39. Machtkomplex. Mit M. bezeichne ich gelegentlich den gesamten Komplex aller jener Vorstellungen und Strebungen, welche die Tendenz haben, das Ich über andere Einflüsse zu stellen und diese dem Ich unterzuordnen, mögen diese Einflüsse von Menschen und Verhältnissen stammen, oder mögen sie von eigenen, subjektiven Trieben, Gefühlen und Gedanken herkommen.

40. Minderwertige Funktion. Unter M. F. verstehe ich jene F., welche beim Differenzierungsprozess im Rückstand bleibt. Es ist nämlich erfahrungsgemäss kaum möglich, — aus Ungunst der allgemeinen Bedingungen — dass jemand zugleich alle seine psychologischen F. zur Entwicklung bringe. Schon die sozialen Anforderungen bringen es mit sich, dass der Mensch zu allernächst und allermeist jene F. am stärksten differenziert, zu welcher er entweder von Natur aus am besten befähigt ist, oder welche ihm zu seinem sozialen Erfolge die wirksamsten Mittel leiht. Sehr häufig, fast in der Regel, identifiziert man sich auch mehr oder weniger vollständig mit der meist begünstigten und daher am weitesten entwickelten F. Daraus entstehen die psychologischen Typen. Bei der Einseitigkeit dieses Entwicklungsprozesses, bleiben eine oder mehrere Funktionen notwendigerweise in der Entwicklung zurück. Man kann sie daher passenderweise als „minderwertig“ bezeichnen und zwar in psychologischem, aber nicht in psychopathologischem Sinne, denn diese zurückgebliebenen F. sind keineswegs krankhaft, sondern nur rückständig im Vergleich zur begünstigten F. Meist, d. h. in normalen Fällen, bleibt die M. F. bewusst; in der Neurose dagegen verfällt die M. F. teilweise oder grösstenteils dem Unbewussten. In dem Masse nämlich als alle Libido der begünstigten F. zugeführt wird, entwickelt sich die M. F. regressiv, d. h. sie kehrt in ihre archaïschen Vorstadien zurück, wodurch sie inkompatibel mit der bewussten und begünstigten F. wird. Wenn eine F., die normalerweise bewusst sein sollte, dem Unbewussten verfällt, so verfällt auch die dieser F. spezifische Energie dem Unbewussten. Eine natürliche F., wie z. B. das Fühlen, besitzt eine ihr von Natur aus zukommende Energie, sie ist ein festorganisiertes lebendiges System, das unter keinen Umständen seiner Energie gänzlich zu berauben ist. Durch das Unbewusstwerden der M. F. wird ihr Energierest ins Unbewusste überführt, wodurch das Unbewusste in unnatürlicher Weise belebt wird. Daraus entstehen der archaïsch gewordenen F. entsprechende Phantasien. Eine analytische Befreiung der M. F. aus dem Unbewussten kann daher nur stattfinden durch die Heraufbringung der unbewussten Phantasiegebilde, die eben durch die unbewusst gewordene F. angeregt worden waren. Durch die Bewusstmachung dieser Phantasien wird auch die M. F. wieder zum Bewusstsein gebracht und damit der Entwicklungsmöglichkeit zugeführt.

41. Objektstufe. Unter Deutung auf der O. verstehe ich diejenige Auffassung eines Traumes oder einer Phantasie, bei der die darin auftretenden Personen oder Verhältnisse als auf Objektiv-reale Personen oder Verhältnisse bezogen werden. Dies im Gegensatz zur [Subjektstufe] (s. d.), bei der die im Traume vorkommenden Personen und Verhältnisse ausschliesslich auf subjektive Grössen bezogen werden. Die Freudsche Traumauffassung bewegt sich fast ausschliesslich auf der Objektstufe, insofern die Traumwünsche als auf reale Objekte bezüglich gedeutet oder auf Sexualvorgänge bezogen werden, die in die physiologische, also ausserpsychologische Sphäre fallen.

42. Orientierung. Als O. bezeichne ich das allgemeine Prinzip einer [Einstellung] (s. d.). Jede Einstellung orientiert sich nach einem gewissen Gesichtspunkt, ob nun dieser Gesichtspunkt bewusst sei oder nicht. Eine sogen. Machteinstellung orientiert sich nach dem Gesichtspunkt der Macht des Ich über unterdrückende Einflüsse und Bedingungen. Eine Denkeinstellung orientiert sich z. B. am logischen Prinzip als ihrem höchsten Gesetz. Eine Empfindungseinstellung orientiert sich an der sinnlichen Wahrnehmung gegebener Tatsachen.

43. „Participation mystique“. Dieser Terminus stammt von Lévy-Bruhl.[371] Es wird darunter eine eigentümliche Art einer psychologischen Verbundenheit mit dem Objekt verstanden. Sie besteht darin, dass das Subjekt sich nicht klar vom Objekt unterscheiden kann, sondern mit diesem durch eine unmittelbare Beziehung, die man als partielle Identität bezeichnen kann, verbunden ist. Diese Identität beruht auf einem a priorischen Einssein von Objekt und Subjekt. Die P. m. ist daher ein Überbleibsel dieses Urzustandes. Sie betrifft nicht das Ganze der Beziehung von Subjekt und Objekt, sondern nur gewisse Fälle, in denen das Phänomen dieser eigenartigen Bezogenheit auftritt. Die P. m. ist natürlich eine Erscheinung, die am besten bei den Primitiven zu beobachten ist; sie ist jedoch auch beim Kulturmenschen sehr häufig, wenn auch nicht in derselben Ausdehnung und Intensität vorhanden. In der Regel findet sie beim Kulturmenschen statt zwischen Personen, seltener zwischen einer Person und einer Sache. Im erstern Fall ist sie ein sogen. Übertragungsverhältnis, bei welchem dem Objekt (in der Regel) eine gewissermassen magische, d. h. unbedingte Wirkung auf das Subjekt zukommt. In letzterm Fall handelt es sich entweder um ähnliche Wirkungen einer Sache oder um eine Art von Identifikation mit einer Sache oder der Idee derselben.

44. Phantasie. Unter P. verstehe ich zwei verschiedene Dinge, nämlich 1. das Phantasma und 2. die imaginative Tätigkeit. Es geht aus dem Text meiner Arbeit hervor, was jeweils mit dem Ausdruck P. gemeint ist. Unter P. als Phantasma verstehe ich einen Vorstellungskomplex, welcher sich vor andern Vorstellungskomplexen dadurch auszeichnet, dass ihm kein äusserlich realer Sachverhalt entspricht. Obschon eine P. ursprünglich auf Erinnerungsbildern wirklich stattgehabter Erlebnisse beruhen kann, so entspricht doch ihr Inhalt keiner äussern Realität, sondern ist wesentlich nur der Ausfluss der schöpferischen Geistestätigkeit, eine Betätigung oder ein Produkt der Kombination energiebesetzter psychischer Elemente. Insofern die psychische Energie einer willkürlichen Richtung unterworfen werden kann, kann auch die P. bewusst und willkürlich hervorgebracht werden, entweder als Ganzes oder wenigstens als Teil. Im erstern Fall ist sie dann nichts anderes als eine Kombination bewusster Elemente. Jedoch ist dieser Fall nur ein künstliches und theoretisch bedeutsames Experiment. In der Wirklichkeit der alltäglichen psychologischen Erfahrung ist die P. meistens entweder durch eine erwartende, intuitive Einstellung ausgelöst oder sie ist eine Irruption unbewusster Inhalte ins Bewusstsein. Man kann aktive und passive P. unterscheiden; erstere sind veranlasst durch Intuition, d. h. durch eine auf Wahrnehmung unbewusster Inhalte gerichtete Einstellung, wobei die Libido alle aus dem Unbewussten auftauchenden Elemente sofort besetzt und durch Association paralleler Materialien zur Höhe der Klarheit und Anschaulichkeit bringt; letztere treten ohne vorgehende und begleitende intuitive Einstellung von vornherein in anschaulicher Form auf bei völlig passiver Einstellung des erkennenden Subjektes. Diese P. gehören zu den psychischen „Automatismes“ (Janet). Diese letzteren P. können natürlich nur bei einer relativen Dissociation der Psyche vorkommen, denn ihr Zustandekommen setzt voraus, dass ein wesentlicher Energiebetrag sich der bewussten Kontrolle entzogen und unbewusste Materialien besetzt hat. So setzt die Vision des Saulus voraus, dass er unbewusst bereits ein Christ ist, was seiner bewussten Einsicht entgangen war. Die passive P. entstammt wohl immer einem im Verhältnis zum Bewusstsein gegensätzlichen Vorgang im Unbewussten, der annähernd so viel Energie auf sich vereinigt, wie die bewusste Einstellung und deshalb auch befähigt ist, den Widerstand letzterer zu durchbrechen.

Die aktive P. dagegen verdankt ihre Existenz nicht bloss einseitig einem intensiven und gegensätzlichen unbewussten Vorgang, sondern ebensowohl der Geneigtheit der bewussten Einstellung, die Andeutungen oder Fragmente relativ schwach betonter, unbewusster Zusammenhänge aufzunehmen und durch Associierung paralleler Elemente bis zur völligen Anschaulichkeit auszugestalten. Bei der aktiven P. handelt es sich also nicht notwendigerweise um einen dissociierten Seelenzustand, sondern vielmehr um eine positive Anteilnahme des Bewusstseins. Wenn die passive Form der P. nicht selten den Stempel des Krankhaften oder wenigstens Abnormen trägt, so gehört die aktive Form oft zu den höchsten menschlichen Geistestätigkeiten. Denn in ihr fliesst die bewusste und die unbewusste Persönlichkeit des Subjektes in ein gemeinsames und vereinigendes Produkt zusammen. Eine derart gestaltete P. kann der höchste Ausdruck der Einheit einer Individualität sein und diese letztere eben gerade durch den vollkommenen Ausdruck ihrer Einheit auch erzeugen. (Vergl. dazu Schillers Begriff der „ästhetischen Stimmung“.) Die passive P. ist in der Regel wohl nie der Ausdruck einer zur Einheit gelangten Individualität, denn sie setzt, wie gesagt, eine starke Dissociation voraus, die ihrerseits nur auf einem ebenso starken Gegensatz des Unbewussten zum Bewusstsein beruhen kann. Die aus einem solchen Zustande durch Irruption ins Bewusstsein hervorgegangene P. wird daher wohl nie der vollkommene Ausdruck einer in sich geeinten Individualität sein können, sondern vorwiegend des Standpunktes der unbewussten Persönlichkeit. Das Leben des Paulus ist ein gutes Beispiel hiefür: seine Wendung zum christlichen Glauben entsprach einem Annehmen des vorher unbewussten Standpunktes und einer Verdrängung des bisherigen antichristlichen Standpunktes, welch letzterer sich dann in seinen hysterischen Anfällen bemerkbar machte. Die passive P. bedarf daher immer einer bewussten Kritik, wenn sie nicht einseitig den Standpunkt des unbewussten Gegensatzes zur Geltung bringen soll. Die aktive P. dagegen als das Produkt einerseits einer zum Unbewussten nicht gegensätzlichen bewussten Einstellung und andererseits unbewusster Vorgänge, die sich nicht gegensätzlich, sondern bloss compensatorisch zum Bewusstsein verhalten, bedarf dieser Kritik nicht, sondern bloss des Verständnisses.

Wie beim Traume (der nichts anderes als eine passive P. ist), so ist auch bei der P. ein manifester und ein latenter Sinn zu unterscheiden. Ersterer ergibt sich aus der unmittelbaren Anschauung des P.-bildes, der unmittelbaren Aussage des phantastischen Vorstellungskomplexes. Der manifeste Sinn verdient allerdings oft kaum diesen Namen, obschon er bei der P. immer sehr viel mehr entwickelt ist, als beim Traum, was wahrscheinlich daher rühren dürfte, dass die Traum-P. in der Regel keiner besondern Energie bedarf, um sich dem schwachen Widerstand des schlafenden Bewusstseins wirksam entgegensetzen zu können, weshalb auch wenig gegensätzliche und bloss leicht compensatorische Tendenzen schon zur Wahrnehmung gelangen können. Die Wach-P. dagegen muss schon über eine beträchtliche Energie verfügen, um die von der bewussten Einstellung ausgehende Hemmung überwinden zu können. Dazu muss der unbewusste Gegensatz also schon sehr wichtig sein, um ins Bewusstsein hineingelangen zu können. Wenn er nur in vagen und schwer fassbaren Andeutungen bestände, so wäre er niemals imstande, die Aufmerksamkeit (die bewusste Libido) dermassen auf sich zu lenken, dass er den Zusammenhang der Bewusstseinsinhalte unterbrechen könnte. Der unbewusste Inhalt ist daher auf einen sehr starken innern Zusammenhang, der sich eben in einem ausgesprochenen manifesten Sinn äussert, angewiesen. Der manifeste Sinn hat immer den Charakter eines anschaulichen und concreten Vorganges, der wegen seiner objektiven Irrealität den Anspruch des Bewusstseins auf Verständnis nicht befriedigen kann. Es wird daher nach einer andern Bedeutung der P., nach einer Deutung derselben, suchen, also nach einem latenten Sinne. Obschon nun die Existenz eines latenten Sinnes der P. zunächst keineswegs sicher ist, und einer eventuellen Bestreitung der Möglichkeit eines latenten Sinnes nichts im Wege steht, so ist doch der Anspruch auf ein befriedigendes Verständnis Motiv genug für eine eingehende Nachforschung. Diese Erforschung des latenten Sinnes kann zunächst rein kausaler Natur sein, unter der Fragestellung nach den psychologischen Ursachen des Zustandekommens der P. Diese Fragestellung führt einerseits zu weiter rückwärts gelegenen Anlässen zur P. und andererseits zur Feststellung der Triebkräfte, welche energetisch für das Zustandekommen der P. verantwortlich zu machen sind. Wie bekannt, hat Freud diese Richtung besonders intensiv ausgebaut. Ich habe diese Art der Deutung als reduktive bezeichnet. Die Berechtigung einer reduktiven Auffassung ist ohne weiteres ersichtlich und ebenso ist es durchaus verständlich, wenn für ein gewisses Temperament diese Art der Deutung psychologischer Tatbestände etwas Befriedigendes hat, sodass kein Anspruch auf weiteres Verständnis mehr erhoben wird. Wenn jemand einen Hilferuf ausstösst, so ist dieses Faktum hinreichend und befriedigend erklärt, wenn nachgewiesen ist, dass der Betreffende sich momentan in Lebensgefahr befindet. Wenn jemand von vollbesetzten Tafeln träumt, und es ist nachgewiesen, dass er beim Zubettegehen an Hunger litt, so ist diese Erklärung seines Traumes befriedigend. Wenn jemand, der seine Sexualität unterdrückt, etwa ein mittelalterlicher Heiliger, sexuelle P. hat, so ist diese Tatsache durch Reduktion auf die unterdrückte Sexualität hinreichend erklärt.

Wenn wir hingegen die Vision des Petrus dadurch erklären wollten, dass wir sie etwa auf die Tatsache, dass er an Hunger gelitten und darum vom Unbewussten die Aufforderung zum Essen der unreinen Tiere erhalten hätte, oder dass das Essen der unreinen Tiere überhaupt bloss die Erfüllung eines verbotenen Wunsches bedeutet hätte, so hat eine solche Erklärung wenig Befriedigendes an sich. Ebenso kann es unsern Anspruch nicht befriedigen, wenn wir die Vision des Saulus beispielsweise auf seinen verdrängten Neid auf die Rolle, die der Christus bei seinen Volksgenossen spielte, vermöge dessen er sich mit Christus identifizierte, zurückführen wollten. Beide Erklärungen mögen etwas Wahres an sich haben, sie stehen jedoch in keinem Verhältnis zu der zeitgeschichtlich bedingten Psychologie des Petrus sowohl wie des Paulus. Diese Erklärung ist zu einfach und zu billig. Man kann die Weltgeschichte nicht als ein Problem der Physiologie oder der persönlichen chronique scandaleuse abhandeln. Dieser Standpunkt wäre zu beschränkt. Wir sind daher genötigt, unsere Auffassung vom latenten Sinn der P. bedeutend zu erweitern; zunächst in kausaler Hinsicht: die Psychologie des einzelnen ist niemals erschöpfend aus ihm selber zu erklären, sondern es muss auch klar erkannt sein, dass und wie seine individuelle Psychologie durch die zeitgeschichtlichen Umstände bedingt ist. Sie ist nicht bloss ein physiologisches, biologisches oder persönliches, sondern auch ein zeitgeschichtliches Problem. Und sodann lässt sich irgend ein psychologischer Tatbestand niemals erschöpfend aus seiner Kausalität allein erklären, indem er als lebendiges Phänomen immer in die Kontinuität des Lebensprozesses unauflöslich verknüpft ist, sodass er zwar einerseits stets ein Gewordenes, andererseits aber auch stets ein Werdendes, Schöpferisches ist. Der psychologische Moment hat ein Janusgesicht: er blickt rückwärts und vorwärts. Indem er wird, bereitet er auch das Zukünftige vor. Wenn dem nicht so wäre, so wären die Absicht, der Zweck, das Setzen von Zielen, die Vorausberechnung oder Vorausahnung psychologische Unmöglichkeiten. Wenn jemand eine Meinung äussert, und wir beziehen diesen Tatbestand lediglich darauf, dass zuvor ein anderer eine Meinung äusserte, so ist diese Erklärung praktisch ganz unzulänglich, denn wir wollen nicht bloss die Ursache dieses Tuns wissen, um es zu begreifen, sondern auch, was er damit meint, was er bezweckt und beabsichtigt, was er damit erreichen will. Wenn wir auch darum noch wissen, so geben wir uns in der Regel zufrieden. Im alltäglichen Leben fügen wir ohne weiteres und ganz instinktiv einen finalen Standpunkt der Erklärung ein; ja, wir halten sehr oft gerade den finalen Gesichtspunkt für den ausschlaggebenden unter gänzlicher Übergehung des stricte ursächlichen Momentes, offenbar in der instinktiven Anerkennung des schöpferischen Momentes des psychischen Wesens. Wenn wir in der alltäglichen Erfahrung dermassen handeln, so muss auch eine wissenschaftliche Psychologie diesem Umstand Rechnung tragen und zwar dadurch, dass sie sich nicht ausschliesslich auf den stricte kausalen Standpunkt, den sie ursprünglich von der Naturwissenschaft übernommen hat, begibt, sondern auch die finale Natur des Psychischen berücksichtigt.

Wenn nun durch die alltägliche Erfahrung die finale Orientierung der Bewusstseinsinhalte über allen Zweifel hinaus feststeht, so ist zunächst gar kein Anlass vorhanden, anzunehmen, dass dies nicht auch bei den Inhalten des Unbewussten der Fall wäre, gegenteilige Erfahrung vorbehalten. Nach meiner Erfahrung besteht nun keineswegs ein Anlass, die finale Orientierung unbewusster Inhalte zu bestreiten, im Gegenteil; die Fälle, in denen eine befriedigende Erklärung nur durch die Einführung des finalen Gesichtspunktes erreicht wird, sind recht zahlreich. Wenn wir also z. B. die Vision des Saulus in Ansehung der paulinischen Weltmission betrachten, und darum zum Schlusse kommen, dass Saulus zwar bewusst ein Christenverfolger war, unbewusst aber den christlichen Standpunkt adoptiert hatte und durch Überwiegen und Irruption des Unbewussten zum Christen gemacht wurde, weil seine unbewusste Persönlichkeit nach diesem Ziele strebte in instinktiver Erfassung der Notwendigkeit und Bedeutsamkeit dieser Tat, so erscheint mir diese Erklärung der Bedeutung dieses Tatbestandes adäquater zu sein, als eine reduktive Erklärung durch persönliche Momente, obschon letztere zweifellos in dieser oder jener Form mitbeteiligt waren, denn das „Allzumenschliche“ fehlt nirgends. Ebenso ist die in der Apostelgeschichte gegebene Andeutung einer finalen Erklärung der Petrusvision weit befriedigender als eine physiologisch-persönliche Mutmassung.