Der psychologische Vorgang der I. ist eng verknüpft mit der sogen. transscendenten Funktion, indem durch diese Funktion die individuellen Entwicklungslinien gegeben werden, welche auf dem durch Collektivnormen vorgezeichneten Wege niemals erreicht werden können. (s. [Symbol].)
Die I. kann unter keinen Umständen das einzige Ziel der psychologischen Erziehung sein. Bevor die I. zum Ziele genommen werden kann, muss das Erziehungsziel der Anpassung an das zur Existenz notwendige Minimum von Collektivnormen erreicht sein: eine Pflanze, die zur grösstmöglichen Entfaltung ihrer Eigentümlichkeit gebracht werden soll, muss zu allererst in dem Boden, in den sie gepflanzt ist, auch wachsen können. Die I. befindet sich immer mehr oder weniger im Gegensatz zur Collektivnorm, denn sie ist Abscheidung und Differenzierung vom Allgemeinen und Herausbildung des Besondern, jedoch nicht einer gesuchten Besonderheit, sondern einer Besonderheit, die a priori schon in der Anlage begründet ist. Der Gegensatz zur Collektivnorm ist aber nur ein scheinbarer, indem bei genauerer Betrachtung der individuelle Standpunkt nicht gegensätzlich zur Collektivnorm, sondern nur anders orientiert ist. Der individuelle Weg kann auch gar nicht eigentlich ein Gegensatz zur Collektivnorm sein, weil der Gegensatz zu letzterer nur eine entgegengesetzte Norm sein könnte. Der individuelle Weg ist aber eben niemals eine Norm. Eine Norm entsteht aus der Gesamtheit individueller Wege und hat nur dann eine Existenzberechtigung und eine lebenfördernde Wirkung, wenn individuelle Wege, die sich von Zeit zu Zeit an einer Norm orientieren wollen, überhaupt vorhanden sind. Eine Norm dient zu nichts, wenn sie absolute Geltung hat. Ein wirklicher Konflikt mit der Collektivnorm entsteht nur dann, wenn ein individueller Weg zur Norm erhoben wird, was die eigentliche Absicht des extremen Individualismus ist. Diese Absicht ist natürlich pathologisch und durchaus lebenswidrig. Sie hat demgemäss nichts mit I. zu tun, welch letztere zwar den individuellen Nebenweg einschlägt, eben deshalb auch die Norm braucht zur Orientierung der Gesellschaft gegenüber und zur Herstellung des lebensnotwendigen Zusammenhanges der Individuen in der Societät. Die I. führt daher zu einer natürlichen Wertschätzung der Collektivnormen, während einer ausschliesslich collektiven Lebensorientierung die Norm in zunehmendem Masse überflüssig wird, wodurch die eigentliche Moralität zu Grunde geht. Je stärker die collektive Normierung des Menschen, desto grösser ist seine individuelle Immoralität. Die I. fällt zusammen mit der Entwicklung des Bewusstseins aus dem ursprünglichen Identitätszustand (s. [Identität]). Die I. bedeutet daher eine Erweiterung der Sphäre des Bewusstseins und des bewussten psychologischen Lebens.
32. Individuum. I. ist Einzelwesen; das psychologische I. ist charakterisiert durch seine eigenartige und in gewisser Hinsicht einmalige Psychologie. Die Eigenart der individuellen Psyche erscheint weniger an ihren Elementen als vielmehr an ihren komplexen Gebilden. Das (psychologische) I. oder die psychologische Individualität existiert unbewusst a priori, bewusst aber nur in soweit, als ein Bewusstsein der Eigenart vorhanden ist, d. h. insoweit eine bewusste Verschiedenheit von andern I. vorhanden ist. Mit der physischen ist auch die psychische Individualität als Korrelat gegeben, jedoch, wie gesagt, zunächst unbewusst. Es bedarf eines bewussten Differenzierungsprozesses, der [Individuation] (s. d.), um die Individualität bewusst zu machen, d. h. sie aus der Identität mit dem Objekt herauszuheben. Die Identität der Individualität mit dem Objekt ist gleichbedeutend mit ihrem Unbewusstsein. Ist die Individualität unbewusst, so ist kein psychologisches I. vorhanden, sondern bloss eine Collektivpsychologie des Bewusstseins. In diesem Fall erscheint die unbewusste Individualität als identisch mit dem Objekt, projiziert auf das Objekt. Das Objekt hat infolgedessen einen zu grossen Wert und wirkt zu stark determinierend.
33. Intellekt. I. nenne ich das gerichtete [Denken] (s. d.).
34. Introjektion. I. wurde von Avenarius[366] als ein der Projektion entsprechender Terminus eingeführt. Die damit gemeinte Hineinverlegung eines subjektiven Inhaltes in ein Objekt wird aber ebenso gut auch durch den Begriff der Projektion ausgedrückt, weshalb für diesen Vorgang der Terminus „Projektion“ beizubehalten wäre. Ferenczi hat nun den Begriff der I. als im Gegensatz zu „Projektion“ definiert, nämlich als eine Einbeziehung des Objektes in den subjektiven Interessenkreis, während „Projektion“ eine Hinausverlegung subjektiver Inhalte in das Objekt bedeutet.[367] „Während der Paranoische die unlustvoll gewordenen Regungen aus dem Ich hinaus verdrängt, hilft sich der Neurotiker auf die Art, dass er einen möglichst grossen Teil der Aussenwelt in das Ich aufnimmt und zum Gegenstand unbewusster Phantasien macht.“ Ersterer Mechanismus ist Projektion, letzterer I. Die I. ist eine Art „Verdünnungsprozess“, eine „Ausweitung des Interessenkreises“. Nach Ferenczi ist die I. auch ein normaler Vorgang. Psychologisch ist die I. also ein [Assimilationsvorgang] (s. d.); während die Projektion ein Dissimilationsvorgang ist. Die I. bedeutet eine Angleichung des Objektes an das Subjekt, die Projektion dagegen eine Unterscheidung des Objektes vom Subjekt vermittelst eines aufs Objekt verlegten subjektiven Inhaltes. Die I. ist ein Extraversionsvorgang, indem zur Angleichung des Objektes eine Einfühlung, überhaupt eine Besetzung des Objektes nötig ist. Man kann eine passive und eine aktive I. unterscheiden; zu ersteren Formen gehören die Übertragungsvorgänge bei der Behandlung von Neurosen, überhaupt alle Fälle, wo das Objekt eine unbedingte Anziehung auf das Subjekt ausübt; zur letzteren Form gehört die Einfühlung als Anpassungsvorgang.
35. Introversion. I. heisst Einwärtswendung der [Libido] (s. d.). Damit ist eine negative Beziehung des Subjektes zum Objekt ausgedrückt. Das Interesse bewegt sich nicht zum Objekt, sondern zieht sich davor zurück aufs Subjekt. Jemand, der introvertiert eingestellt ist, denkt, fühlt und handelt in einer Art und Weise, die deutlich erkennen lässt, dass das Subjekt in erster Linie motivierend ist, während dem Objekt höchstens ein sekundärer Wert zukommt. Die I. kann einen mehr intellektuellen oder mehr gefühlsmässigen Charakter haben, ebenso kann sie durch Intuition oder durch Empfindung gekennzeichnet sein. Die I. ist aktiv, wenn das Subjekt eine gewisse Abschliessung gegenüber dem Objekt will, passiv, wenn das Subjekt nicht imstande ist, die vom Objekt zurückströmende Libido wieder auf das Objekt zurückzubringen. Ist die I. habituell, so spricht man von einem introvertierten Typus (s. [Typen]).
36. Intuition (von intueri-anschauen) ist nach meiner Auffassung eine psychologische Grundfunktion (s. [Funktion]). Die I. ist diejenige psychologische Funktion, welche Wahrnehmungen auf unbewusstem Wege vermittelt. Gegenstand dieser Wahrnehmung kann Alles sein, äussere und innere Objekte oder deren Zusammenhänge. Das Eigentümliche der I. ist, dass sie weder Sinnesempfindung, noch Gefühl, noch intellektueller Schluss ist, obschon sie auch in diesen Formen auftreten kann. Bei der I. präsentiert sich irgend ein Inhalt als fertiges Ganzes, ohne dass wir zunächst fähig wären, anzugeben oder herauszufinden, auf welche Weise dieser Inhalt zustande gekommen ist. Die I. ist eine Art instinktiven Erfassens, gleichviel welcher Inhalte. Sie ist, wie die [Empfindung] (s. d.), eine [irrationale] (s. d.) Wahrnehmungsfunktion. Ihre Inhalte haben, wie die der Empfindung, den Charakter der Gegebenheit, im Gegensatz zu dem Charakter des „Abgeleiteten“, „Hervorgebrachten“ der Gefühls- und Denkinhalte. Die intuitive Erkenntnis hat daher ihren Charakter von Sicherheit und Gewissheit, der Spinoza vermochte, die „scientia intuitiva“ für die höchste Form der Erkenntnis zu halten.[368] Die I. hat diese Eigenschaft mit der Empfindung gemein, deren physische Grundlage Grund und Ursache ihrer Gewissheit ist. Ebenso beruht die Gewissheit der I. auf einem bestimmten psychischen Tatbestand, dessen Zustandekommen und Bereitsein aber unbewusst war. Die I. tritt auf in subjektiver oder objektiver Form, erstere ist eine Wahrnehmung unbewusster psychischer Tatbestände, die wesentlich subjektiver Provenienz sind, letztere eine Wahrnehmung von Tatbeständen, die auf subliminalen Wahrnehmungen am Objekte und auf durch sie veranlassten subliminalen Gefühlen und Gedanken beruhen. Es sind auch concrete und abstrakte Formen der I. zu unterscheiden, je nach dem Grade der Mitbeteiligung der Empfindung. Die concrete I. vermittelt Wahrnehmungen, welche die Tatsächlichkeit der Dinge betreffen, die abstrakte I. dagegen vermittelt die Wahrnehmung ideeller Zusammenhänge. Die concrete I. ist ein reaktiver Vorgang, indem sie aus gegebenen Tatbeständen ohne weiteres erfolgt. Die abstrakte I. dagegen benötigt, wie die abstrakte Empfindung, eines gewissen Richtungselementes, eines Willens oder einer Absicht.
Die I. ist neben der Empfindung ein Charakteristikum der infantilen und primitiven Psychologie. Sie vermittelt dem Kinde und dem Primitiven gegenüber dem stark hervortretenden Empfindungseindruck die Wahrnehmung der mythologischen Bilder, der Vorstufen der [Ideen] (s. d.). Die I. verhält sich compensierend zur Empfindung, und ist, wie die Empfindung, die Mutterstätte, von wo sich Denken und Fühlen als rationale Funktionen entwickeln. Die I. ist eine irrationale Funktion, obschon viele I. nachträglich in ihre Komponenten zerlegt werden können, und somit auch ihr Zustandekommen mit den Vernunftgesetzen in Einklang gebracht werden kann. Jemand, der seine allgemeine Einstellung nach dem Prinzip der I. also nach Wahrnehmungen über das Unbewusste orientiert, gehört zum intuitiven Typus[369] (s. [Typen]). Je nach der Verwertung der I. nach innen, ins Erkennen oder innere Anschauen oder nach aussen ins Handeln und Ausführen kann man introvertierte und extravertierte Intuitive unterscheiden. In abnormen Fällen tritt eine starke Verschmelzung mit und eine ebenso grosse Bedingtheit durch Inhalte des collektiven Unbewussten zu Tage, wodurch der intuitive Typus äusserst irrational und unbegreiflich erscheinen kann.
37. Irrational. Ich verwende diesen Begriff nicht im Sinne des Widervernünftigen, sondern im Sinne des Ausservernünftigen, nämlich dessen, was mit der Vernunft nicht zu begründen ist. Dazu gehören die elementaren Tatsachen, z. B. dass die Erde einen Mond hat, dass Chlor ein Element ist, dass Wasser bei 4° C. seine grösste Dichtigkeit erreicht usw. I. ist ferner der Zufall, obschon nachträglich seine vernünftige Kausalität nachgewiesen werden kann. Das I. ist ein Faktor des Seins, der zwar durch Komplikation der vernünftigen Erklärung immer weiter hinausgeschoben werden kann, der aber dadurch die Erklärung schliesslich dermassen kompliziert, dass sie die Fassungskraft des vernünftigen Denkens übersteigt und somit dessen Grenzen erreicht, noch bevor sie das Ganze der Welt mit dem Gesetze der Vernunft umspannt hätte. Eine völlige rationale Erklärung eines wirklich seienden Objektes (also nicht eines bloss gesetzten) ist eine Utopie oder ein Ideal. Nur ein Objekt, das gesetzt wurde, kann rational auch völlig erklärt werden, denn es ist von vornherein nicht mehr darin, als eben durch die Vernunft des Denkens gesetzt wurde. Auch die empirische Wissenschaft setzt rational beschränkte Objekte, indem sie durch beabsichtigten Ausschluss des Zufälligen das wirkliche Objekt als Ganzes nicht in Betracht kommen lässt, sondern immer nur einen für die rationale Betrachtung desselben hervorgehobenen Teil. So ist das Denken als gerichtete Funktion rational, ebenso das Fühlen. Stellen diese Funktionen aber nicht auf eine rational bestimmte Auswahl von Objekten oder Eigenschaften und Beziehungen von Objekten ab, sondern auf zufällig Wahrgenommenes, das am wirklichen Objekt niemals zu fehlen pflegt, so entbehren sie der Richtung und verlieren dadurch etwas von ihrem rationalen Charakter, weil sie Zufälliges aufnehmen. Sie werden dadurch zum Teil i. Das Denken und Fühlen, das sich nach zufälligen Wahrnehmungen richtet und deshalb eben i. ist, ist intuitives oder empfindendes Denken und Fühlen. Intuition sowohl wie Empfindung sind psychologische Funktionen, die ihre Vollkommenheit in der absoluten Wahrnehmung des überhaupt Geschehenden erreichen. Ihrem Wesen entsprechend müssen sie daher auf absolute Zufälligkeit und auf jede Möglichkeit eingestellt sein; sie müssen daher der rationalen Richtung gänzlich entbehren. Ich bezeichne sie darum als i. Funktionen, im Gegensatz zu Denken und Fühlen, als welche Funktionen sind, die ihre Vollkommenheit in einer völligen Übereinstimmung mit den Vernunftgesetzen erreichen. Obschon das I. als solches niemals der Gegenstand einer Wissenschaft sein kann, so ist es doch für eine praktische Psychologie von grossem Belang, das Moment des I. richtig eingeschätzt zu haben. Die praktische Psychologie wirft nämlich viele Probleme auf, die rational überhaupt nicht gelöst werden können, sondern eine i. Erledigung verlangen, d. h. auf einem Wege, welcher den Vernunftgesetzen nicht entspricht. Durch eine zu ausschliessliche Erwartung oder gar Überzeugung, dass für jeden Konflikt auch eine vernünftige Möglichkeit der Beilegung existieren müsse, kann eine wirkliche Lösung von i. Natur verhindert werden. (Siehe [Rational].)
38. Libido. Unter L. verstehe ich die psychische Energie.[370] Psychische Energie ist die Intensität des psychischen Vorganges, sein psychologischer Wert. Darunter ist kein erteilter Wert moralischer, ästhetischer oder intellektueller Art zu verstehen, sondern der psychologische Wert wird einfach bestimmt nach seiner determinierenden Kraft, die sich in bestimmten psychischen Wirkungen („Leistungen“) äussert. Ich verstehe unter L. auch nicht eine psychische Kraft, welches Missverständnis oftmals von Kritikern gemacht wurde. Ich hypostasiere den Energiebegriff nicht, sondern gebrauche ihn als einen Begriff für Intensitäten oder Werte. Die Frage, ob es eine spezifische, psychische Kraft gibt oder nicht, hat mit dem Begriff der L. nichts zu tun. Ich gebrauche den Ausdruck L. öfters promiscuë mit „Energie“. Die Berechtigung, die psychische Energie L. zu nennen, habe ich in den in der Fussnote angeführten Arbeiten ausführlich dargetan.