Ich habe in zwei vorläufigen Mitteilungen der Typenlehre[377] den Denk- und den Fühl-T. nicht vom introvertierten und extravertierten T. unterschieden, sondern den Denk-T. mit dem introvertierten und den Fühl-T. mit dem extravertierten T. identifiziert. Bei der völligen Durcharbeitung des Materials habe ich aber eingesehen, dass man den Introversions-T. sowohl wie den Extraversions-T. als den Funktions-T. übergeordnete Kategorien behandeln muss. Diese Trennung entspricht auch durchaus der Erfahrung, indem es unzweifelhaft z. B. zweierlei Fühl-T. gibt, von denen der eine mehr auf sein Gefühlserlebnis, der andere mehr auf das Objekt eingestellt ist.
57. Unbewusst. Der Begriff des U. ist für mich ein ausschliesslich psychologischer Begriff, und kein philosophischer im Sinne eines metaphysischen. Das U. ist m. E. ein psychologischer Grenzbegriff, welcher alle diejenigen psychischen Inhalte oder Vorgänge deckt, welche nicht bewusst sind, d. h. nicht auf das Ich in wahrnehmbarer Weise bezogen sind. Die Berechtigung, überhaupt von der Existenz unbewusster Vorgänge zu reden, ergibt sich mir einzig und allein aus der Erfahrung und zwar zunächst aus der psychopathologischen Erfahrung, welche unzweifelhaft dartut, dass z. B. in einem Falle von hysterischer Amnesie das Ich von der Existenz ausgedehnter psychischer Komplexe nicht weiss, dass aber eine einfache hypnotische Prozedur imstande ist, im nächsten Moment den verlorenen Inhalt vollkommen zur Reproduktion zu bringen. Aus den Tausenden von Erfahrungen dieser Art leitete man die Berechtigung ab, von der Existenz unbewusster psychischer Inhalte zu reden. Die Frage, in welchem Zustande sich ein unbewusster Inhalt befindet, solange er nicht ans Bewusstsein angeschlossen ist, entzieht sich jeder Erkenntnismöglichkeit. Es ist daher ganz überflüssig, darüber Vermutungen anstellen zu wollen. Zu solchen Phantasien gehört die Vermutung der Cerebration, des physiologischen Prozesses usw. Es ist auch ganz unmöglich anzugeben, welches der Umfang des U. sei, d. h. welche Inhalte es in sich fasse. Darüber entscheidet bloss die Erfahrung. Vermöge der Erfahrung wissen wir zunächst, dass bewusste Inhalte durch Verlust ihres energetischen Wertes unbewusst werden können. Dies ist der normale Vorgang des Vergessens. Dass diese Inhalte unter der Bewusstseinsschwelle nicht einfach verloren gehen, wissen wir durch die Erfahrung, dass sie gelegentlich noch nach Jahrzehnten aus der Versenkung auftauchen können unter geeigneten Umständen, z. B. im Traum, in der Hypnose, als Kryptomnesie[378] oder durch Auffrischung von Associationen mit dem vergessenen Inhalt.
Des fernern belehrt uns die Erfahrung, dass bewusste Inhalte ohne allzu erhebliche Werteinbusse durch intentionelles Vergessen, was Freud als Verdrängung eines peinlichen Inhaltes bezeichnet, unter die Bewusstseinsschwelle geraten können. Eine ähnliche Wirkung entsteht durch Dissociation der Persönlichkeit, eine Auflösung der Geschlossenheit des Bewusstseins infolge heftigen Affektes oder infolge eines nervous shock oder durch Persönlichkeitszerfall in der Schizophrenie (Bleuler).
Ebenso wissen wir aus Erfahrung, dass Sinnesperceptionen infolge ihrer geringen Intensität oder infolge Ablenkung der Aufmerksamkeit keine bewusste Apperception erreichen und doch zu psychischen Inhalten werden durch unbewusste Apperception, was wiederum z. B. durch Hypnose nachgewiesen werden kann. Das Gleiche kann der Fall sein für gewisse Schlüsse und sonstige Kombinationen, die wegen zu geringer Wertigkeit oder wegen Ablenkung der Aufmerksamkeit unbewusst bleiben. Schliesslich belehrt uns die Erfahrung auch, dass es unbewusste psychische Zusammenhänge gibt, z. B. mythologische Bilder, welche niemals Gegenstand des Bewusstseins waren, die also ganz aus unbewusster Tätigkeit hervorgehen.
Soweit gibt uns die Erfahrung Anhaltspunkte zur Annahme der Existenz unbewusster Inhalte. Sie kann aber nichts aussagen darüber, was möglicherweise unbewusster Inhalt sein kann. Es ist müssig, darüber Vermutungen anzustellen, weil es ganz unabsehbar ist, was alles unbewusster Inhalt sein könnte. Wo ist die unterste Grenze einer subliminalen Sinnesperception? Gibt es irgend eine Massbestimmung für die Feinheit oder Reichweite unbewusster Kombinationen? Wann ist ein vergessener Inhalt total ausgelöscht? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort.
Unsere bisherige Erfahrung von der Natur unbewusster Inhalte erlaubt uns aber eine gewisse allgemeine Einteilung derselben. Wir können ein persönliches U. unterscheiden, welches alle Acquisitionen der persönlichen Existenz umfasst, also Vergessenes, Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes, Gedachtes und Gefühltes. Neben diesen persönlichen unbewussten Inhalten gibt es aber andere Inhalte, die nicht aus persönlichen Acquisitionen, sondern aus der ererbten Möglichkeit des psychischen Funktionierens überhaupt, nämlich aus der ererbten Hirnstruktur stammen. Das sind die mythologischen Zusammenhänge, die Motive und Bilder, die jederzeit und überall ohne historische Tradition oder Migration neu entstehen können. Diese Inhalte bezeichne ich als collektiv unbewusst. So gut wie die bewussten Inhalte in einer bestimmten Tätigkeit begriffen sind, so sind es auch die unbewussten Inhalte, wie uns die Erfahrung lehrt. Wie aus der bewussten psychischen Tätigkeit gewisse Resultate oder Produkte hervorgehen, so gehen auch aus der unbewussten Tätigkeit Produkte hervor, z. B. Träume und Phantasien. Es ist müssig, darüber zu spekulieren, wie gross der Anteil des Bewusstseins z. B. an den Träumen sei. Ein Traum stellt sich uns dar, wir erschaffen ihn nicht bewusst. Gewiss verändert die bewusste Reproduktion, oder gar schon die Wahrnehmung vieles daran, ohne aber die Grundtatsache der produktiven Regung von unbewusster Provenienz aus der Welt zu schaffen.
Das funktionelle Verhältnis der unbewussten Vorgänge zum Bewusstsein dürfen wir als ein [compensatorisches] (s. d.) bezeichnen, indem der unbewusste Vorgang erfahrungsgemäss das subliminale Material, das durch die Bewusstseinslage konstelliert ist, zu Tage fördert, also alle diejenigen Inhalte, welche, wenn alles bewusst wäre, am bewussten Situationsbilde nicht fehlen könnten. Die compensatorische Funktion des Unbewussten tritt umso deutlicher zu Tage, je einseitiger die bewusste Einstellung ist, wofür die Pathologie reichliche Beispiele liefert.
58. Wille. Als W. fasse ich die dem Bewusstsein disponible psychische Energiesumme auf. Der Willensvorgang wäre demnach ein energetischer Prozess, der durch bewusste Motivation ausgelöst wird. Ich würde also einen psychischen Vorgang, der durch unbewusste Motivation bedingt wird, nicht als Willensvorgang bezeichnen. Der W. ist ein psychologisches Phänomen, das seine Existenz der Kultur und der sittlichen Erziehung verdankt, der primitiven Mentalität aber in hohem Masse fehlt.