt vorliegt, gleichviel ob dieser Urteilsakt unserer Absicht entspringt oder nicht.

Das Vermögen des gerichteten D. bezeichne ich als Intellekt, das Vermögen des passiven oder nicht gerichteten D. bezeichne ich als intellektuelle Intuition. Ich bezeichne ferner das gerichtete Denken, den Intellekt, als [rationale] (s. d.) Funktion, indem es nach der Voraussetzung der mir bewussten vernünftigen Norm die Vorstellungsinhalte unter Begriffen anordnet. Dagegen ist mir das nichtgerichtete Denken, die intellektuelle Intuition, eine [irrationale] (s. d.) Funktion, indem es nach mir unbewussten und darum nicht als vernunftgemäss erkannten Normen die Vorstellungsinhalte beurteilt und anordnet. Ich kann aber gegebenenfalls nachträglich erkennen, dass auch der intuitive Urteilsakt der Vernunft entspricht, obschon er auf einem mir irrational erscheinenden Wege zustande gekommen ist.

Unter gefühlsmässigem D. verstehe ich nicht das intuitive D., sondern ein Denken, das vom Fühlen abhängig ist, also ein Denken, das nicht seinem eigenen, logischen Prinzip folgt, sondern dem Prinzip des Fühlens untergeordnet ist. Im gefühlsmässigen D. sind die Gesetze der Logik nur scheinbar vorhanden, in Wirklichkeit aber aufgehoben zu Gunsten der Gefühlsabsicht.

14. Differenzierung bedeutet Entwicklung von Unterschieden, Aussonderung von Teilen aus einem Ganzen. Ich gebrauche den Begriff der D. in dieser Arbeit hauptsächlich in Hinsicht von psychologischen Funktionen. Solange eine Funktion noch dermassen mit einer oder mehreren andern Funktionen verschmolzen ist, z. B. Denken und Fühlen, oder Fühlen und Empfindung etc., dass sie für sich allein gar nicht auftreten kann, so ist sie in [archaïschem] (s. d.) Zustand, sie ist nicht differenziert, d. h. nicht als ein besonderer Teil vom Ganzen ausgeschieden und als solcher für sich bestehend. Ein nicht differenziertes Denken ist unfähig, von andern Funktionen abgesondert zu denken, d. h. es mischen sich ihm beständig Empfindungen oder Gefühle oder Intuitionen bei; ein nicht differenziertes Fühlen vermischt sich z. B. mit Empfindungen und Phantasien, z. B. Sexualisierung (Freud) des Fühlens und Denkens in der Neurose. In der Regel ist die nicht differenzierte Funktion auch dadurch charakterisiert, dass sie die Eigenschaft der Ambivalenz und der Ambitendenz[344] hat, d. h. jede Position führt ihre Negation merklich mit sich, woraus kennzeichnende Hemmungen im Gebrauch der nicht differenzierten Funktion entstehen. Die nicht differenzierte Funktion ist auch in ihren einzelnen Teilen verschmolzen, so ist z. B. ein nicht differenziertes Empfindungsvermögen dadurch beeinträchtigt, dass sich die einzelnen Sinnessphären vermischen (Audition colorée), ein nicht differenziertes Fühlen z. B. durch Vermengung von Hass und Liebe. Insofern eine Funktion ganz oder grösstenteils unbewusst ist, ist sie auch nicht differenziert, sondern in ihren Teilen und mit andern Funktionen verschmolzen. Die D. besteht in der Absonderung der Funktion von andern Funktionen und in der Absonderung ihrer einzelnen Teile von einander. Ohne D. ist Richtung unmöglich, denn die Richtung einer Funktion resp. ihr Gerichtetsein beruht auf Besonderung und Ausschliessung des Nichtzugehörigen. Durch Verschmelzung mit Nichtzugehörigem ist das Gerichtetsein unmöglich gemacht; nur eine differenzierte Funktion erweist sich als richtungsfähig.

15. Dissimilation, s. [Assimilation].

16. Einfühlung. E. ist eine [Introjektion] (s. d.) des Objektes. Für die nähere Beschreibung des Begriffes der E. siehe Text [Kapitel VII]. (Siehe auch [Projektion].)