Solange ein S. lebendig ist, ist es der Ausdruck einer sonstwie nicht besser zu kennzeichnenden Sache. Das S. ist nur lebendig, solange es bedeutungsschwanger ist. Ist aber sein Sinn aus ihm geboren, d. h. ist derjenige Ausdruck gefunden, welcher die gesuchte, erwartete oder geahnte Sache noch besser als das bisherige S. formuliert, so ist das S. tot, d. h. es hat nur noch historische Bedeutung. Man kann deshalb von ihm immer noch als von einem S. reden, unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass man von ihm spricht, als das, was es war, als es seinen bessern Ausdruck noch nicht aus sich geboren hatte. Die Art und Weise, wie Paulus und die ältere mystische Spekulation das Kreuzsymbol behandeln, zeigt, dass es für sie ein lebendiges S. war, welches Unaussprechliches in unübertrefflicher Weise darstellte. Für jede esoterische Erklärung ist das S. tot, denn es ist durch die Esoterik auf einen (sehr oft vermeintlich) bessern Ausdruck gebracht, wodurch es zum blossen konventionellen Zeichen für anderwärts völliger und besser bekannte Zusammenhänge dient. Lebendig ist das S. immer nur für den exoterischen Standpunkt. Ein Ausdruck, der für eine bekannte Sache gesetzt wird, bleibt immer ein blosses Zeichen und ist niemals S. Es ist darum ganz unmöglich, ein lebendiges, d. h. bedeutungsschwangeres S. aus bekannten Zusammenhängen zu schaffen. Denn das so Geschaffene enthält nie mehr, als was darein gelegt wurde. Jedes psychische Produkt, insofern es der augenblicklich bestmögliche Ausdruck für einen annoch unbekannten oder bloss relativ bekannten Tatbestand ist, kann als Symbol aufgefasst werden, insofern man geneigt ist, anzunehmen, dass der Ausdruck auch das, was erst geahnt, aber noch nicht klar gewusst ist, bezeichnen wolle. Insofern jede wissenschaftliche Theorie eine Hypothese einschliesst, also eine antizipierende Bezeichnung eines im wesentlichen noch unbekannten Tatbestandes ist, ist sie ein S. Des Weitern ist jede psychologische Erscheinung ein S. unter der Annahme, dass sie noch ein Mehreres und Anderes besage oder bedeute, was sich der gegenwärtigen Erkenntnis entziehe. Diese Annahme ist schlechterdings überall möglich, wo ein Bewusstsein ist, das auf weitere Bedeutungsmöglichkeiten der Dinge eingestellt ist. Sie ist nur da nicht möglich, und zwar bloss für dieses selbe Bewusstsein, wo es selber einen Ausdruck hergestellt hat, der genau soviel besagen soll, als die Absicht seiner Herstellung wollte, also z. B. ein mathematischer Ausdruck. Für ein anderes Bewusstsein aber besteht diese Einschränkung keineswegs. Es kann auch den mathematischen Ausdruck als ein S. auffassen für einen in der Absicht seiner Herstellung verborgenen, unbekannten psychischen Tatbestand, insofern dieser Tatbestand demjenigen, der den semiotischen Ausdruck geschaffen hat, nachweisbar nicht bekannt ist und darum nicht Gegenstand einer bewussten Benützung sein konnte. Ob etwas ein S. sei oder nicht, hängt zunächst von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins ab, eines Verstandes z. B., der den gegebenen Tatbestand nicht bloss als solchen, sondern auch als Ausdruck von Unbekanntem ansieht. Es ist daher wohl möglich, dass jemand einen Tatbestand herstellt, der seiner Betrachtung keineswegs symbolisch erscheint, wohl aber einem andern Bewusstsein. Ebenso ist der umgekehrte Fall möglich. Es gibt nun allerdings Produkte, deren symbolischer Charakter nicht bloss von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt, sondern sich von sich aus in einer symbolischen Wirkung auf den Betrachtenden offenbart. Es sind dies Produkte, die so gestaltet sind, dass sie jeglichen Sinnes entbehren müssten, wenn ihnen nicht ein symbolischer Sinn zukäme. Ein Dreieck mit einem darin eingeschlossenen Auge ist als reine Tatsächlichkeit dermassen sinnlos, dass der Betrachtende es unmöglich als eine bloss zufällige Spielerei auffassen kann. Eine solche Gestaltung drängt eine symbolische Auffassung unmittelbar auf. Unterstützt wird diese Wirkung entweder durch ein öfteres und identisches Vorkommen derselben Gestaltung oder durch eine besonders sorgfältige Art der Herstellung, welche nämlich der Ausdruck eines darauf verlegten besondern Wertes ist. S., die nicht in dieser eben beschriebenen Weise aus sich wirken, sind entweder tot, d. h. durch bessere Formulierung überholt, oder Produkte, deren symbolische Natur ausschliesslich von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt. Wir können diese Einstellung, welche die gegebene Erscheinung als symbolisch auffasst, abgekürzt als symbolische Einstellung bezeichnen. Sie ist durch das Verhalten der Dinge nur zum Teil berechtigt, zum andern Teil ist sie Ausfluss einer bestimmten Weltanschauung, welche nämlich dem Geschehen, sei es im Grossen oder Kleinen, einen Sinn beimisst und auf diesen Sinn einen gewissen grössern Wert legt, als auf die reine Tatsächlichkeit. Dieser Anschauung steht eine andere Anschauung gegenüber, die den Akzent stets auf die reine Tatsächlichkeit legt und den Sinn den Tatsachen unterordnet. Für diese letztere Einstellung gibt es überall dort keine S., wo die Symbolik ausschliesslich auf der Art der Betrachtung beruht. Dagegen gibt es auch für sie S., nämlich eben solche, die den Betrachter zur Vermutung eines verborgenen Sinnes auffordern. Ein stierköpfiges Götterbild kann zwar als ein Menschenleib mit einem Stierkopf drauf erklärt werden. Diese Erklärung dürfte aber der symbolischen Erklärung kaum die Wage halten, denn das S. ist zu aufdringlich, als dass es übergangen werden könnte. Ein S., das seine symbolische Natur aufdringlich dartut, braucht noch kein lebendiges S. zu sein. Es kann z. B. bloss auf den historischen oder philosophischen Verstand wirken. Es erweckt intellektuelles oder ästhetisches Interesse. Lebendig heisst ein S. aber nur dann, wenn es ein best- und höchstmöglicher Ausdruck des Geahnten und noch nicht Gewussten auch für den Betrachtenden ist. Unter diesen Umständen bewirkt es unbewusste Anteilnahme. Es hat lebenerzeugende und -fördernde Wirkung. Wie Faust sagt:
„Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein —“ Das lebendige S. formuliert ein wesentliches unbewusstes Stück, und je allgemeiner verbreitet dieses Stück ist, desto allgemeiner ist auch die Wirkung des S., denn es rührt in jedem die verwandte Saite an. Da das S. einerseits der bestmögliche und für die gegebene Epoche nicht zu übertreffende Ausdruck für das noch Unbekannte ist, so muss es aus dem Differenziertesten und Kompliziertesten der zeitgenössischen geistigen Atmosphäre hervorgehen. Da das lebendige S. andererseits aber das Verwandte einer grössern Menschengruppe in sich schliessen muss, um überhaupt auf eine solche wirken zu können, so muss es gerade das erfassen, was einer grössern Menschengruppe gemeinsam sein kann. Dies kann nun niemals das Höchstdifferenzierte, das Höchsterreichbare sein, denn das erreichen und verstehen nur die wenigsten, sondern es muss etwas noch so Primitives sein, dass dessen Omnipräsenz ausser allem Zweifel steht. Nur wenn das S. dieses erfasst und auf den höchstmöglichen Ausdruck bringt, hat es allgemeine Wirkung. Darin besteht die gewaltige und zugleich erlösende Wirkung eines lebendigen sozialen S.
Das Gleiche nun, was ich hier vom sozialen S. sage, gilt für das individuelle S. Es gibt individuelle psychische Produkte, die offenkundig symbolischen Charakter haben, die ohne weiteres zu einer symbolischen Auffassung drängen. Für das Individuum haben sie eine ähnliche funktionelle Bedeutung, wie das soziale S. für eine grössere Menschengruppe. Diese Produkte sind aber nie von einer ausschliesslich bewussten oder ausschliesslich unbewussten Abstammung, sondern gehen aus einer gleichmässigen Mitwirkung beider hervor. Die reinen Bewusstseinsprodukte sowohl wie die ausschliesslich unbewussten Produkte sind nicht eo ipso überzeugend symbolisch, sondern es bleibt der symbolischen Einstellung des betrachtenden Bewusstseins überlassen, ihnen den Charakter des S. zuzuerkennen. Sie können aber ebensowohl auch als rein kausal bedingte Tatsachen aufgefasst werden, etwa in dem Sinne, wie man das rote Exanthem des Scharlachs als ein „Symbol“ des Scharlachs auffassen kann. Man spricht in diesem Fall allerdings mit Recht von „Symptom“ und nicht von Symbol. Freud hat m. E. darum von seinem Standpunkt aus mit Recht nicht von symbolischen, sondern von Symptomhandlungen[375] gesprochen, denn für ihn sind diese Erscheinungen nicht symbolisch in dem hier definierten Sinne, sondern symptomatische Zeichen eines bestimmten und allgemein bekannten grundliegenden Prozesses. Es gibt natürlich Neurotiker, die ihre unbewussten Produkte, welche in erster Linie und hauptsächlich Krankheitssymptome sind, als höchst bedeutungsvolle S. auffassen. Aber im allgemeinen ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil, der Neurotiker von heute ist nur zu sehr geneigt, auch das Bedeutungsvolle nur als „Symptom“ aufzufassen. Die Tatsache, dass es zwei distinkte, einander widersprechende und von hüben und drüben eifrig verfochtene Auffassungen gibt über Sinn und Nichtsinn der Dinge, belehrt uns, dass es offenbar Vorgänge gibt, die keinen besondern Sinn ausdrücken, die blosse Konsequenzen, nichts wie Symptome sind, und andere Vorgänge, welche einen verborgenen Sinn in sich tragen; die nicht bloss von etwas abstammen, sondern vielmehr zu etwas werden wollen und die darum S. sind. Es ist unserm Takt und unserer Kritik überlassen, zu entscheiden, wo wir es mit Symptomen, und wo mit S. zu tun haben.
Das S. ist immer ein Gebilde höchst komplexer Natur, denn es setzt sich zusammen aus den Daten aller psychischen Funktionen. Es ist infolgedessen weder rationaler, noch irrationaler Natur. Es hat zwar eine Seite, die der Vernunft entgegenkommt, aber auch eine Seite, die der Vernunft unzugänglich ist, indem es nicht nur aus Daten rationaler Natur, sondern auch aus den irrationalen Daten der reinen innern und äussern Wahrnehmung zusammengesetzt ist. Das Ahnungsreiche und Bedeutungsschwangere des Symbols spricht ebenso wohl das Denken, wie das Fühlen an, und seine eigenartige Bildhaftigkeit, wenn zu sinnlicher Form gestaltet, erregt die Empfindung sowohl wie die Intuition. Das lebendige S. kann nicht zustande kommen in einem stumpfen und wenig entwickelten Geiste, denn ein solcher wird sich am schon vorhandenen S., wie es ihm das traditionell Bestehende darbietet, genügen lassen. Nur die Sehnsucht eines hoch entwickelten Geistes, dem das gebotene S. die höchste Vereinigung in einem Ausdruck nicht mehr vermittelt, kann ein neues S. erzeugen. Indem das S. aber eben aus seiner höchsten und letzten geistigen Errungenschaft hervorgeht, und zugleich auch die tiefsten Gründe seines Wesens einschliessen muss, so kann es nicht einseitig aus den höchst differenzierten geistigen Funktionen hervorgehen, sondern es muss auch im gleichen Masse den niedersten und primitivsten Regungen entstammen. Damit diese Zusammenwirkung gegensätzlichster Zustände überhaupt möglich wird, müssen sie beide in vollstem Gegensatz bewusst neben einander stehen. Dieser Zustand muss eine heftigste Entzweiung mit sich selbst sein und zwar in dem Masse, dass sich Thesis und Antithesis negieren, und das Ich doch seine unbedingte Anteilnahme an Thesis und Antithesis anerkennen muss. Besteht aber eine Unterlegenheit des einen Teiles, so wird das S. vorwiegend das Produkt des andern Teiles sein und eben in selbem Masse auch weniger S. als Symptom sein, nämlich Symptom einer unterdrückten Antithesis. In dem Masse aber, in welchem ein S. blosses Symptom ist, ermangelt es auch der befreienden Wirkung, denn es drückt nicht die völlige Existenzberechtigung aller Teile der Psyche aus, sondern erinnert an die Unterdrückung der Antithesis, auch wenn sich das Bewusstsein hievon nicht Rechenschaft ablegen sollte. Besteht aber eine völlige Gleichheit und Gleichberechtigung der Gegensätze, bezeugt durch die unbedingte Anteilnahme des Ich an Thesis und Antithesis, so ist damit ein Stillstand des Wollens geschaffen, denn es kann nicht mehr gewollt werden, weil jedes Motiv sein gleich starkes Gegenmotiv neben sich hat. Da das Leben niemals einen Stillstand erträgt, so entsteht eine Stauung der Lebensenergie, die zu einem unerträglichen Zustand führen würde, wenn nicht aus der Gegensatzspannung eine neue vereinigende Funktion entstünde, welche über die Gegensätze hinausführt. Sie entsteht aber natürlicherweise aus der durch die Aufstauung bewirkten Regression der Libido. Da durch die gänzliche Entzweiung des Willens ein Fortschritt unmöglich gemacht ist, so strömt die Libido nach rückwärts ab, der Strom fliesst gleichsam zur Quelle zurück, d. h. bei Stillstellung und Inaktivität des Bewusstseins entsteht eine Aktivität des Unbewussten, wo alle differenzierten Funktionen ihre gemeinsame, archaïsche Wurzel haben, wo jene Vermischtheit der Inhalte besteht, von der die primitive Mentalität noch zahlreiche Überreste aufweist. Durch die Aktivität des Unbewussten wird nun ein Inhalt zu Tage gefördert, der gleichermassen durch Thesis und Antithesis konstelliert ist und sich zu beiden [kompensatorisch] (s. d.) verhält. Da dieser Inhalt sowohl eine Beziehung zur Thesis wie zur Antithesis aufweist, so bildet er einen mittleren Grund, auf dem sich die Gegensätze vereinigen können. Fassen wir z. B. den Gegensatz als den von Sinnlichkeit und Geistigkeit auf, so bietet der mittlere aus dem Unbewussten geborene Inhalt vermöge seines geistigen Beziehungsreichtums der geistigen Thesis einen willkommenen Ausdruck, und vermöge seiner sinnlichen Anschaulichkeit erfasst er die sinnliche Antithesis. Das zwischen Thesis und Antithesis zerspaltene Ich aber findet in dem einen mittleren Grund sein Gegenstück, seinen einen und eigenen Ausdruck, und es wird ihn begierig ergreifen, um sich aus seiner Zerspaltung zu erlösen. Daher strömt die Spannung der Gegensätze in den mittleren Ausdruck ein und verteidigt ihn gegen den alsbald an ihm und in ihm beginnenden Kampf der Gegensätze, welche beide versuchen, den neuen Ausdruck in ihrem Sinne aufzulösen. Die Geistigkeit will aus dem Ausdruck des Unbewussten etwas Geistiges machen, die Sinnlichkeit aber etwas Sinnliches, die eine will Wissenschaft oder Kunst, die andere sinnliches Erleben daraus schaffen. Die Auflösung des unbewussten Produktes in das eine oder andere gelingt, wenn das Ich nicht völlig zerspalten war, sondern mehr auf dieser als auf jener Seite stand. Gelingt nun der einen Seite die Auflösung des unbewussten Produktes, so fällt nicht nur das unbewusste Produkt an diese Seite, sondern auch das Ich, wodurch eine Identifikation des Ich mit der meistbegünstigten Funktion (s. [minderwertige Funktion]) entsteht. Infolgedessen wird sich der Zerspaltungsprozess später auf einer höheren Stufe wiederholen. Gelingt es infolge der Festigkeit des Ich weder der Thesis noch der Antithesis, das unbewusste Produkt aufzulösen, so ist damit dargetan, dass der unbewusste Ausdruck sowohl der einen wie der andern Seite überlegen ist. Die Festigkeit des Ich und die Überlegenheit des mittlern Ausdruckes über Thesis und Antithesis scheinen mir Korrelate zu sein, die einander gegenseitig bedingen. Bisweilen will es scheinen, als ob die Festigkeit der angebornen Individualität das Ausschlaggebende wäre, bisweilen auch, als ob der unbewusste Ausdruck eine überlegene Kraft besässe, welche das Ich zur unbedingten Festigkeit veranlasst. In Wirklichkeit dürfte es aber vielleicht so sein, dass die Festigkeit und Bestimmtheit der Individualität einerseits und die überlegene Kraft des unbewussten Ausdruckes nichts als Zeichen eines und desselben Tatbestandes sind. Bleibt der unbewusste Ausdruck dermassen erhalten, so bildet er einen nicht aufzulösenden, sondern zu formenden Rohstoff, der zum gemeinsamen Gegenstand für Thesis und Antithesis wird. Er wird dadurch zu einem neuen, die ganze Einstellung beherrschenden Inhalt, der die Zerspaltung aufhebt und die Kraft der Gegensätze in ein gemeinsames Strombett zwingt. Damit ist der Stillstand des Lebens aufgehoben und das Leben kann weiter fliessen mit neuer Kraft und neuen Zielen.
Ich habe diesen eben beschriebenen Vorgang in seiner Totalität als transscendente Funktion benannt, wobei ich unter „Funktion“ nicht eine Grundfunktion, sondern eine komplexe, aus andern Funktionen zusammengesetzte Funktion verstehe, und mit „transscendent“ keine metaphysische Qualität bezeichnen will, sondern die Tatsache, dass durch diese Funktion ein Übergang von der einen Einstellung in eine andere geschaffen wird. Der von Thesis und Antithesis bearbeitete Rohstoff, der in seinem Formungsprozess die Gegensätze vereinigt, ist das lebendige S. In seinem für eine lange Epoche nicht aufzulösenden Rohstoff liegt sein Ahnungsreiches und in der Gestalt, die sein Rohstoff durch die Einwirkung der Gegensätze empfängt, liegt seine Wirkung auf alle psychischen Funktionen. Andeutungen der Grundlagen des symbolbildenden Prozesses finden sich in den spärlichen Berichten über die Initiationsperioden der Religionsstifter, z. B. Jesus und Satan, Buddha und Mara, Luther und der Teufel, Zwingli und seine weltliche Vorgeschichte, die Erneuerung des Faust durch den Kontrakt mit dem Teufel bei Goethe. In Zarathustra finden wir gegen den Schluss ein treffliches Beispiel für die Unterdrückung der Antithese in der Gestalt des „hässlichsten Menschen“.
53. Synthetisch. (Siehe [konstruktiv].)
54. Transscendente Funktion. (Siehe [Symbol].)
55. Trieb. Wenn ich von T. in dieser oder andern Arbeiten spreche, so meine ich damit dasselbe, was gemeinhin unter diesem Worte verstanden ist: nämlich Nötigung zu gewissen Tätigkeiten. Die Nötigung kann hervorgehen aus einem äussern oder innern Reiz, der den Mechanismus des T. psychisch auslöst oder aus organischen Gründen, die ausserhalb der Sphäre psychischer Kausalbeziehungen liegen. Triebmässig ist jede psychische Erscheinung, die aus keiner durch Willensabsicht gesetzten Verursachung hervorgeht, sondern aus dynamischer Nötigung, ob nun diese Nötigung aus organischen, also ausserpsychischen Quellen direkt abstammt, oder wesentlich bedingt ist von durch Willensabsicht bloss ausgelösten Energien; in letzterm Fall mit der Einschränkung, dass das hervorgebrachte Resultat die durch die Willensabsicht bezweckte Wirkung übersteigt. Unter den Begriff des T. fallen m. E. alle diejenigen psychischen Vorgänge, über deren Energie das Bewusstsein nicht disponiert.[376] Nach dieser Auffassung gehören also die [Affekte] (s. d.) ebensowohl zu den T.-Vorgängen, wie auch zu den Gefühlsvorgängen (s. [Fühlen]). Psychische Vorgänge, die unter gewöhnlichen Umständen Willensfunktionen sind (d. h. also gänzlich der Bewusstseinskontrolle unterstellt), können abnormerweise zu T.-Vorgängen werden, dadurch, dass sich ihnen eine unbewusste Energie zugesellt. Diese Erscheinung tritt überall da ein, wo die Sphäre des Bewusstseins entweder durch Verdrängungen inkompatibler Inhalte eingeschränkt wird, oder wo infolge von Ermüdung, Intoxikationen oder überhaupt pathologischen Gehirnvorgängen ein „abaissement du niveau mental“ (Janet) stattfindet, wo also mit einem Wort das Bewusstsein die stärkstbetonten Vorgänge nicht mehr oder noch nicht kontrolliert.
Ich möchte solche Vorgänge, die einstmals bei einem Individuum bewusst waren, sich aber mit der Zeit automatisiert haben, nicht als T.-Vorgänge bezeichnen, sondern als automatische Vorgänge. Sie verhalten sich auch normalerweise nicht als T., indem sie niemals unter normalen Umständen als Nötigungen auftreten. Sie tun das nur, wenn ihnen eine Energie zufliesst, die ihnen fremd ist.
56. Typus. T. ist ein den Charakter einer Gattung oder Allgemeinheit in charakteristischer Weise wiedergebendes Beispiel oder Musterbild. In dem engern Sinne der vorliegenden Arbeit ist der T. ein charakteristisches Musterbild einer in vielen individuellen Formen vorkommenden allgemeinen [Einstellung] (s. d.). Von den zahlreichen vorkommenden und möglichen Einstellungen hebe ich in der vorliegenden Untersuchung im ganzen vier heraus, nämlich diejenigen, die sich hauptsächlich nach den vier psychologischen Grundfunktionen orientieren (s. [Funktion]), also nach Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden. Insofern eine solche Einstellung habituell ist und dadurch dem Charakter des Individuums ein bestimmtes Gepräge verleiht, spreche ich von einem psychologischen T. Diese auf die Grundfunktionen basierten T., die man als Denk-, Fühl-, Intuitions- und Empfindungs-T. bezeichnen kann, lassen sich gemäss der Qualität der Grundfunktion in zwei Klassen scheiden: in die rationalen und in die irrationalen T. Zu den ersteren gehören der Denk- und der Fühl-T., zu den letzteren der intuitive und der Empfindungs-T. (s. [rational], [irrational]). Eine weitere Unterscheidung in zwei Klassen erlaubt die vorzugsweise Libidobewegung, nämlich die [Introversion] und [Extraversion] (s. d.). Alle Grundtypen können sowohl der einen wie der andern Klasse angehören, je nach ihrer vorherrschenden mehr introvertierten oder mehr extravertierten Einstellung. Ein Denk-T. kann zur introvertierten oder zur extravertierten Klasse gehören, ebenso irgend ein anderer T. Die Unterscheidung in rationale und irrationale T. ist ein anderer Gesichtspunkt und hat mit Introversion und Extraversion nichts zu tun.