22. Fühlen. Ich rechne das F. zu den vier psychologischen Grundfunktionen. Ich kann mich jener psychologischen Richtung, welche das F. als eine sekundäre, von „Vorstellungen“ oder Empfindungen abhängige Erscheinung auffassen, nicht anschliessen, sondern sehe das F. mit Höffding, Wundt, Lehmann, Külpe, Baldwin und andern als eine selbständige Funktion sui generis an.[353] Das Gefühl ist zunächst ein Vorgang, der zwischen dem Ich und einem gegebenen Inhalt stattfindet, und zwar ein Vorgang, welcher dem Inhalt einen bestimmten Wert im Sinne des Annehmens oder Zurückweisens („Lust“ oder „Unlust“) erteilt, sodann aber auch ein Vorgang, der, abgesehen vom momentanen Bewusstseinsinhalt oder von momentanen Empfindungen sozusagen isoliert als „Stimmung“ auftreten kann. Dieser letztere Vorgang kann sich auf frühere Bewusstseinsinhalte causal beziehen, braucht es aber nicht notwendigerweise, indem er ebenso gut auch aus unbewussten Inhalten hervorgehen kann, wie die Psychopathologie reichlich beweist. Aber auch die Stimmung, sei sie nun allgemein, oder bloss als partielles F. gegeben, bedeutet eine Bewertung, aber nicht die eines bestimmten, einzelnen Bewusstseinsinhaltes, sondern der ganzen momentanen Bewusstseinslage und zwar wiederum im Sinne des Annehmens oder Zurückweisens. Das F. ist daher zunächst ein gänzlich subjektiver Vorgang, der in jeder Hinsicht vom äussern Reiz unabhängig sein kann, obschon er sich jeder Empfindung hinzugesellt.[354] Sogar eine „gleichgültige“ Empfindung hat einen „Gefühlston“, nämlich den der Gleichgültigkeit, womit wiederum eine Bewertung ausgedrückt ist. Das F. ist daher auch eine Art des Urteilens, das aber insofern vom intellektuellen Urteil verschieden ist, als es nicht in Absicht der Herstellung eines begrifflichen Zusammenhanges, sondern in Absicht eines zunächst subjektiven Annehmens oder Zurückweisens erfolgt. Die Bewertung durch das F. erstreckt sich auf jeden Bewusstseinsinhalt, von was für einer Art er immer sein mag. Steigert sich die Intensität des F., so entsteht ein Affekt (s. [Affekt]), welcher ein Gefühlszustand ist mit merklichen Körperinnervationen. Das Gefühl unterscheidet sich dadurch vom Affekt, dass es keine merklichen Körperinnervationen veranlasst, d. h. so wenig oder so viel wie ein gewöhnlicher Denkvorgang. Das gewöhnliche, „einfache“ F. ist [concret] (s. d.), d. h. vermischt mit andern Funktionselementen, z. B. sehr häufig mit Empfindungen. Man kann es in diesem besondern Fall als affektiv bezeichnen, oder (wie es z. B. in dieser Arbeit geschieht) als Gefühlsempfindung, worunter eine zunächst untrennbare Verschmelzung des F. mit Empfindungselementen verstanden ist. Diese charakteristische Vermischung findet sich überall da, wo das F. sich als nicht differenzierte Funktion erweist, am deutlichsten in der Psyche eines Neurotikers mit differenziertem Denken. Obschon das F. eine an sich selbständige Funktion ist, so kann sie doch in die Abhängigkeit von einer andern Funktion geraten, z. B. vom Denken, wodurch ein F. entsteht, das sich zum Denken begleitend verhält und nur insofern nicht aus dem Bewusstsein verdrängt wird, als es in die intellektuellen Zusammenhänge passt. Vom gewöhnlichen concreten F. ist das abstrakte F. zu unterscheiden. Wie der abstrakte Begriff (s. [Denken]) die Unterschiede der von ihm begriffenen Dinge wegfallen lässt, so erhebt sich das abstrakte F. über die Unterschiede der einzelnen von ihm bewerteten Inhalte und stellt eine „Stimmung“ oder Gefühlslage her, welche die verschiedenen Einzelbewertungen in sich begreift und damit aufhebt. So wie das Denken die Bewusstseinsinhalte unter Begriffen anordnet, so ordnet das F. die Bewusstseinsinhalte nach ihrem Werte an. Je concreter das F. ist, desto subjektiver und persönlicher ist der von ihm erteilte Wert, je abstrakter dagegen das F., desto allgemeiner und objektiver ist der von ihm erteilte Wert. So wie ein vollkommen abstrakter Begriff nicht mehr die Einzelheit und Besonderheit der Dinge deckt, sondern nur ihre Allgemeinheit und Ununterschiedenheit, so deckt sich auch das vollkommen abstrakte F. mit dem Einzelmoment und seiner Gefühlsqualität nicht mehr, sondern nur mit der Gesamtheit aller Momente und ihrer Ununterschiedenheit. Das F. ist demnach wie das Denken eine rationale Funktion, indem, wie die Erfahrung zeigt, die Werte im allgemeinen nach Gesetzen der Vernunft zuerteilt werden, so wie auch Begriffe im allgemeinen nach Gesetzen der Vernunft gebildet werden.
Mit den obigen Definitionen ist natürlich das Wesen des F. gar nicht charakterisiert, sondern das F. ist damit nur äusserlich umschrieben. Das intellektuelle Begriffsvermögen erweist sich als unfähig, das Wesen des F. in einer begrifflichen Sprache zu formulieren, da das Denken einer dem F. inkommensurabeln Kategorie angehört, wie überhaupt keine psychologische Grundfunktion sich durch eine andere völlig ausdrücken lässt. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass keine intellektuelle Definition jemals in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in einem irgend genügenden Masse wiederzugeben. Damit, dass die Gefühle klassifiziert werden, ist für die Erfassung ihres Wesens nichts gewonnen, denn auch die genaueste Klassifikation wird immer nur jenen intellektuell fassbaren Inhalt angeben können, an welchem oder mit welchem verbunden, Gefühle auftreten, ohne aber das Spezifische des Gefühls damit erfasst zu haben. So viele verschiedene und intellektuell erfassbare Inhaltsklassen es gibt, so viele Gefühle lassen sich unterscheiden, ohne dass damit aber die Gefühle selber erschöpfend klassifiziert wären, denn es gibt über alle möglichen intellektuell erfassbaren Klassen von Inhalten hinaus noch Gefühle, welche sich einer intellektuellen Rubrizierung entziehen. Schon der Gedanke einer Klassifizierung ist intellektuell und darum dem Wesen des Gefühls incommensurabel. Wir müssen uns daher damit begnügen, die Grenzen des Begriffes anzugeben.
Die Art der Bewertung durch das F. ist der intellektuellen Apperception zu vergleichen, als eine Apperception des Wertes. Es lässt sich eine aktive und eine passive Gefühlsapperception unterscheiden. Der passive Fühlakt ist dadurch charakterisiert, dass ein Inhalt das Gefühl erregt oder anzieht, er erzwingt die Gefühlsbeteiligung des Subjektes. Der aktive Fühlakt dagegen erteilt vom Subjekt aus Werte, er bewertet die Inhalte nach Intention, und zwar nach gefühlsmässiger und nicht intellektueller Intention. Das aktive F. ist daher eine gerichtete Funktion, eine Willenshandlung, z. B. Lieben im Gegensatz zu Verliebtsein, welch letzterer Zustand ein nichtgerichtetes, passives F. wäre, wie auch schon der Sprachgebrauch zeigt, indem er ersteres als Tätigkeit, letzteres als Zustand bezeichnet. Das nichtgerichtete F. ist Gefühlsintuition. In strengerem Sinne darf also nur das aktive, gerichtete F. als rational bezeichnet werden, dagegen ist das passive F. irrational, insofern es Werte herstellt ohne Zutun, eventuell sogar gegen die Absicht des Subjektes.
Orientiert sich die Gesamteinstellung des Individuums nach der Funktion des F., so sprechen wir von einem Fühltypus (s. [Typen]).
23. Funktion. Unter psychologischer F. verstehe ich eine gewisse, unter verschiedenen Umständen sich prinzipiell gleichbleibende psychische Tätigkeitsform. Energetisch betrachtet ist die F. eine Erscheinungsform der [Libido] (s. d.), die unter verschiedenen Umständen sich prinzipiell gleichbleibt, etwa in ähnlicher Weise, wie die physikalische Kraft als die jeweilige Erscheinungsform der physikalischen Energie betrachtet werden kann. Ich unterscheide im ganzen vier Grundfunktionen, zwei rationale und zwei irrationale F., nämlich Denken und Fühlen, Empfinden und Intuieren. Warum ich gerade die vier F. als Grundfunktionen anspreche, dafür kann ich keinen Grund a priori angeben, sondern nur hervorheben, dass sich mir diese Auffassung im Laufe jahrelanger Erfahrung herausgebildet hat. Ich unterscheide diese F. von einander, weil sie sich nicht auf einander beziehen, resp. reduzieren lassen. Das Prinzip des Denkens z. B. ist vom Prinzip des Fühlens absolut verschieden usw. Ich unterscheide diese F. prinzipiell vom Phantasieren, weil mir das Phantasieren als eine eigentümliche Tätigkeitsform erscheint, die sich in allen vier Grund-F. zeigen kann. Der Wille erscheint mir als eine durchaus sekundäre psychische Erscheinung, ebenso die Aufmerksamkeit.
24. Gedanke. G. ist der durch die Analyse des Denkens bestimmte Inhalt oder Stoff der [Denkfunktion] (s. d.).
25. Gefühl. G. ist der durch die Analyse des Fühlens bestimmte Inhalt oder Stoff der [Fühlfunktion] (s. d.).
26. Ich. Unter „Ich“ verstehe ich einen Komplex von Vorstellungen, der mir das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ausmacht und mir von hoher Kontinuität und Identität mit sich selber zu sein scheint. Ich spreche daher auch von Ich-Komplex[355]. Der I.-Komplex ist ein Inhalt des Bewusstseins sowohl, wie eine Bedingung des [Bewusstseins] (s. d.), denn bewusst ist mir ein psychisches Element, insofern es auf den I.-Komplex bezogen ist. Insofern aber das I. nur das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ist, ist es nicht identisch mit dem Ganzen meiner Psyche, sondern bloss ein Komplex unter andern Komplexen. Ich unterscheide daher zwischen Ich und Selbst, insofern das I. nur das Subjekt meines Bewusstseins, das Selbst aber das Subjekt meiner gesamten, also auch der unbewussten Psyche ist. In diesem Sinne wäre das Selbst eine (ideelle) Grösse, die das I. in sich begreift. Das Selbst erscheint in der unbewussten Phantasie gerne als übergeordnete oder ideale Persönlichkeit, etwa wie Faust bei Goethe und Zarathustra bei Nietzsche. Um der Idealität willen wurden die archaïschen Züge des Selbst auch etwa als vom „höhern“ Selbst getrennt dargestellt, bei Goethe in Gestalt des Mephisto, bei Spitteler in Gestalt des Epimetheus, in der christlichen Psychologie als Christus und der Teufel oder Antichrist, bei Nietzsche entdeckt Zarathustra seinen Schatten im „hässlichsten Menschen“.
27. Idee. Ich gebrauche in dieser Arbeit bisweilen den Begriff der I., um damit ein gewisses psychologisches Element zu bezeichnen, welches eine nahe Beziehung hat zu dem, was ich [Bild] (s. d.) nenne. Das Bild kann persönlicher oder unpersönlicher Provenienz sein. In letzterm Fall ist es collektiv und durch mythologische Qualitäten ausgezeichnet. Ich bezeichne es dann als urtümliches Bild. Hat es dagegen keinen mythologischen Charakter, d. h. fehlen ihm die anschaulichen Qualitäten und ist es bloss collektiv, dann spreche ich von einer I. Ich gebrauche demnach I. als einen Ausdruck für den Sinn eines urtümlichen Bildes, welcher von dem Concretismus des Bildes abgezogen, abstrahiert, wurde. Insofern die I. eine Abstraktion ist, erscheint sie als etwas aus Elementarerem Abgeleitetes oder Entwickeltes, als ein Produkt des Denkens. In diesem Sinne eines Sekundären und Abgeleiteten wird die I. von Wundt[356] und andern aufgefasst. Insofern aber die I. nichts anderes ist, als der formulierte Sinn eines urtümlichen Bildes, in welchem er schon symbolisch dargestellt war, ist das Wesen der I. nichts Abgeleitetes oder Hervorgebrachtes, sondern, psychologisch betrachtet, a priori vorhanden, als eine gegebene Möglichkeit von Gedankenverbindungen überhaupt. Daher ist die I. dem Wesen (nicht der Formulierung) nach eine a priori existierende und bedingende psychologische Grösse. In diesem Sinn ist die Idee bei Platon ein Urbild der Dinge, bei Kant das „Urbild des Gebrauchs des Verstandes“, ein transscendenter Begriff, der als solcher die Grenze der Erfahrbarkeit überschreitet[357], ein Vernunftbegriff, „dessen Gegenstand gar nicht in der Erfahrung kann angetroffen werden“.[358] Kant sagt: „Ob wir nun gleich von den transscendentalen Vernunftbegriffen sagen müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für überflüssig und nichtig anzusehen haben. Denn wenn schon dadurch kein Objekt bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde und unbemerkt dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr erkennt, als er nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen: dass sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen Übergang möglich machen und den moralischen Ideen selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang mit den spekulativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen können.“[359]
Schopenhauer sagt: „Ich verstehe also unter Idee jede bestimmte und feste Stufe der Objektivation des Willens, sofern er Ding an sich und daher der Vielheit fremd ist, welche Stufen sich zu den einzelnen Dingen allerdings verhalten, wie ihre ewigen Formen oder ihre Musterbilder.“[360] Bei Schopenhauer ist die Idee allerdings anschaulich, weil er sie ganz im Sinne dessen auffasst, was ich als urtümliches Bild bezeichne, immerhin ist sie für das Individuum unerkennbar, sie offenbart sich nur dem „reinen Subjekt des Erkennens“, das sich über Wollen und Individualität erhoben hat.[361]