17. Einstellung. Dieser Begriff ist eine relativ neue Erwerbung der Psychologie. Er stammt von Müller und Schumann[345]. Während Külpe[346] die E. als eine Prädisposition sensorischer oder motorischer Zentren für eine bestimmte Erregung oder einen beständigen Impuls definiert, fasst sie Ebbinghaus[347] in weiterm Sinne als eine Übungserscheinung, welche das Gewohnte in die vom Gewohnten abweichende Einzelleistung hineinträgt. Von dem Ebbinghaus’schen Begriffe der E. geht auch unser Gebrauch des Begriffes aus. E. ist für uns eine Bereitschaft der Psyche in einer gewissen Richtung zu agieren oder zu reagieren. Der Begriff ist gerade für die Psychologie der komplexen seelischen Phänomene sehr wichtig, indem er jene eigenartige psychologische Erscheinung, dass gewisse Reize zu gewissen Zeiten stark, zu andern schwach oder gar nicht wirken, auf einen Ausdruck bringt. Eingestellt sein heisst: für etwas Bestimmtes bereit sein, auch wenn dieses Bestimmte unbewusst ist, denn Eingestelltsein ist gleichbedeutend mit apriorischer Richtung auf Bestimmtes, gleichviel ob dieses Bestimmte vorgestellt ist oder nicht. Die Bereitschaft, als welche ich die E. auffasse, besteht immer darin, dass eine gewisse subjektive Konstellation, eine bestimmte Kombination von psychischen Faktoren oder Inhalten vorhanden ist, welche entweder das Handeln in dieser oder jener bestimmten Richtung determinieren oder einen äussern Reiz in dieser oder jener bestimmten Weise auffassen wird. Ohne E. ist aktive [Apperception] (s. d.) unmöglich. E. hat immer einen Richtpunkt, der bewusst oder unbewusst sein kann, denn eine bereitgestellte Kombination von Inhalten wird unfehlbar im Akte der Apperception eines neuen Inhaltes jene Qualitäten oder Momente hervorheben, welche dem subjektiven Inhalt als zugehörig erscheinen. Es findet daher eine Auswahl oder ein Urteil statt, welches Nichtzugehöriges ausschliesst. Was zugehörig oder nichtzugehörig ist, wird durch die bereitgestellte Inhaltskombination oder -konstellation entschieden. Ob der Richtpunkt der E. bewusst oder unbewusst ist, hat keine Bedeutung für die auswählende Wirkung der E., indem die Auswahl durch die E. schon a priori gegeben ist und im Übrigen automatisch erfolgt. Es ist aber praktisch zwischen bewusst und unbewusst zu unterscheiden, da ungemein häufig auch zwei E. vorhanden sind, nämlich eine bewusste und eine unbewusste E. Damit soll ausgedrückt sein, dass das Bewusstsein eine Bereitstellung von andern Inhalten hat als das Unbewusste. Besonders deutlich ist die Zweiheit der E. in der Neurose.
Der Begriff der E. hat mit dem Wundtschen Apperceptionsbegriff eine gewisse Verwandtschaft, jedoch mit dem Unterschied, dass der Begriff der Apperception den Vorgang der Beziehung des bereitgestellten Inhaltes zum neuen, zu appercipierenden Inhalt in sich fasst, während der Begriff der E. sich ausschliesslich auf den subjektiv bereitgestellten Inhalt bezieht. Die Apperception ist gewissermassen die Brücke, die den bereits vorhandenen und bereitgestellten Inhalt mit dem neuen Inhalt verbindet, während die E. gewissermassen das Widerlager der Brücke auf dem einen Ufer, der neue Inhalt aber das Widerlager auf dem andern Ufer darstellt. E. bedeutet eine Erwartung, und Erwartung wirkt immer auswählend und Richtung gebend. Ein starkbetonter, im Blickfeld des Bewusstseins befindlicher Inhalt bildet (event. mit andern Inhalten zusammen) eine gewisse Konstellation, welche gleichbedeutend mit einer bestimmten E. ist, denn ein solcher Bewusstseinsinhalt fördert die Wahrnehmung und Apperception alles Gleichartigen und hemmt die alles Ungleichartigen. Er erzeugt die ihm entsprechende E. Dieses automatische Phänomen ist ein wesentlicher Grund zur Einseitigkeit der bewussten Orientierung. Es würde zu einem völligen Gleichgewichtsverlust führen, wenn nicht eine selbstregulierende, [compensatorische] (s. d.) Funktion in der Psyche bestünde, welche die bewusste E. korrigiert. In diesem Sinn ist die Zweiheit der E. also ein normales Phänomen, das nur dann störend in Erscheinung tritt, wenn die bewusste Einseitigkeit excessiv ist. Die E. kann, als gewöhnliche Aufmerksamkeit eine relativ unbedeutende Teilerscheinung sein, oder auch ein die ganze Psyche bestimmendes allgemeines Prinzip. Aus Gründen der Disposition oder der Milieubeeinflussung oder der Erziehung oder der allgemeinen Lebenserfahrung oder der Überzeugung kann habituell eine Inhaltskonstellation vorhanden sein, welche beständig und oft bis ins allerkleinste eine gewisse E. erzeugt. Jemand, der das Unlustvolle des Lebens besonders tief empfindet, wird naturgemäss eine E. haben, welche stets das Unlustvolle erwartet. Diese excessive bewusste E. ist durch unbewusste Einstellung auf Lust compensiert. Der Unterdrückte hat eine bewusste E. auf Unterdrückendes, er wählt in der Erfahrung dieses Moment aus, er wittert es überall, seine unbewusste E. geht daher auf Macht und Überlegenheit.
Je nach der Art der habituellen E. ist die gesamte Psychologie des Individuums auch in den Grundzügen verschieden orientiert. Obschon die allgemeinen psychologischen Gesetze in jedem Individuum Geltung haben, so sind sie für das einzelne Individuum doch nicht charakteristisch, denn die Art ihres Wirkens ist ganz verschieden je nach der Art der allgemeinen E. Die allgemeine E. ist immer ein Resultat aller Faktoren, welche die Psyche wesentlich zu beeinflussen vermögen, also der angebornen Disposition, der Erziehung, der Milieueinflüsse, der Lebenserfahrungen, der durch [Differenzierung] (s. d.) gewonnenen Einsichten und Überzeugungen, der Collektivvorstellungen etc. Ohne die durchaus fundamentale Bedeutung der E. wäre die Existenz einer individuellen Psychologie ausgeschlossen. Die allgemeine E. aber bewirkt dermassen grosse Kräfteverschiebungen und Beziehungsveränderungen der einzelnen Funktionen unter sich, dass daraus Gesamtwirkungen resultieren, welche die Gültigkeit allgemeiner psychologischer Gesetze öfters in Frage stellen. Obschon z. B. ein gewisses Mass an Betätigung der Sexualfunktion aus physiologischen und psychologischen Gründen als unerlässlich gilt, so gibt es dennoch Individuen, welche ohne Einbusse, d. h. ohne pathologische Erscheinungen und ohne irgendwie nachweisbare Einschränkung der Leistungsfähigkeit ihrer in hohem Masse entraten, während in andern Fällen schon geringfügige Störungen auf diesem Gebiet ganz beträchtliche allgemeine Folgen nach sich ziehen können. Wie gewaltig die individuellen Verschiedenheiten sind, sieht man vielleicht am besten in der Lust-Unlustfrage. Hier versagen sozusagen alle Regeln. Was gibt es schliesslich, das dem Menschen nicht gelegentlich Lust, und was, das ihm nicht gelegentlich Unlust verursachte? Jeder Trieb, jede Funktion kann der andern sich unterordnen und ihr Gefolgschaft leisten. Der Ich- oder Machttrieb kann sich die Sexualität dienstbar machen, oder die Sexualität benützt das Ich. Das Denken überwuchert alles andere, oder das Fühlen verschluckt das Denken und das Empfinden, alles je nach der E.
Im Grunde genommen ist die E. ein individuelles Phänomen und entzieht sich der wissenschaftlichen Betrachtungsweise. In der Erfahrung jedoch lassen sich gewisse E.-typen unterscheiden, insofern sich auch gewisse psychische Funktionen unterscheiden lassen. Wenn eine Funktion habituell überwiegt, so entsteht dadurch eine typische E. Je nach der Art der differenzierten Funktion ergeben sich Inhaltskonstellationen, welche eine entsprechende E. erzeugen. So gibt es eine typische E. des Denkenden, des Fühlenden, des Empfindenden und des Intuierenden. Ausser diesen rein psychologischen E.-typen, deren Zahl sich vielleicht noch vermehren lässt, gibt es auch soziale Typen, nämlich solche, denen eine Collektivvorstellung den Stempel aufdrückt. Sie sind charakterisiert durch die verschiedenen -ismen. Diese collektiv bedingten E. sind jedenfalls sehr wichtig, in gewissen Fällen den rein individuellen E. an Bedeutung sogar überlegen.
18. Enantiodromie. E. heisst „Entgegenlaufen“. Mit diesem Begriff wird in der Philosophie des Heraklit[348] das Gegensatzspiel des Geschehens bezeichnet, nämlich die Anschauung, nach der Alles, was ist, in sein Gegenteil übergeht. „Aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten Lebendiges, aus dem Jungen Altes, und aus dem Alten Junges, aus dem Wachen Schlafendes und aus dem Schlafenden Waches, der Strom des Erzeugens und des Untergangs steht nie stille.“[349] „Denn Aufbau und Zerstörung, Zerstörung und Aufbau, dies ist die Norm, welche alle Kreise des Naturlebens, die kleinsten, wie die grössten, einspannt. Soll doch auch der Kosmos selbst, gleichwie er aus dem Urfeuer hervorgegangen ist, wieder in dasselbe zurückkehren — ein Doppelprozess, der sich in bemessenen Fristen, wenn dies gleich ungeheure Zeiträume sind, abspielt und immer von neuem abspielen wird.“[350] Dies ist die E. des Heraklit nach den Worten berufener Interpreten. Reichlich sind die Aussprüche aus dem Munde Heraklits, welche dieser Ansicht Ausdruck verleihen. So sagt er: „Auch die Natur strebt wohl nach dem Entgegengesetzten und bringt hieraus und nicht aus dem Gleichen den Einklang hervor.“
„Wann sie geboren sind, schicken sie sich an zu leben und dadurch den Tod zu erleiden.“
„Für die Seelen ist es Tod, zu Wasser zu werden, für das Wasser Tod, zur Erde zu werden. Aus der Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“
„Umsatz findet wechselweise statt, des Alls gegen das Feuer, und des Feuers gegen das All, wie des Goldes gegen Waren und der Waren gegen Gold.“
In psychologischer Anwendung seines Prinzips sagt Heraklit: „Möge es euch nie an Reichtum fehlen, Ephesier, damit eure Verlotterung an den Tag kommen kann.“[351]
Mit E. bezeichne ich das Hervortreten des unbewussten Gegensatzes, namentlich in der zeitlichen Folge. Dieses charakteristische Phänomen findet beinahe überall da statt, wo eine extrem einseitige Richtung das bewusste Leben, beherrscht, sodass sich in der Zeit eine ebenso starke, unbewusste Gegenposition ausbildet, welche sich zunächst durch Hemmung der bewussten Leistung, später durch Unterbrechung der bewussten Richtung äussert. Ein gutes Beispiel für E. ist die Psychologie des Paulus und seiner Bekehrung zum Christentum, ebenso die Bekehrungsgeschichte des Raimundus Lullus, die Christusidentifikation des erkrankten Nietzsche, seine Verhimmelung Wagners und die spätere Gegnerschaft zu Wagner, die Verwandlung Swedenborgs aus dem Gelehrten in den Seher usw.