Hegel hypostasiert die I. völlig und verleiht ihr das Attribut des allein realen Seins. Sie ist „der Begriff, die Realität des Begriffes und die Einheit beider“.[362] Sie ist „ewiges Erzeugen“.[363]
Bei Lasswitz ist die I. ein „Gesetz, welches die Richtung anweist, in der unsere Erfahrung sich entwickeln soll“. Sie ist die „sicherste und höchste Realität“.[364]
Bei Cohen ist die I. das „Selbstbewusstsein des Begriffes“, die „Grundlegung“ des Seins.[365]
Ich will die Zeugnisse für die primäre Natur der I. nicht vermehren. Die Anführungen mögen genügen, um darzutun, dass die I. auch als eine grundlegende, a priori vorhandene Grösse aufgefasst wird. Diese letztere Qualität hat sie von ihrer Vorstufe, dem urtümlichen, symbolischen [Bild] (s. d.). Ihre sekundäre Natur des Abstrakten und Abgeleiteten hat sie von der rationalen Bearbeitung, welcher das urtümliche Bild unterworfen wird, um es für den rationalen Gebrauch geschickt zu machen. Indem das urtümliche Bild eine stets und überall autochthon wiedererstehende psychologische Grösse ist, so kann in einem gewissen Sinne dasselbe auch von der I. gesagt werden, jedoch unterliegt sie, ihrer rationalen Natur wegen, weit mehr der Veränderung durch die durch Zeit und Umstände stark beeinflusste rationale Bearbeitung, die ihr Formulierungen gibt, welche dem jeweiligen Zeitgeist entsprechen. Wegen ihrer Abstammung vom urtümlichen Bild sprechen ihr einige Philosophen transscendente Qualität zu, was eigentlich der I. wie ich sie fasse, nicht zukommt, sondern vielmehr dem urtümlichen Bilde, dem die Qualität der Zeitlosigkeit anhaftet, indem es von jeher und überall als integrierender Bestandteil dem menschlichen Geiste mitgegeben ist. Ihre Qualität der Selbständigkeit bezieht sie ebenfalls vom urtümlichen Bild, das nie gemacht, sondern stets vorhanden ist und aus sich in die Wahrnehmung tritt, sodass man auch sagen könnte, dass es von sich aus nach seiner Verwirklichung strebe, indem es vom Geiste als aktiv bestimmende Potenz empfunden wird. Diese Anschauung ist allerdings nicht allgemein, sondern ist vermutlich Angelegenheit der Einstellung. (S. [Kap. VII].)
Die I. ist eine psychologische Grösse, die nicht nur das Denken, sondern auch als praktische Idee das Fühlen bestimmt. Ich gebrauche den Terminus I. allerdings meist nur dann, wenn ich von der Bestimmung des Denkens beim Denkenden rede; ebenso würde ich von I. sprechen bei der Bestimmung des Fühlens beim Fühlenden. Hingegen ist es terminologisch am Platze, von der Bestimmung durch das urtümliche Bild zu reden, wenn es sich um die a priorische Bestimmung einer nicht-differenzierten Funktion handelt. Die Doppelnatur der I. als etwas Primärem und zugleich Sekundärem bringt es mit sich, dass der Ausdruck gelegentlich promiscuë mit „urtümlichem Bild“ gebraucht wird. Die I. ist für die introvertierte Einstellung das primum movens, für die extravertierte Einstellung ein Produkt.
28. Identifikation. Unter I. ist ein psychologischer Vorgang verstanden, bei dem die Persönlichkeit teilweise oder total von sich selbst dissimiliert (s. [Assimilation]) wird. I. ist eine Entfremdung des Subjektes von sich selber zu Gunsten eines Objektes, in das sich das Subjekt gewissermassen verkleidet. I. mit dem Vater z. B. bedeutet praktisch eine Adoption der Art und Weise des Vaters, wie wenn der Sohn dem Vater gleich wäre und nicht eine vom Vater verschiedene Individualität. I. unterscheidet sich von Imitation dadurch, dass die I. eine unbewusste Imitation ist, während Imitation ein bewusstes Nachahmen ist. Die Imitation ist ein unerlässliches Hilfsmittel für die sich noch entwickelnde jugendliche Persönlichkeit. Sie wirkt fördernd, solange sie nicht als Mittel blosser Bequemlichkeit dient und damit die Entwicklung einer passenden individuellen Methode verhindert. Ebenso kann die I. fördernd sein, solange der individuelle Weg noch nicht gangbar ist. Eröffnet sich aber eine bessere individuelle Möglichkeit, so beweist die I. ihren pathologischen Charakter dadurch, dass sie nunmehr ebenso hinderlich ist, wie sie vorher unbewusst tragend und fördernd war. Sie wirkt dann dissociierend, indem das Subjekt durch sie in zwei einander fremde Persönlichkeitsteile zerspalten wird. Die I. bezieht sich nicht immer auf Personen, sondern auch auf Sachen (z. B. auf eine geistige Bewegung, ein Geschäft etc.) und auf psychologische Funktionen. Letzterer Fall ist sogar besonders wichtig. (Vergl. [Kap. II].) In diesem Fall führt die I. zur Ausbildung eines sekundären Charakters und zwar dadurch, dass sich das Individuum mit seiner am besten entwickelten Funktion dermassen identifiziert, dass es sich von seiner ursprünglichen Charakteranlage zum grossen Teil oder gänzlich entfernt, wodurch seine eigentliche Individualität dem Unbewussten verfällt. Dieser Fall bildet fast die Regel bei allen Menschen mit einer differenzierten Funktion. Er ist sogar ein notwendiger Durchgangspunkt auf dem Wege der Individuation überhaupt. Die I. mit den Eltern oder den nächsten Familienangehörigen ist zum Teil eine normale Erscheinung, insofern sie zusammenfällt mit der a priori bestehenden familiären Identität. In diesem Fall empfiehlt es sich, nicht von I. zu reden, sondern, wie es der Sachlage entspricht, von Identität. Die I. mit den Familienangehörigen unterscheidet sich nämlich dadurch von der Identität, dass sie keine a priori gegebene Tatsache ist, sondern erst sekundär entsteht durch folgenden Prozess: das aus der ursprünglichen familiären Identität sich herausentwickelnde Individuum stösst in seinem Anpassungs- und Entwicklungsprozess auf ein nicht ohne weiteres zu bewältigendes Hindernis, infolgedessen entsteht eine Libidostauung, welche allmählich einen regressiven Ausweg sucht. Durch die Regression werden frühere Zustände wiederbelebt, u. a. die familiäre Identität. Diese regressiv wiederbelebte, eigentlich schon fast überwundene Identität ist die I. mit den Familienangehörigen. Alle I. mit Personen erfolgen auf diesem Wege. Die I. verfolgt immer den Zweck, auf die Art und Weise des andern einen Vorteil zu erreichen oder ein Hindernis zu beseitigen oder eine Aufgabe zu lösen.
29. Identität. Von I. spreche ich im Falle eines psychologischen Gleichseins. Die I. ist immer ein unbewusstes Phänomen, denn ein bewusstes Gleichsein würde immer schon das Bewusstsein zweier Dinge, die einander gleich sind, mithin also eine Trennung von Subjekt und Objekt voraussetzen, wodurch das Phänomen der I. bereits aufgehoben wäre. Die psychologische I. setzt ihr Unbewusstsein voraus. Sie ist ein Charakteristicum der primitiven Mentalität und die eigentliche Grundlage der „participation mystique“, welche nämlich nichts anderes ist, als ein Überbleibsel der uranfänglichen psychologischen Ununterschiedenheit von Subjekt und Objekt, also des primordialen unbewussten Zustandes; sodann ist sie ein Charakteristikum des früh-infantilen Geisteszustandes, und schliesslich ist sie auch ein Charakteristikum des Unbewussten beim erwachsenen Kulturmenschen, das, insofern es nicht zum Bewusstseinsinhalt geworden ist, dauernd im Zustand der I. mit den Objekten verharrt. Auf der I. mit den Eltern beruht die [Identifikation] (s. d.) mit den Eltern; ebenso beruht auf ihr die Möglichkeit der [Projektion] und der [Introjektion] (s. d.). Die I. ist in erster Linie ein unbewusstes Gleichsein mit den Objekten. Sie ist keine Gleichsetzung, keine Identifikation, sondern ein a priorisches Gleichsein, das überhaupt nie Gegenstand des Bewusstseins war. Auf der I. beruht das naive Vorurteil, dass die Psychologie des einen gleich sei der des andern, dass überall dieselben Motive gälten, dass, was mir angenehm ist, selbstverständlich für den andern auch ein Vergnügen sei, dass, was für mich unmoralisch ist, für den andern auch unmoralisch sein müsse, etc. Auf I. beruht auch das allgemein verbreitete Streben, am andern das verbessern zu wollen, was man bei sich selber ändern sollte. Auf I. beruht ferner die Möglichkeit der Suggestion und der psychischen Ansteckung. Besonders klar tritt die I. hervor in pathologischen Fällen, z. B. im paranoischen Beziehungswahn, wo beim andern selbstverständlich der eigene subjektive Inhalt vorausgesetzt wird. Die I. ist aber auch die Möglichkeit eines bewussten Collektivismus, einer bewussten sozialen Einstellung, die im Ideal der christlichen Nächstenliebe ihren höchsten Ausdruck gefunden hat.
30. Individualität. Unter I. verstehe ich die Eigenart und Besonderheit des Individuums in jeder psychologischen Hinsicht. Individuell ist alles, was nicht collektiv ist, was also nur Einem zukommt und nicht einer grössern Gruppe von Individuen. Von den psychologischen Elementen wird sich kaum I. aussagen lassen, sondern wohl nur von ihrer eigenartigen und einzigartigen Gruppierung und Kombination. (S. [Individuum].)
31. Individuation. Der Begriff der I. spielt in unserer Psychologie keine geringe Rolle. Die I. ist allgemein der Vorgang der Bildung und Besonderung von Einzelwesen, speziell die Entwicklung des psychologischen Individuums als eines vom allgemeinen, von der Collektivpsychologie unterschiedenen Wesens. Die I. ist daher ein Differenzierungsprozess, der die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit zum Ziele hat. Die Notwendigkeit der I. ist insofern eine natürliche, als eine Verhinderung der I. durch überwiegende oder gar ausschliessliche Normierung an Collektivmasstäben eine Beeinträchtigung der individuellen Lebenstätigkeit bedeutet. Die Individualität ist aber schon physisch und physiologisch gegeben und drückt sich dementsprechend auch psychologisch aus. Eine wesentliche Behinderung der Individualität bedeutet daher eine künstliche Verkrüppelung. Es ist ohne weiteres klar, dass eine soziale Gruppe, die aus verkrüppelten Individuen besteht, keine gesunde und auf die Dauer lebensfähige Institution sein kann, denn nur diejenige Societät, welche ihren innern Zusammenhang und ihre Collektivwerte bei grösstmöglicher Freiheit des Einzelnen bewahren kann, hat eine Anwartschaft auf dauerhafte Lebendigkeit. Da das Individuum nicht nur Einzelwesen ist, sondern auch collektive Beziehung zu seiner Existenz voraussetzt, so führt auch der Prozess der I. nicht in die Vereinzelung, sondern in einen intensivern und allgemeinern Collektivzusammenhang.