Zusammenfassend können wir also sagen, dass die P. sowohl kausal wie final zu verstehen ist. Der kausalen Erklärung erscheint sie als ein Symptom eines physiologischen oder persönlichen Zustandes, welcher das Resultat vorausgegangener Geschehnisse ist. Der finalen Erklärung dagegen erscheint die P. als ein Symbol, welches mit Hilfe der vorhandenen Materialien ein bestimmtes Ziel oder vielmehr eine gewisse zukünftige psychologische Entwicklungslinie zu kennzeichnen oder zu erfassen sucht. Weil die aktive P. das hauptsächliche Merkmal der künstlerischen Geistestätigkeit ist, so ist der Künstler nicht bloss ein Darsteller, sondern ein Schöpfer und darum ein Erzieher, denn seine Werke haben den Wert von Symbolen, welche künftige Entwicklungslinien vorzeichnen. Die beschränktere oder allgemeinere soziale Gültigkeit der Symbole hängt ab von der beschränkteren oder allgemeineren Lebensfähigkeit der schöpferischen Individualität. Je abnormer, d. h. je lebensunfähiger die Individualität ist, desto beschränktere soziale Gültigkeit haben die durch sie hervorgebrachten Symbole, wenn schon die Symbole für die betreffende Individualität von absoluter Bedeutung sind. Man kann die Existenz des latenten Sinnes der P. nur dann bestreiten, wenn man auch der Ansicht ist, dass ein Naturvorgang überhaupt eines befriedigenden Sinnes entbehre. Die Naturwissenschaft hat indes den Sinn des Naturvorganges in Form der Naturgesetze herausgehoben. Die Naturgesetze sind zugestandenermassen menschliche Hypothesen, aufgestellt zur Erklärung des Naturvorganges. In dem Masse aber, als es sicher gestellt ist, dass das aufgestellte Gesetz mit dem objektiven Vorgang übereinstimmt, sind wir berechtigt von einem Sinn des Naturgeschehens zu reden. In dem Masse nun, indem es uns gelingt, eine Gesetzmässigkeit der P. aufzuweisen, sind wir auch berechtigt, von einem Sinn derselben zu reden. Der aufgefundene Sinn ist aber nur dann befriedigend, oder mit andern Worten: die nachgewiesene Gesetzmässigkeit verdient nur dann diesen Namen, wenn sie das Wesen der P. adäquat wiedergibt. Es gibt eine Gesetzmässigkeit am Naturvorgang und eine Gesetzmässigkeit des Naturvorganges. Es ist zwar gesetzmässig, dass man träumt, wenn man schläft; das ist aber keine Gesetzmässigkeit, welche etwas über das Wesen des Traumes aussagt. Es ist eine blosse Bedingung des Traumes. Der Nachweis einer physiologischen Quelle der P. ist eine blosse Bedingung ihres Vorhandenseins, aber kein Gesetz ihres Wesens. Das Gesetz der P. als eines psychologischen Phänomens kann nur ein psychologisches sein.

Wir gelangen nun zum zweiten Punkte unserer Erklärung des Begriffes der P., nämlich zum Begriff der imaginativen Tätigkeit. Die Imagination ist die reproduktive oder schöpferische Tätigkeit des Geistes überhaupt, ohne ein besonderes Vermögen zu sein, denn sie kann sich in allen Grundformen des psychischen Geschehens abspielen, im Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren. Die P. als imaginative Tätigkeit ist für mich einfach der unmittelbare Ausdruck der psychischen Lebenstätigkeit, der psychischen Energie, die dem Bewusstsein nicht anders als in Form von Bildern oder Inhalten gegeben ist, wie auch die physische Energie nicht anders in Erscheinung tritt, denn als physischer Zustand, der die Sinnesorgane auf physischem Wege reizt. Wie jeder physische Zustand — energetisch betrachtet — nichts anderes ist als ein Kräftesystem, so ist auch ein psychischer Inhalt nichts anderes — wenn energetisch betrachtet — als ein dem Bewusstsein erscheinendes Kräftesystem. Man kann daher von diesem Standpunkt aus sagen, dass die P. als Phantasma nichts anderes sei als ein bestimmter Libidobetrag, der dem Bewusstsein niemals anders erscheinen kann, als eben in der Form eines Bildes. Das Phantasma ist eine „idée-force“. Das Phantasieren als imaginative Tätigkeit ist identisch mit dem Ablauf des psychischen Energieprozesses.

45. Projektion. P. bedeutet die Hinauslegung eines subjektiven Vorganges in ein Objekt. (Dies im Gegensatz zur [Introjektion] (s. d.).) Die P. ist demnach ein Dissimilationsvorgang, indem ein subjektiver Inhalt dem Subjekt entfremdet und gewissermassen dem Objekt einverleibt wird. Es sind ebenso wohl peinliche, inkompatible Inhalte, deren sich das Subjekt durch P. entledigt, wie auch positive Werte, die dem Subjekt aus irgend welchen Gründen, z. B. infolge Selbstunterschätzung, unzugänglich sind. Die P. beruht auf der archaïschen [Identität] (s. d.) von Subjekt und Objekt, ist aber erst dann als P. zu bezeichnen, wenn die Notwendigkeit der Auflösung der Identität mit dem Objekt eingetreten ist. Diese Notwendigkeit tritt ein, wenn die Identität störend wird, d. h. wenn durch die Abwesenheit des projizierten Inhaltes die Anpassung wesentlich beeinträchtigt und deshalb die Zurückbringung des projizierten Inhaltes ins Subjekt wünschenswert wird. Von diesem Moment an erhält die bisherige partielle Identität den Charakter der P. Der Ausdruck P. bezeichnet daher einen Identitätszustand, der merkbar und dadurch Gegenstand der Kritik geworden ist, sei es der eigenen Kritik des Subjektes, sei es der Kritik eines andern.

Man kann eine passive und eine aktive P. unterscheiden. Erstere Form ist die gewöhnliche Form aller pathologischen und vieler normalen P., welche keiner Absicht entspringen, sondern lediglich automatisches Geschehen sind. Letztere Form findet sich als wesentlicher Bestandteil des Einfühlungsaktes. Die [Einfühlung] (s. d.) ist zwar als Ganzes ein Introjektionsprozess, indem sie dazu dient, das Objekt in eine intime Beziehung zum Subjekt zu bringen. Um diese Beziehung herzustellen, trennt das Subjekt einen Inhalt, z. B. ein Gefühl, von sich ab, versetzt es ins Objekt, es damit belebend, und bezieht auf diese Weise das Objekt in die subjektive Sphäre ein. Die aktive Form der P. findet sich aber auch als Urteilsakt, der eine Trennung von Subjekt und Objekt bezweckt. In diesem Fall wird ein subjektives Urteil als gültiger Sachverhalt vom Subjekt abgetrennt und ins Objekt versetzt, wodurch das Subjekt sich vom Objekt absetzt. Die P. ist demnach ein Introversionsvorgang, indem sie im Gegensatz zur Introjektion keine Einbeziehung und Angleichung, sondern eine Unterscheidung und Abtrennung des Subjektes vom Objekt herbeiführt. Sie spielt daher eine Hauptrolle bei der Paranoia, welche in der Regel zu einer totalen Isolierung des Subjektes führt.

46. Rational. Das R. ist das Vernünftige, der Vernunft entsprechende. Ich fasse die Vernunft als eine Einstellung auf, deren Prinzip es ist, das Denken, Fühlen und Handeln gemäss objektiven Werten zu gestalten. Die objektiven Werte stellen sich her durch die durchschnittliche Erfahrung einerseits äusserer, andererseits innerer psychologischer Tatsachen. Diese Erfahrungen könnten allerdings keine objektiven „Werte“ darstellen, wenn sie vom Subjekt als solche „bewertet“ würden, was allbereits ein Akt der Vernunft ist. Die vernünftige Einstellung, welche uns erlaubt, objektive Werte überhaupt als gültig zu erklären, ist nun aber nicht das Werk des einzelnen Subjektes, sondern der Menschheitsgeschichte. Die meisten objektiven Werte — und eben damit die Vernunft — sind seit Alters überkommene, festgefügte Vorstellungskomplexe, an deren Organisation ungezählte Jahrtausende gearbeitet haben mit derselben Notwendigkeit, mit der die Natur des lebenden Organismus überhaupt auf die durchschnittlichen und stets sich wiederholenden Bedingungen der Umwelt reagiert und ihnen entsprechende Funktionskomplexe gegenüberstellt, wie z. B. das der Natur des Lichtes vollkommen entsprechende Auge. Man könnte daher von einer präexistierenden, metaphysischen Weltvernunft sprechen, wenn nicht das der durchschnittlichen äussern Einwirkung entsprechende Reagieren des lebendigen Organismus die unerlässliche Bedingung seiner Existenz überhaupt wäre, welchen Gedanken schon Schopenhauer geäussert hat. Die menschliche Vernunft ist daher nichts anderes als der Ausdruck der Angepasstheit an das durchschnittlich Vorkommende, das sich in allmählich festorganisierten Vorstellungskomplexen, welche die objektiven Werte ausmachen, niedergeschlagen hat. Die Gesetze der Vernunft sind also diejenigen Gesetze, welche die durchschnittliche „richtige“, die angepasste Einstellung bezeichnen und regulieren. R. ist alles, was mit diesen Gesetzen übereinstimmt, [irrational] (s. d.) dagegen alles, was sich mit diesen Gesetzen nicht deckt.

R.-Funktionen sind Denken und Fühlen, insofern sie durch das Moment der Überlegung ausschlaggebend beeinflusst sind. Sie erreichen ihre Bestimmung am völligsten in einer möglichst vollkommenen Übereinstimmung mit den Vernunftgesetzen. Irrationale Funktionen dagegen sind solche, die eine reine Wahrnehmung bezwecken, wie Intuieren und Empfinden, denn sie müssen des R., welches die Ausschliessung alles Ausservernünftigen voraussetzt, so viel wie möglich entbehren, um zu einer vollständigen Wahrnehmung alles Vorkommenden gelangen zu können.

47. Reduktiv. R. bedeutet „zurückführend“. Ich gebrauche diesen Ausdruck zur Bezeichnung jener psychologischen Deutungsmethode, welche das unbewusste Produkt nicht unter dem Gesichtswinkel des symbolischen Ausdrucks, sondern als semiotisch, als Zeichen oder als Symptom eines grundliegenden Vorganges auffasst. Dementsprechend behandelt die r. Methode das unbewusste Produkt im Sinne einer Zurückführung auf die Elemente, auf die Grundvorgänge, seien sie nun Reminiszenzen an wirklich stattgehabte Ereignisse oder seien sie elementare, die Psyche affizierende Vorgänge. Die r. Methode ist daher rückwärts orientiert (im Gegensatz zur [construktiven Methode] (s. d.)), entweder im historischen Sinne oder im übertragenen Sinne einer Rückführung einer komplexen und differenzierten Grösse auf Allgemeineres und Elementareres. Die Freudsche, sowie die Adlersche Deutungsmethode ist r., indem beide auf elementare Wunsch- oder Strebungsvorgänge, in letzter Linie infantiler oder physiologischer Natur reduzieren. Dem unbewussten Produkt kommt dabei notwendigerweise nur der Wert eines uneigentlichen Ausdrucks zu, wofür der Terminus „[Symbol]“ (s. d.) eigentlich nicht verwendet werden sollte. Die Wirkung der Reduktion ist in Bezug auf die Bedeutung des unbewussten Produktes eine auflösende, indem es entweder auf seine historischen Vorstufen zurückgeführt und dadurch vernichtet wird, oder indem es wieder demjenigen Elementarvorgang integriert wird, aus dem es hervorgegangen ist.

48. Seele. Ich habe mich im Verlaufe meiner Untersuchungen der Struktur des Unbewussten veranlasst gesehen, eine begriffliche Unterscheidung durchzuführen zwischen S. und Psyche. Unter Psyche verstehe ich die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, der bewussten sowohl wie der unbewussten. Unter S. dagegen verstehe ich einen bestimmten, abgegrenzten Funktionskomplex, den man am besten als eine „Persönlichkeit“ charakterisieren könnte. Um zu beschreiben, was ich des Nähern damit meine, muss ich noch einige fernerliegende Gesichtspunkte herbeiziehen. Es sind besonders die Erscheinungen des Somnambulismus, der Charakterverdoppelung, der Persönlichkeitsspaltung, um deren Erforschung sich in erster Linie französische Forscher verdient gemacht haben, welche uns den Gesichtspunkt einer möglichen Mehrheit von Persönlichkeiten in einem und demselben Individuum nahegelegt haben.[372] Es ist ohne weiteres klar, dass bei einem normalen Individuum eine solche Mehrheit von Persönlichkeiten niemals in Erscheinung treten kann; aber die durch diese Fälle dargetane Möglichkeit einer Persönlichkeitsdissociation dürfte wenigstens als Andeutung auch in der normalen Breite existieren. Tatsächlich gelingt es auch einer etwas geschärften psychologischen Beobachtung unter nicht allzu grossen Schwierigkeiten bei normalen Individuen wenigstens andeutungsweise Spuren einer Charakterspaltung nachzuweisen. Man muss z. B. nur jemand unter verschiedenen Umständen genau beobachten, dann wird man entdecken, wie auffallend seine Persönlichkeit beim Übergang von einem Milieu ins andere sich verändert, wobei jedesmal ein scharfumrissener und von dem frühern deutlich verschiedener Charakter herauskommt. Der sprichwörtliche Ausdruck „Gassenengel-Hausteufel“ ist eine der alltäglichen Erfahrung entsprungene Formulierung des Phänomens der Persönlichkeitsspaltung. Ein bestimmtes Milieu erfordert eine bestimmte Einstellung. Je länger oder je öfter diese dem Milieu entsprechende Einstellung erfordert ist, desto eher wird sie habituell. Sehr viele Menschen von der gebildeten Klasse müssen sich meistens in zwei total verschiedenen Milieus bewegen, im häuslichen Kreise, in der Familie und im Geschäftsleben. Die beiden total verschiedenen Umgebungen erfordern zwei total verschiedene Einstellungen, die je nach dem Grade der [Identifikation] (s. d.) des Ich mit der jeweiligen Einstellung eine Verdoppelung des Charakters bedingen. Den sozialen Bedingungen und Notwendigkeiten entsprechend orientiert sich der soziale Charakter einerseits nach den Erwartungen oder den Anforderungen des geschäftlichen Milieus, andererseits nach den sozialen Absichten und Bestrebungen des Subjekts. Der häusliche Charakter dürfte sich in der Regel mehr nach den gemütlichen und den Bequemlichkeitsansprüchen des Subjekts gestalten, woher es kommt, dass Leute, die im öffentlichen Leben äusserst energisch, mutig, hartnäckig, eigensinnig und rücksichtslos sind, zu Hause und in der Familie als gutmütig, weich, nachgiebig und schwach erscheinen. Welches ist nun der wahre Charakter, die wirkliche Persönlichkeit? Diese Frage ist oft unmöglich zu beantworten. Diese kurze Überlegung zeigt, dass auch beim normalen Individuum die Charakterspaltung keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehört. Man ist darum wohl berechtigt, die Frage der Persönlichkeitsdissociation auch als ein Problem der normalen Psychologie zu behandeln. Nach meiner Ansicht wäre — um die Erörterung fortzusetzen — die obige Frage dahin zu beantworten, dass ein solcher Mensch überhaupt keinen wirklichen Charakter hat, d. h. überhaupt nicht [individuell] (s. d.) ist, sondern [collektiv] (s. d.), d. h. den allgemeinen Umständen, den allgemeinen Erwartungen entsprechend. Wäre er individuell, so hätte er nur einen und denselben Charakter bei aller Verschiedenheit der Einstellung. Er wäre nicht identisch mit der jeweiligen Einstellung und könnte und wollte es nicht hindern, dass seine Individualität im einen wie im andern Zustand irgendwie zum Ausdruck käme. Tatsächlich ist er individuell, wie jedes Wesen, aber unbewusst. Durch seine mehr oder weniger vollständige Identifikation mit der jeweiligen Einstellung täuscht er mindestens die andern, oft auch sich selbst, über seinen wirklichen Charakter; er nimmt eine Maske vor, von der er weiss, dass sie einerseits seinen Absichten, andererseits den Ansprüchen und Meinungen seiner Umgebung entspricht, wobei bald das eine, bald das andere Moment überwiegt. Diese Maske, nämlich die ad hoc vorgenommene Einstellung, nannte ich Persona[373], was die Bezeichnung der Maske des antiken Schauspielers war. Wer sich mit der Maske identifiziert, den nenne ich „persönlich“ (im Gegensatz zu „individuell“).

Die beiden Einstellungen des obgedachten Falles sind zwei collektive Persönlichkeiten, die wir schlechthin unter dem Namen Persona oder Personae zusammenfassen wollen. Ich habe oben bereits angedeutet, dass die wirkliche Individualität von beiden verschieden ist. Die Persona ist also ein Funktionskomplex, der aus Gründen der Anpassung oder der notwendigen Bequemlichkeit zustande gekommen, aber nicht identisch ist mit der Individualität. Der Funktionskomplex der Persona bezieht sich ausschliesslich auf das Verhältnis zu den Objekten.

Von der Beziehung des Individuums zum äussern Objekt ist nun die Beziehung zum Subjekt scharf zu unterscheiden. Mit dem Subjekt meine ich zunächst jene vagen oder dunklen Regungen, Gefühle, Gedanken und Empfindungen, die nicht nachweisbar aus der Kontinuität des bewussten Erlebens am Objekt zufliessen, sondern eher störend und hemmend, bisweilen auch fördernd aus dem dunklen Innern, aus den Unter- und Hintergründen des Bewusstseins auftauchen und in ihrer Gesamtheit die Wahrnehmung vom Leben des Unbewussten ausmachen. Das Subjekt, als „inneres“ Objekt aufgefasst, ist das Unbewusste. Wie es ein Verhältnis zum äussern Objekt, eine äussere Einstellung gibt, so gibt es auch ein Verhältnis zum innern Objekt, eine innere Einstellung. Es ist verständlich, dass diese innere Einstellung wegen ihres äusserst intimen und schwer zugänglichen Wesens eine bei weitem unbekanntere Sache ist, als die äussere Einstellung, die jedermann ohne weiteres sehen kann. Jedoch scheint es mir nicht zu schwierig, sich von dieser innern Einstellung einen Begriff zu machen. Alle jene sogenannten zufälligen Hemmungen, Launen, Stimmungen, vagen Gefühle und Phantasiefragmente, welche bisweilen die konzentrierte Arbeitsleistung, bisweilen auch die Ruhe des normalsten Menschen stören und bald auf körperliche Ursachen, bald auf sonstige Anlässe zurückrationalisiert werden, haben fast in der Regel ihren Grund nicht in den ihnen vom Bewusstsein zugedachten Ursachen, sondern sind Wahrnehmungen von unbewussten Vorgängen. Zu diesen Erscheinungen gehören natürlich auch die Träume, die man ja, wie bekannt, gerne auf solche äussere und oberflächliche Ursachen, wie Indigestionen, Rückenlage und dergl. m. zurückführt, obschon eine solche Erklärung einer strengern Kritik niemals standhält. Die Einstellung der einzelnen Menschen ist diesen Dingen gegenüber eine ganz verschiedene. Der eine lässt sich von seinen innern Vorgängen nicht im geringsten anfechten, er kann darüber sozusagen gänzlich hinwegsehen, der andere aber ist ihnen im höchsten Mass unterworfen; schon beim Aufstehen verdirbt ihm irgend eine Phantasie oder ein widerwärtiges Gefühl die Laune für den ganzen Tag, eine vage, unangenehme Empfindung suggeriert ihm den Gedanken an eine heimliche Krankheit, ein Traum hinterlässt ihm eine düstere Ahnung, obschon er sonst nicht abergläubisch ist. Andere wiederum sind nur episodisch diesen unbewussten Regungen zugänglich oder nur einer gewissen Kategorie derselben. Dem einen sind sie vielleicht überhaupt noch nie zum Bewusstsein gekommen als etwas, worüber man denken könnte, dem andern aber sind sie ein Problem täglichen Grübelns. Der eine bewertet sie physiologisch, oder schreibt sie dem Verhalten des Nächsten zu, der andere findet in ihnen eine religiöse Offenbarung.