19. Emotion: s. [Affekt].
20. Empfindung. E. ist nach meiner Auffassung eine der psychologischen Grundfunktionen (s. [Funktion]). Wundt rechnet die E. ebenfalls zu den psychischen Elementarphänomenen.[352]
Die E. oder das Empfinden ist diejenige psychologische Funktion, welche einen physischen Reiz der Wahrnehmung vermittelt. E. ist daher identisch mit Perception. E. ist streng zu unterscheiden von Gefühl, indem das Gefühl ein ganz anderer Vorgang ist, der sich z. B. als „Gefühlston“ der E. hinzugesellen kann. Die E. bezieht sich nicht nur auf den äussern physischen Reiz, sondern auch auf den innern, d. h. auf die Veränderungen der innern Organe. Die E. ist daher in erster Linie Sinnesempfindung, d. h. Perception vermittelst der Sinnesorgane und des „Körpersinnes“ (kinästhetische, vasomotorische etc. E.). Sie ist einerseits ein Element des Vorstellens, indem sie dem Vorstellen das Perceptionsbild des äussern Objektes vermittelt, andererseits ein Element des Gefühls, indem sie durch die Perception der Körperveränderung dem Gefühl den Affektcharakter verleiht (s. [Affekt]). Indem die E. dem Bewusstsein die Körperveränderungen vermittelt, so repräsentiert sie auch die physiologischen Triebe. Sie ist nicht damit identisch, indem sie eine bloss perceptive Funktion ist.
Es ist zu unterscheiden zwischen sinnlicher oder concreter und abstrakter E. Erstere begreift die oben besprochenen Formen unter sich. Letztere aber bezeichnet eine abgezogene, d. h. von andern psychologischen Elementen gesonderte Art der E. Die concrete E. tritt nämlich nie „rein“ auf, sondern ist immer mit Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken vermengt. Die abstrakte E. dagegen stellt eine differenzierte Art der Perception dar, welche als „ästhetisch“ bezeichnet werden dürfte, insofern sie ihrem eigenen Prinzipe folgend von allen Beimengungen der Unterschiede des percipierten Objektes sowohl, wie von subjektiven Beimengungen von Gefühl und Gedanken sich sondert und sich dadurch zu einem Reinheitsgrade erhebt, welcher der concreten E. niemals zukommt. Die concrete E. einer Blume z. B. vermittelt nicht nur die Wahrnehmung der Blume selbst, sondern auch des Stengels, der Blätter, des Standortes, usw. Sie vermengt sich auch sofort mit den durch den Anblick erregten Lust oder Unlustgefühlen oder mit den gleichzeitig erregten Geruchsperceptionen oder mit Gedanken, z. B. über ihre botanische Klassifikation. Die abstrakte E. dagegen erhebt sofort das hervorstechende sinnliche Merkmal der Blume, z. B. ihre leuchtend rote Farbe zum alleinigen oder hauptsächlichen Inhalt des Bewusstseins, abgesondert von allen angedeuteten Beimengungen. Die abstrakte E. eignet hauptsächlich dem Künstler. Sie ist, wie jede Abstraktion, ein Produkt der Funktionsdifferenzierung, daher nichts Ursprüngliches. Die ursprüngliche Funktionsform ist immer concret, d. h. vermischt (s. [Archaïsmus] und [Concretismus]). Die concrete E. ist als solche ein reaktives Phänomen. Die abstrakte E. dagegen entbehrt, wie jede Abstraktion, niemals des Willens, d. h. des Richtungselementes. Der auf Abstraktion der E. gerichtete Wille ist der Ausdruck und die Betätigung der ästhetischen Empfindungseinstellung.
Die E. charakterisiert sehr stark das Wesen des Kindes und des Primitiven, insofern sie jedenfalls gegenüber dem Denken und Fühlen überwiegt, nicht aber notwendigerweise gegenüber der Intuition. Ich fasse die E. nämlich als die bewusste Perception auf, die Intuition aber als die unbewusste Perception. E. und Intuition stellen für mich ein Gegensatzpaar dar oder zwei einander compensierende Funktionen, wie Denken und Fühlen. Die Denk- und Fühlfunktion als selbständige Funktionen entwickeln sich ontogenetisch wie phylogenetisch aus der E. (Natürlich ebenso aus der Intuition, als dem notwendigen Gegenstück der E.)
Die E. ist, insofern sie ein Elementarphänomen ist, etwas schlechthin Gegebenes, das den Vernunftgesetzen nicht unterworfen ist, im Gegensatz zu Denken und Fühlen. Ich bezeichne daher das E. als [irrationale] (s. d.) Funktion, obschon es dem Verstande gelingt, eine grosse Zahl von E. in rationale Zusammenhänge aufzunehmen.
Ein Mensch, der seine Gesamteinstellung nach dem Prinzip des E. orientiert, gehört zum Empfindungstypus (s. [Typen]).
Normale E. sind verhältnismässig, d. h. sie entsprechen schätzungsweise der Intensität des physischen Reizes. Pathologische E. sind unverhältnismässig, d. h. abnorm schwach oder abnorm stark; in ersterm Fall sind sie gehemmt, in letzterm Fall übertrieben. Die Hemmung entsteht durch das Vorwiegen einer andern Funktion, die Übertreibung durch ein abnormes Verschmolzensein mit einer andern Funktion, z. B. durch ein Verschmolzensein mit einer noch undifferenzierten Fühl- oder Denkfunktion. Die Übertreibung der E. hört in diesem Fall auf, sobald die mit der E. verschmolzene Funktion für sich heraus differenziert ist. Besonders einleuchtende Beispiele liefert die Neurosenpsychologie, wo sehr oft eine starke Sexualisierung (Freud) anderer Funktionen vorliegt, d. h. also ein Verschmolzensein der Sexualempfindung mit andern Funktionen.
21. Extraversion. E. heisst Auswärtswendung der [Libido] (s. d.). Mit diesem Begriff bezeichne ich eine offenkundige Beziehung des Subjektes auf das Objekt im Sinne einer positiven Bewegung des subjektiven Interesses zum Objekt. Jemand, der sich in einem extravertierten Zustande befindet, denkt, fühlt und handelt in Bezug auf das Objekt und zwar in einer direkten und äusserlich deutlich wahrnehmbaren Weise, sodass kein Zweifel über seine positive Einstellung auf das Objekt bestehen kann. Die E. ist daher gewissermassen eine Hinausverlegung des Interesses aus dem Subjekt auf das Objekt. Ist die E. intellektuell, so denkt sich das Subjekt in das Objekt ein; ist die E. gefühlsmässig, so fühlt sich das Subjekt in das Objekt ein. Es ist im Zustande der E. eine starke, wenn auch nicht ausschliessliche Bedingtheit durch das Objekt vorhanden. Es ist von einer aktiven E. zu sprechen, wenn die E. absichtlich gewollt ist, und von einer passiven E., wenn das Objekt die E. erzwingt, d. h. von sich aus das Interesse des Subjektes anzieht, eventuell entgegen der Absicht des Subjektes.
Ist der Zustand der E. habituell, so entsteht daraus der extravertierte Typus (s. [Typus]).